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StartseiteBüchermarktMr. Phillips von 6 bis 708.08.2002

Mr. Phillips von 6 bis 7

Zsolnay Verlag, 240 S., EUR 17,90

John Lanchester wurde 1962 in Hamburg geboren, wuchs im Fernen Osten auf, war lange Zeit Restaurantkritiker des <em>Observers</em> und erhielt für seinen ersten Roman <em>The Debt to Pleasure</em> - auf Deutsch <em>Die Lust und ihr Preis</em> - den Whitbread Book Award. Nun folgt <em>Mr. Phillips</em>.

Hartmut Kasper

Victor Phillips - oder Mr. Phillips, wie ihn sein Erzähler ohne jede Vertraulichkeit nennt - ist um die 50, er nennt eine Klavierlehrerin als Frau nebst zwei Söhnen Tom und Martin sein eigen, und er ist der ehemalige stellvertretende Leiter der Abteilung Rechnungswesen bei Wilkins&Co. Um genau zu sein, ist er erst seit Freitag "ehemalig", denn da wurde ihm gekündigt, und seine Familie ist übers Wochenende noch nicht über die frische Ehemaligkeit seines Arbeitsverhältnisses in Kenntnis gesetzt worden. Und wenn er heute, am Montag Morgen, aus dem Haus geht, dann wähnt seine Familie ihn auf dem Dienstweg, den er seit Freitag, wie gesagt, plötzlich verlassen hat.

Der Leser durfte bereits dem Aufwachen des Helden beiwohnen, man ist in London, Heathrow nah, und im Halbschlaf wehrte sich Mr. Phillips gegen den Fluglärm mit der terroristischen Phantasie eines fluglärmbekämpfenden Nachbarschaftsvereins, der mit Boden-Luft-Raketen gegen die Belästigung vorgeht, wobei die Vereinsmitglieder ob ihrer knappen Kasse auf die Großzügigkeit der Mudschahedin rechnen, die für diesen guten Zweck eine ihrer Stinger-Raketen kostenlos abgeben würden. So abgründig ist das Innenleben eines halbwachen Buchhalters.

Dann aber ist Phillips aufgestanden und hat sich auf seine Tagesreise durch die Stadt gemacht. Einen Tag nämlich begleiten wir ihn, von morgens 6 bis abends 7, und da er kein Ziel hat und es viel Zeit tot zu schlagen gilt, geht es hin und her durch London: Im Battersea Park begegnet er einem berufsmäßigen Pornographen; in der Tate-Gallery hängt sich eine Stammkundin der Kunstsammlung an ihn, die sich ihre Zeit sonst damit vertreibt, Führungen mit Zwischenfragen zu torpedieren; dann Mittagessen mit Sohn Martin; anschließend Besuch in einem Sex-Kino, danach Trinitatis-Gemeinde, wo er einem Vortrag über die schlimmsten Komplikationen bei Wiedergeburten lauscht. Gegen Ende der Tagestour besucht Phillips seine Bank, die gerade überfallen wird, und als Geisel hat er die Freude, neben der von ihm bewunderten TV-Berühmtheit Clarissa Colingford auf dem Teppich liegen zu dürfen. Als neuer Leopold Bloom wird Mr. Phillips von Verlagsseite angepriesen: warum nicht? Wer unterwegs ist von Zuhause nach Zuhause, hat natürlich Ähnlichkeiten mit Odysseus. Und mit mythologischem Auge wird man auch auf der Route des Mr Phillip Sirenen entdecken können, in Schweine verwandelte Männer, Pendler zwischen Skylla und Charybdis. Literarisch ist hier jedoch etwas weniger Aufwand getrieben worden als bei den Vorgängern Homer oder James Joyce: Oft versprüht der Text den Charme eines Sprachlehrwerks: "Wenn Mr. Phillips sich morgens auf den Weg zur Arbeit macht, tritt er aus der vorderen Haustür, bleibt kurz stehen und wirft einen Blick auf das Spalier am Erkerfenster." Oder: "Mr. Phillips, der seine Rückfahrkarte wie ein Einstecktuch in die Jackentasche geschoben hat, steht auf dem Bahnsteig von Clapham Junction und wartet auf seinen Zug." Die Banküberfallepisode schließlich endet furios mit den Sätzen: "Hier spricht die Polizei. Werfen sie die Waffen weg!"

Zwischendurch überrascht Lanchesters Prosa mit exzentrischen Vergleichen; da heißt es beispielsweise: "Wie so viele junge Mütter hat sie den glasigen und abwesenden Blick eines Frontsoldaten." oder: "Ihre Arme und Beine haben die Farbe von Weetabix." Weetabix - das sind Vollkorn-Weizenflocken, die zusammen mit Malzetrakt, Zucker, Salz und Niacin zu ovalen Frühstücksbriketts zusammengepappt sind, man speist sie mit Milch. Bei normalem Tageslicht erscheinen sie graubraun. Solche Arme also, solche Beine?

Und wenn die Frontunerfahrenen von uns jetzt einmal wissen wollen, wie der glasige und abwesende Blick eines Frontsoldaten aussehen mag, müssen sie nur noch jungen Müttern in die Augen schauen.

Manchmal aber wendet Phillips den Blick von London ab, diesem Zauberreich voller junger Leute, die DiscMen in den Ohren haben, Männern, die in Handys sprechen und Autofahrer, die in der Nase bohren, und er richtet seine Aufmerksamkeit auf innere Rechenvorgänge, das heißt, er übt seine buchhalterische Kunst an mindestens ungewöhnlichen Gegenständen. So überschlägt er an Hand der Kiosk-Auslage, wie viele nackte Frauen pro Jahr in britischen Zeitungen und Zeitschriften erscheinen - nämlich 16.784; oder er rechnet nach, um wieviel größer die Chance, in einer beliebigen Woche vor der Ziehung der Lottozahlen zu sterben, ist, als in dieser Woche 6 Richtige zu haben; schließlich kalkuliert er, wieviel Lebenszeit der durchschnittliche Londoner mit Nichtstun vergeudet.

Und hier - beim Stichwort "Vertun von Zeit" - dürfen wir innehalten und sagen: A propos. Was lernen wir aus dieser Tagesreise?

Dass es sich nicht lohnt, arbeitslos zu werden?

Nun ja.

Aber: Ist das die Quintessenz des Buches?

Besser lasse ich noch einmal den Text selbst sprechen. An einer Stelle geht es um den Nachbarn von Herrn Phillips, Herrn Tomkins, dessen Tochter dank der Klaviernachhilfe von Frau Phillips gerade noch die Prüfung bestanden hatte, um sich dann in einen Turnlehrer zu verlieben und mit diesem nach Neuseeland auszuwandern, wodurch sich jedoch Herrn Tomkins Einstellung zur Welt nicht geändert hätte.

Und diese Stabilität kommentiert Mr. Phillips mit: "Das musste man anerkennen, irgendwie. Oder auch nicht." Und so ist, gewissermaßen, der ganze Mr. Phillips des Mr. Lanchesters: irgendwie, oder auch nicht.

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