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StartseiteVerbrauchertippNachhaltiger Fischgenuss oder PR-Siegel?26.03.2018

MSC-SiegelNachhaltiger Fischgenuss oder PR-Siegel?

Das MSC-Siegel verspricht nachhaltige Fischerei zu zertifizieren und ziert in Deutschland viele Produkte: Vom Alaska-Seelachsfilet bis zur Auster ist alles dabei. Doch sind die Kriterien für die Vergabe des Siegels auch wirklich nachhaltig? Stiftung Warentest hat um Belege gebeten und war nicht immer überzeugt.

Von Dieter Nürnberger

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ILLUSTRATION - Das MSC-Siegel (Marine Stewardship Council), aufgenommen am 08.01.2014 in Stralsund. Die Fischer in Mecklenburg-Vorpommern bangen um Absatz und Preise. Weil für den Ostseehering ein Fischmanagement fehlt, gibt es kein MSC-Siegel (Marine Stewardship Council). Im Jahr 1991 zählte MV noch rund 1000 Küstenfischer. Heute gibt es nur noch 277 Küstenfischer, die hauptberuflich Dorsch und Hering nachstellen. Foto: Stefan Sauer/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Stefan Sauer)
Das MSC-Siegel für viele Fisch-Produkte (dpa / Stefan Sauer)
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Das blau-weiße Siegel des MSC steht für den "Marine Stewardship Council", was sich mit "Rat für Meeresverantwortung" übersetzen lässt. Die gemeinnützige und unabhängige Organisation wurde 1997 gegründet. Das Siegel steht für nachhaltigen Fischfang. Hintergrund ist die alarmierende Situation in den Weltmeeren. Nicole Merbach von der Stiftung Warentest beruft sich auf Zahlen der Welternährungsorganisation FAO:

"30 Prozent aller Fischbestände, die wir weltweit haben, die auch von kommerziellem Interesse sind, sind überfischt. Man muss dafür auch gar nicht so weit gehen: Beispielsweise im Mittelmeer - dort wo ja manch einer seinen Urlaub verbringen wird - sind über 90 Prozent der Bestände überfischt. Daran sollte man vielleicht denken, wenn man im Restaurant sitzt und seinen Fisch isst."

Der MSC gibt einen Standard für nachhaltige Fischerei vor. Die Fischerbetriebe müssen Nachweise erbringen, um das Siegel zu bekommen. Doch ab wann gilt ein Fischbestand als überfischt? Der MSC hält sich hier an Referenzwerte des Internationalen Rates für Meeresforschung, einem Netzwerk von Wissenschaftlern aus 20 Ländern. Eine Überfischung von Beständen sei aufgrund dieser Vorgaben jedoch nicht per se ausgeschlossen, so die Stiftung Warentest:

"Ein Hauptproblem ist, dass die Kriterien des MSC erlauben, dass die Fischerei immer noch bis an ein kritisches Limit heranfischen kann. Nämlich, bis an den Punkt, wo man sagt, ab da ist ein Bestand eventuell so minimiert, dass er sich nicht mehr aus eigener Kraft erneuern kann. Deswegen sind wir der Meinung, dass eine zeitweilige Überfischung hier und da nicht ausgeschlossen ist und das es im Grunde genommen gut wäre, hier mit einem größeren Sicherheitspuffer zu arbeiten."

Einige Fischereibetriebe haben Zertifikat verloren

Die Verbraucherorganisation bat den MSC auch für neun beispielhaft ausgewählte Wildlachsprodukte die Lieferketten offenzulegen. Schließlich lässt sich nur so nachvollziehen, welche Fangbetriebe beteiligt waren und woher die Fische wirklich stammen. Doch nur gut die Hälfte der erbrachten Nachweise waren vollständig, andere hingegen lückenhaft.

Weiterer Kritikpunkt: Bei den Fangmethoden verlangt der MSC lediglich, dass Ökosysteme nicht irreversibel geschädigt werden und auch der Beifang anderer Meeresbewohner vermieden werden sollte. Ob das wirklich ausreicht, ist umstritten, sagt Warentesterin Niccole Merbach.

"Ein Thema sind immer die Grundschleppnetze, wo man weiß, dass die wirklich über den Meeresboden hinweggezogen werden und massive Schäden hinterlassen können. Bei diesem Punkt gibt es sehr viele Kritiker, wie Greenpeace oder auch andere Umweltschutzorganisationen, die sagen, so etwas sollte man unbedingt verbieten. Der MSC aber sagt nein, man behalte sich das Recht vor, jeden Betrieb individuell anzuschauen."

2016, so teilt der MSC mit, sei 17 von 290 lizensierten Fischereibetrieben das Zertifikat wieder entzogen worden. Sanktionsmaßnahmen würden greifen, so die Organisation. Für die Stiftung Warentest fällt das generelle Fazit nicht so überzeugend aus. Es sei gut, dass es das MSC-Siegel gibt, sagt Nicole Merbach, aber:

"Man weiß, da steht ein Fangbetrieb dahinter, der sich bemüht, der sich auch verpflichtet hat, dass die Fischbestände nicht überstrapaziert werden. Auf der anderen Seite ist es so, dass der MSC inzwischen eine große Marktmacht hat und er könnte diese Macht durchaus nutzen, um den Schutz der Meere noch mehr voranzubringen."

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