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Startseite@mediasresPolizei-Pressearbeit in der Kritik18.04.2018

MünchenPolizei-Pressearbeit in der Kritik

Wie viel Pressearbeit darf Polizei? Über diese Frage ist in Bayern ein Streit entbrannt. Die Münchner Polizei bietet schon länger Bilder und nun auch noch Töne zur freien Verfügung an. Der Bayerische Journalisten-Verband sieht die Pressefreiheit bedroht.

Von Linus Lüring

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Ein Mitarbeiter des Social Media Teams der Polizei sitzt in einem Raum im Polizeipräsidium vor seinen Computern.  (dpa / Paul Zinken)
Pressemitteiluungen, Tweets - und nun auch Audio. Viele Polizei-Pressestellen arbeiten multimedial. (dpa / Paul Zinken)
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Auf den ersten Blick war es eine unscheinbare Mail, die Anfang der Woche im Postfach vieler Radiosender in Südbayern landete. Der Absender: "Presseberichtsversand" des Polizeipräsidiums München. Aber schon der Betreff war ungewöhnlich: "O-Ton Großübung" hieß es da. In der Mail wurden den Redaktionen dann MP3-Dateien angeboten, mit fertigen Interviews von zwei Polizeisprechern. Es geht um eine Großübung in München. Die Fragen stellt ein Mitarbeiter der Polizei-Pressestelle. Frage 1: Was passiert genau bei der Übung?

"In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch findet unter anderem auch am Münchner Hauptbahnhof eine gemeinsame Großübung der Bundespolizei, der Polizei München, der Berufsfeuerwehr München statt."

Neben dem Sprecher der Münchner Polizei beantwortet auch der Sprecher Bundespolizeidirektion München die verschiedenen Fragen. Insgesamt verschickte die Polizei 13 Minuten Audiomaterial. Auch beim Bayerischen Journalistenverband bekam man die Mail.

Konkurrenz zu Journalisten?

Dass die Polizei sich selbst interviewt und die Töne dann Redaktionen anbietet, sieht der BJV-Vorsitzende Michael Busch kritisch.

"In der Kritik steht die Polizei bei uns im Journalistenverband schlichtweg aus der Tatsache heraus, dass hier überprofessionell gearbeitet wird. Hier werden Radioaufnahmen präsentiert, die sendefähig sind. Wo ich einfach keinen Kollegen mehr zu dem Ort schicken lassen muss, um darüber berichten zu lassen."

Michael Busch warnt, die Polizei trete mit den fertigen O-Tönen in Konkurrenz zu Journalisten. Das gehe über die "PR-Arbeit" des Unternehmens Polizei deutlich hinaus. Vor allem für freiberufliche Journalisten werde das zum Problem.

"Die klassische Pressearbeit scheint ausgestorben zu sein. - Und damit ein Risiko für die Kollegen die in diesem Bereich arbeiten, damit auch kein Geld mehr zu verdienen."

"Nichts anderes als eine vertonte Pressemitteilung"

Bei der Münchner Polizei wundert man sich über die Kritik des BJV. Sprecher Marcus da Gloria Martins betont im persönlichen Interview: "Für mich ist es nichts anderes als eine vertonte Pressemitteilung. Plus dem Aspekt, dass alle relevanten Akteure, die Bezieher dieser Mail waren, wussten, dass das kommt, weil es eine Absprache war."

Wegen des großen medialen Interesses an der Übung hätte man sich entschlossen, O-Töne per Mail zu versenden, erklärt Da Gloria Martins. Und das sei auch mit den Redaktionen schon Tage vorher ausdrücklich so besprochen worden. Läuft die Kritik des BJV damit ins Leere? Nicht unbedingt. Denn es war nicht der erste Fall, in dem die Münchner Polizei so vorgegangen ist. 

Bei klassischen Pressemitteilungen sei die Resonanz oft gleich Null, bedauert der Polizeisprecher. Deshalb habe man seine Strategie geändert.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wenn wir O-Töne zur Verfügung stellen zu diesem Phänomen, dass es dann doch vereinzelt den Weg in die Nachrichtensendungen findet. Wir machen es ausschließlich bei solchen Themen. Wir haben es noch nie bei Themen gemacht, wo eine kritische Berichterstattung eine Rolle gespielt hat. Also wo wir als Organisation im Fokus stehen. Da haben wir so etwas noch nie gemacht und werden so etwas auch nie machen."

BJV: Pressefreiheit beroht

Das könnte aber auch bedeuten: Die Polizei entscheidet selbst über die Bedeutung der Themen. Für den Vorsitzenden des Bayerischen Journalisten-Verbandes, Michael Busch, könnte sogar die Pressefreiheit bedroht sein.

"Das Thema Pressefreiheit spielt dabei eine Rolle, weil ich der Überzeugung bin, dass vorgefertigte Nachrichten natürlich im Sinne des Beauftragenden - das ist hier die Polizei nun einmal - natürlich einen gewissen Fokus darauf legt, was erscheinen soll und was nicht erscheinen soll."

"Es ist fatal, dass die Medienhäuser da nicht eingreifen"

Der BJV kritisiert aber nicht nur den Absender, in diesem Fall die Polizei - sondern auch die Empfänger, die Redaktionen. Generell würden zu häufig kostenlose Inhalte unkritisch übernommen. Das gelte für O-Töne, aber schon länger für Fotos, kritisiert Busch. Bei Unfällen zum Beispiel nutzten Redaktionen gerne das Bildmaterial der Feuerwehren.

"Wenn die Ausgaben in den Redaktionen immer weiter nach unten gefahren werden, ist es natürlich klar, dass irgendjemand dann in der Redaktion sagt, ich versuche so viel zu bekommen, wie es nur geht und muss dabei aber möglichst wenig bezahlen. Es ist fatal, dass die Medienhäuser selber da nicht eingreifen und sagen wir müssen entsprechend die Möglichkeit bieten, selber unsere Leute bezahlen, die dann auch das Material liefern."

Offenbar muss der Bayerische Journalistenverband für seine Position nicht nur bei der Polizei, sondern auch unter Kollegen noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Im Fall der per Mail verschickten Polizei-Interviews zur Münchner Großübung hätten viele Radiosender den Service der Polizei ausdrücklich gelobt, betont Sprecher Marcus da Gloria Martins.

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