Freitag, 17.11.2017
StartseiteMusikjournalKöpplingers Totentanz23.10.2017

Münchner GärtnerplatztheaterKöpplingers Totentanz

Zur Wiedereröffnung des Münchner Gärtnerplatztheaters wurde Franz Lehárs "Die lustige Witwe" gezeigt, inszeniert vom Hausherren Josef E. Köpplinger. Geboten wurden viele interessante Ansätze, Aufführungstraditionen dieser Operette zu durchbrechen, doch endeten sie meist konventionell.

Von Stefan Frey

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Das Gärtnerplatztheater in München (Bayern), aufgenommen am 29.09.2017.  (picture alliance/dpa - Sven Hoppe)
Am 08.10.2017 wurde das Staatstheater am Gärtnerplatz nach fünf Jahren der Renovierung wieder eröffnet. (picture alliance/dpa - Sven Hoppe)
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Trauer muss die Witwe tragen. Durch einen goldenen Rahmen sieht man sie hinter einem Sarg hergehen. Kurz bleibt sie stehen und schaut durch den Rahmen hindurch auf die Vorderbühne. Dort sitzt kahlköpfig eine dunkle Figur und lächelt ihr zu: der Tod. Dazu erklingt aus einem alten Grammophon Lehárs noch immer betörender Witwen-Walzer.

Ein starkes Bild, das Josef Köpplinger seiner Lustigen Witwe voranstellt. Es suggeriert, dass aus dieser beschwingten Tanzoperette ein düsterer Totentanz werden könnte.

Fiktiver Balkanstaat Pontevedro

Denn Köpplinger lässt die 1905 uraufgeführte Operette unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg spielen. Und der wurde bekanntlich durch die Konflikte auf dem Balkan ausgelöst. Nicht umsonst schließlich stammt das Personal von Lehárs Operette aus dem fiktiven Balkanstaat Pontevedro.

"Ich habe jenen Bezug zur 'Lustigen Witwe', abgesehen davon, dass es ein Repertoirestück für unser Haus ist, dass meine Großtante, die Tante Helene Jahrgang 1896, in der Uraufführung war. Und sie hat mir das ganz anders erzählt. Nämlich, dass diese 'Lustige Witwe' mit sehr viel Spannung stattfand, die Uraufführung mit Polizeischutz, weil Pontevedro ganz klar Montenegro war. Diese Operettenwelt, die irgendwas ist zwischen Wurstelprater und Kapuzinergruft als hätte der Tod seine Schwingen ausgebreitet."

Köpplingers Tante Helene also hat den Tod ins Spiel gebracht. Verkörpert aber wird er vom Tänzer Adam Cooper, berühmt für seinen Auftritt im Film Billy Elliot und Star am Londoner Westend. Doch von seinen tänzerischen Qualitäten ist wenig zu sehen. Umso mehr seine Choreografien, die leider nicht über das übliche "Hoch das Bein" an der Rampe hinauskommen. Bedauerlich bei einer Tanzoperette wie der Lustigen Witwe.

Die Rolle des Todes

Noch bedauerlicher freilich ist die Rolle, die der Tod in den Szenen der Liebespaare spielt. Kaum singen sie ein Duett - schon steht er zwischen ihnen, quetscht sich zu ihnen aufs Kanapee und verhindert so jede Intimität. Zwar ist er für die Figuren unsichtbar, doch stört er zunehmend ihre Kreise. Vor allem die Titelfigur hat darunter zu leiden. Immer vom Tode umschattet, wirkt Camille Schnoors Witwe seltsam unterkühlt, hölzern, ohne jenen burschikosen Charme, der Hanna Glawari einst zur ersten selbstbestimmten Frau auf der Operettenbühne machte.

Denn in der "Lustigen Witwe" ist sie es, die Initiative ergreift und ihren widerspenstigen Grafen Danilo Schritt für Schritt zähmt.

Musik: Franz Lehár, "Maximlied" aus "Die lustige Witwe"

Daniel Prohaskas liederlich-lässiger Auftritt als angetrunkener Attaché im Frack, mit heraushängendem Hemd und wirrer Frisur hat eine charmante Frechheit, die diese durch die Aufführungstradition erstarrte Figur für einen Augenblick aufbricht. Leider steckt er das Hemd schnell wieder in die Hose, sobald er auf seine Hanna trifft. Und das ist symptomatisch für die Regie: viele interessante Ansätze, die nicht weitergeführt werden und konventionell enden.

Figuren in Konventionen gefangen

Was hätten die so unterschiedlichen Charaktere von Hanna und Danilo für ein Konfliktpotenzial geboten! Stattdessen verlieren sich ihre Liebesgefechte in belanglosem Geplänkel. Auch das zweite Paar, Jasmina Sakr und Lucian Krasznec, bleibt in den Konventionen gefangen, gegen die es so unüberhörbar ansingt. Wenn die kokette Gattin des pontevedrinischen Botschafters behauptet, "eine anständige Frau" zu sein, sollte das außer ihrem vertrottelten Ehemann niemand glauben. Dem verleiht Hans Gröning einen durchaus hintergründigen Humor, wie überhaupt die komischen Figuren in Köpplingers dauerbewegter Inszenierung am besten funktionieren. Da stimmen Timing und Typisierung.

Und mit Sigrid Hauser in der Rolle des versoffenen Kanzlisten Njegus ist ihm schließlich ein echter Besetzungscoup gelungen. Dieser erste weibliche Njegus ist ein gewitzter balkanischer Schwejk, der im Maxim auch mal eine Grisette mimt.

Hauser: "Es ist wahnsinnig lustig einen Mann zu spielen, es ist so bequem in den Stiefeln, ich beneide die Männer. Was ich auch sehr lustig fand, dass man als Frau das Studium der Weiber mitmachen darf, grandios, und dann eben als Mann eine Frau zu spielen, diese Travestie, das genieße ich, vor allem weil man auch schlecht tanzen darf, und das liegt mir!"

Musik: Franz Lehár, "Couplet Njegus" aus "Die lustige Witwe"

Neuer Generalmusikdirektor mit Gespür für Nuancen

Musiziert wurde übrigens auch - und das ganz stilgerecht elegant. Der neue Generalmusikdirektor Anthony Bramall hat ein Gespür für Nuancen und setzt auf den schlanken Klang seines sensibel folgenden Orchesters, dessen kleine Besetzung wohl jener der Uraufführung entsprochen haben dürfte.

Dass viele Regieideen in den Konventionen des Genres untergehen, hat auch viel mit der Bühne von Rainer Sinell und Alfred Mayerhofers Kostümen zu tun. Die sind zwar prächtig, aber aus der tiefsten k.u.k.-Klamottenkiste. Dazu blinken dann die Lichter am Bühnenportal, dreht sich die Drehbühne mit obligater Treppe unentwegt, werden Paris, Herbsthimmel und Waldstimmung auf Prospekte projiziert. Und wenn am Ende dann der Erste Weltkrieg ausbricht, kommt noch einmal der Tod ins Spiel, breitet "seine schwarzen Schwingen" aus und küsst die Witwe.

Auch das wieder ein starkes Bild. Trauer müssen jetzt andere tragen.

Musik: Franz Lehár, "Studium der Weiber mit Applaus" aus "Die lustige Witwe"

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