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StartseiteEuropa heuteMoscheestreit in Moskau25.10.2010

Moscheestreit in Moskau

Fremdenfeindlichkeit in Russland zeigt sich immer wieder

Der Islam ist in Russland eine der traditionellen Glaubensgemeinschaften, vor allem in der Teilrepublik Tartastan oder im Nordkaukasus. Aber seit ein paar Jahren beklagt der Mufti-Rat, dass die Islamfeindlichkeit im Land, vor allem großen Städten wie Moskau und St. Petersburg, wächst.

Von Mareike Aden

Bis zu zwei Millionen Moslems leben in Moskau.  (dradio.de)
Bis zu zwei Millionen Moslems leben in Moskau. (dradio.de)

Über tausend Gläubige knien beim Freitagsgebet im Hof der größten Moschee Moskaus am Prospekt Mira. Viele haben Plastikplanen oder Isoliermatten unter ihre Gebetsteppiche gelegt gegen Regen und Kälte. Sie wissen, dass die Moschee immer überfüllt ist. Die meisten Moschee-Besucher stammen aus Zentralasien: Von dort strömen seit Jahren Menschen in die russische Hauptstadt, um auf Baustellen oder als Taxifahrer Geld zu verdienen.

Dass es für bis zu zwei Millionen Moslems in Moskau nur vier Moscheen gibt, sei katastrophal, sagt Damir Gisatullin, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Mufti-Rates.

"Selbst wenn es keine Moscheen gibt, irgendwo werden sie beten. Aber wer wird ihnen das richtige erzählen, sie leiten? Das ist ein großes Problem. Das sollten alle Gegner von mehr Moscheen in Moskau verstehen. Wir bringen Neuankömmlingen viel über die russische Gesellschaft, die Kultur und die Gesetze bei. Wir helfen ihnen sich in der neuen Umgebung zu Recht zu finden."

Eigentlich soll im kommenden Frühjahr auf einer Grünfläche im Südosten von Moskau der Bau einer fünften Moschee mit Platz für 3000 Betende beginnen. Die Stadtverwaltung hat dem Mufti-Rat die Fläche zugeteilt. Aber die Bewohner der benachbarten Hochhaussiedlung sammeln nun Unterschriften gegen die Moschee: Sie wollen stattdessen einen Park. Die Liste soll dem Präsidenten übergeben werden. Der 42-jährige Anwohner Roman hat innerhalb einer Stunde mühelos drei Seiten mit Unterschriften zusammen bekommen.

"Einige Leute, die unterschreiben, sagen, dass es ihnen leid tut, dass sie ausgerechnet gegen eine Moschee unterschreiben müssen, aber auch kein Einkaufszentrum haben wollen würden. Andere sagen sie wollen keine Moschee, weil Moslems Radikale sind, weil es so viele gibt, sie Angst haben vor ihnen und sie hier nicht wollen."

Die zunächst vereinzelten Proteste ins Rollen gebracht und gebündelt hat Michail Butrimow, der aus einem anderen Stadtteil kommt. Er ist 24 Jahre alt, die Haare trägt er kurz rasiert. Stolz zeigt er kleine Baumsetzlinge, die Anwohner auf seine Initiative hin vor kurzem auf der Fläche gepflanzt haben. Außerdem haben sie ein Schild aufgestellt, auf dem steht: "Hier wird ein Park sein." Zwar inszeniert Butrimow sich gern als Umweltschützer und Bürgeraktivist und bestreitet islamfeindliche Motive, aber findet dann doch deutliche Worte.

"Ich teile die Meinung des Mufti-Rates nicht, dass Moskau noch fünf oder zehn weitere Moscheen braucht. Gäbe es Ordnung in der Einwanderungspolitik, dann hätten wir weniger illegale Einwanderer und dann würden die Moscheen, die es in Moskau gibt, allen reichen."

Im Moskauer Sova-Analyse-Zentrum, das Rassismus in Russland untersucht, ist Butrimow seit Jahren als Aktivist der rechtsextremen Szene bekannt. Daran, dass Extremisten wie er den Moschee-Streit für sich nutzen können, gibt Sova-Mitarbeiterin Maria Rozalskaya auch dem russischen Staat Mitschuld. Ihrer Ansicht nach wäre es die Aufgabe der ohnehin staatlich kontrollierten Medien, zu erklären, warum weitere Moscheen so dringend nötig sind.

"Dass es Probleme mit dem Moschee-Bau geben würde, war vorhersehbar, denn die allgemeine Fremdenfeindlichkeit ist relativ hoch in Russland. Es gibt immer wieder Wellen der Islamfeindlichkeit -- zuletzt nach den Terroranschlägen auf die Metro im März. Da gab es Überfälle auf muslimisch aussehende Menschen."

Die Sova-Mitarbeiterin fürchtet, dass der Moschee-Streit einen weiteren Keil in die russische Gesellschaft treiben könnte – und den radikalen, islamistischen Kämpfern im Nordkaukasus Futter für ihre Propaganda gegen den russischen Staat und seine Bewohner liefert. Unterdessen hat die Moskauer Stadtverwaltung bereits angekündigt, den Standort für die Moschee zu überdenken.

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