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StartseiteHintergrundÖkonomen: Bargeld abschaffen!26.10.2015

Münzen und Scheine in der KritikÖkonomen: Bargeld abschaffen!

Nur noch drei von fünf Geschäften werden laut Bundesbank bar bezahlt, Tendenz fallend. Brauchen wir Scheine und Münzen? Nein, meinen einige Wirtschaftswissenschaftler. Ohne Bargeld gäbe es weniger Kriminalität; die Geldpolitik wäre einfacher - es gebe kein Recht auf positive Zinsen für Sparer. Diese Alternative, sagen andere, wäre eine totale Überwachung.

Von Caspar Dohmen

Eine ältere Frau zählt und stapelt Eurocents (Imago)
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Diskussion um Bargeld-Abschaffung Brauchen wir wirklich Scheine und Münzen?

Ein Sonntag auf der Museumsinsel in Berlin. Sergey Karamyshew hat auf einem kleinen Tisch Weingläser aufgestellt, die unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllt sind. Er kreist mit seinen Fingern auf dem Rand der Gläser, spielt Mozart, Bach oder Boccerini. Passanten hören dem russischen Glasharfenspieler zu, manche legen Münzen oder Scheine in die Schale, die er vor das Tischchen auf den Gehweg gestellt hat.

Solche Situationen, in denen man ganz beiläufig Bargeld aus der Tasche holt, könnten aus dem Alltag verschwinden. Denn wichtige Ökonomen fordern die Abschaffung von Scheinen und Münzen. Dazu zählen der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und die beiden Harvard-Ökonomen Larry Summers und Kenneth Rogoff. Erst kürzlich hat sich auch Andrew Haldane, Chefökonom der Bank of England, den Bargeld-Kritikern angeschlossen. Ihre Motive sind vor allem eine wirksamere Geldpolitik und höhere Sicherheit.

Ohne Bargeld wären Sparschweine überflüssig. Stattdessen würden am Weltspartag, der seit 1924 jedes Jahr Ende Oktober stattfindet, künftig vielleicht elektronische Sparschwein-Apps auf dem Smartphone geleert. Eine realistische Idee? Zuhörer und Passanten auf der Museumsinsel sind skeptisch.

"Das wäre nichts für mich, das werde ich hoffentlich nicht mehr erleben, denn das kann ich mir nun gar nicht vorstellen, dass jemand so weit in meine finanziellen Verhältnisse Einblick nimmt, dass ich noch nicht einmal über Bargeld verfügen kann, nein, für mich ist Bargeld wichtig."

"Abwegig, abwegig, eine Perversion nach der anderen, elektronische Perversionen häufen sich in unserem Jahrhundert. Ich kann ihm ja nicht eine Kreditkarte hinhalten, ist doch abstrus."

"Mein Gott, irgendein Professor in seinem Elfenbeinturm, die denken sich alles Mögliche aus, aber mit der realistischen Welt hat es doch nichts zu tun."

November 2014. Die Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München platzt aus allen Nähten. Bläser spielen zur Einstimmung. Das renommierte Ifo-Institut hat zu seiner jährlichen Vorlesung mit einem bedeutenden Ökonomen eingeladen. Diesmal spricht der Geldtheoretiker Kenneth Rogoff, Professor an der Harvard-Universität und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Sein Thema: die Abschaffung des Bargeldes.

Rogoff geht es vor allem um ein Problem, das sich für die amerikanische Notenbank ergibt. Die Fed kümmert sich wie die Europäische Zentralbank auch um stabile Preise. Zu ihren Zielen gehört aber auch ein hoher Beschäftigungsstand in den USA. Entsprechend war die US-Notenbank gefragt, als in der Wirtschaftskrise ab 2007 Millionen Amerikaner ihre Arbeit verloren. Die Notenbanker hätten gerne kräftig die Zinsen gesenkt, um die Wirtschaft anzukurbeln – doch sie konnten nicht so, wie sie wollten.

Kenneth Rogoff: "Es gibt eine Menge glaubwürdiger Berichte, nach denen die Fed auf dem Höhepunkt der Finanzkrise die Zinsen am liebsten um ganze vier Prozentpunkte gesenkt hätte. Im Prinzip wollten dies auch viele andere Zentralbanken wie die Bank von England oder die Europäische Zentralbank, aber sie konnten es alle nicht – und zwar, weil es Papiergeld gibt. Dieses Papiergeld macht es unmöglich, die Zinsen deutlich unter Null zu senken. Das Bargeld verhindert negative Zinsen."

Wirtschaftsweiser Peter Bofinger für Abschaffung des Bargeldes

Peter Bofinger, Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auf einer Pressekonferenz in Berlin (imago / CommonLens)Peter Bofinger, Ökonom und Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (imago / CommonLens)

Negative Zinsen oder Minuszinsen bedeuten, dass ein Guthaben auf der Bank belastet wird. Sparen würde also bestraft und Konsumieren belohnt. Doch negative Zinsen lassen sich leicht umgehen, so lange private Sparer ihr Bargeld abheben und lagern können: im Tresor, unter dem Kopfkissen oder sonst wo. Ohne Bargeld hingegen könnten die Zentralbanken die Zinsen jederzeit kräftig unter die Nulllinie senken und so den Konsum und die Wirtschaft ankurbeln.

Genau darum geht es den Bargeld-Gegnern, die meist der Denkschule einer nachfrageorientierten Ökonomie angehören. Sie sehen ein elementares volkswirtschaftliches Problem: Wenn die Menschen Geld horten, statt es in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen, kann die Wirtschaft schlecht wachsen.

Deswegen haben Ökonomen immer wieder über eine moderate Entwertung von Geld nachgedacht, um die Menschen zum Geldausgeben zu animieren. Als Erster beschäftigte sich Silvio Gesell 1916 mit der Idee, er nannte es Schwundgeld, weil es mit der Zeit an Wert verlieren sollte. Aus den 2000er Jahren stammt der Vorschlag eines US-Notenbankers, Geldscheine mit einem Magnetstreifen auszustatten. Wer einen Schein auf ein Konto einzahlt, sollte dafür eine Steuer bezahlen. Eine weitere Idee ist, Seriennummern von Scheinen wie in einer Lotterie auszulosen, die dann wertlos werden. Harvard-Ökonom Rogoff findet diese Vorschläge allerdings viel zu kompliziert.

"Ich denke, die einfachste und eleganteste Lösung wäre es, das Papiergeld einfach abzuschaffen."

Es gibt kein Recht auf positive Zinsen für Sparer. Und der Realzins liegt ohnehin seit Jahren eher unter Null. Das heißt: Berücksichtigt man die Inflationsrate, verlieren die Ersparnisse auf dem Konto an Wert.

Der Ökonom Larry Summers hält die Bargeldabschaffung unabhängig von der jüngsten Wirtschaftskrise für notwendig, weil trotz niedriger Zinsen mehr Geld gespart wird, als die Banken als Kredite vergeben. Ausgleichen würden sich Angebot und Nachfrage nur bei einem Zinssatz von minus vier bis fünf Prozent. Erst dann würden die riesigen Ersparnisse der Bürger von den Konten weg in private und staatliche Investitionen gelenkt.

Bei der Bundesbank allerdings sieht man die Idee, das Bargeld abzuschaffen, kritisch. Bundesbank-Vorstand Claus-Ludwig Thiele:

"Ich halte es für eine rein hypothetische Überlegung, die fern der Praxis ist und mir ist auch keine Partei in Deutschland, auch kein Abgeordneter bekannt, der überhaupt die Abschaffung des Bargeldes fordern würde."

Doch gibt es auch in Deutschland gewichtige Stimmen gegen das Bargeld. Zum Beispiel die des Ökonomie-Professors Peter Bofinger. Er ist einer der "fünf Wirtschaftsweisen", wie die Mitglieder des Sachverständigenrats zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auch genannt werden. In einem Interview mit dem "Spiegel" vor wenigen Monaten bezeichnete er Bargeld als "Anachronismus". Auch um Schwarzarbeit besser zu verhindern, sollte es seiner Ansicht nach abgeschafft werden. Tatsächlich wäre es ohne Bargeld viel schwieriger, Schwarzarbeit zu bezahlen. Wer Schwarzarbeit beauftragt, müsste auf Naturalien oder eine andere Währung zurückgreifen.

Doch nach seinem Plädoyer gegen das Bargeld musste Bofinger eine Welle der Empörung über sich ergehen lassen, weswegen sich der Ökonom derzeit lieber nicht mehr öffentlich zu dem Thema äußern möchte. Die Abschaffung des Bargeldes ist ein Reizthema. Aktuelle Umfragen zeigen, dass drei Viertel der Bundesbürger nicht auf Bargeld verzichten wollen. Dazu gehört Klaus Paschke, der auf dem Antikmarkt neben dem Historischen Museum in Berlin Mitte an seinem Stand regelmäßig Schallplatten, Bücher und Münzen verkauft.

Flohmarkthändler sorgen sich um ihr Geschäft

Trödel steht auf einem Tisch (imago / SMID)Trödel beim Hallenflohmarkt in der Arena Treptow. (imago / SMID)

Auf Flohmärkten oder bei Straßenhändlern seien elektronische Zahlungsmittel, egal ob EC-Karte, Kreditkarte oder Handy, undenkbar, sagt Paschke.

"Ja, erst Mal weiß ich gar nicht, ob derjenige überhaupt Geld hat, ob ich das nicht wieder zurückholen muss, also ich habe zusätzliche Arbeit bei der ganzen Sache wieder."

Ohne Bargeld hätte er Probleme beim Ankauf seiner Waren, ist der Händler überzeugt.

"Nun stellen sie sich vor, ich komme zu den Leuten und sage, Geld habe ich nicht, sie kriegen hier eine elektronische Überweisung, das würde gar nicht funktionieren. Weil in der Regel sind ja, die Leute, die irgendetwas verkaufen, 60 aufwärts, und denen versuchen sie mal irgendwie, bargeldlos irgendwas beizubringen, geht nicht."

Ein Montagmorgen in der Bundesbankfiliale in Berlin. Im Vorraum stehen etwa 30 Menschen und warten auf die Öffnung der Kassenhalle im ersten Stock. Die Kunden hier wollen Geld tauschen, vor allem Kleingeld in Scheine oder beschädigte in unversehrte Banknoten. Mancher tauscht auch alte D-Mark-Noten in Euro oder verkauft Münzen aus Silber oder Gold. Alexander, ein Antiquitätenhändler, kommt regelmäßig her und kennt sich aus.

"Man muss halt rein, also hier die erste Tür, zweite Türe da vorne, kleine Kabine und dann steht jemand hinter der Panzerglasscheibe, da übergibt man dann alles.

Die Beamten der Bundesbank begutachten und zählen das Geld – nach der Herkunft der Münzen und Scheine fragt hier gewöhnlich niemand.

"Die Aussage des Beamten letztes Mal war, keine Sorge, sie müssen hier keinen Ausweis zeigen und sie müssen mir auch nicht sagen, woher es kommt, ich sage, können sie ja fragen, mir ja egal. Es geht hier ja auch nicht um große Summen, ich glaube nicht, dass hier jemand mit Hunderttausenden ankommt oder mehreren Zehntausend."

Ein Bundesbürger hat in seiner Brieftasche durchschnittlich 103 Euro in bar. Die EZB hat aber rund 4000 Euro pro Bürger der Eurozone in Umlauf gebracht. Ähnlich ist die Bargeld-Relation beim US-Dollar. Wie erklärt sich diese Diskrepanz?

Zum einen brauchen Geschäfte Scheine und Münzen als Wechselgeld. Zum anderen horten die Bürger einen Teil des Bargeldes privat. Ein sehr großer Teil liegt vermutlich jedoch in schwarzen Depots. Bargeld ist anonym. Kriminelle lieben es deshalb. Berühmt ist eine Drogenrazzia in Mexiko, bei der Ermittler 2007 in einer Villa sage und schreibe 205 Millionen Dollar Bargeld fanden. Erst kürzlich entdeckten Kripobeamte bei der Durchsuchung einer Wohnung in Köln ein besonderes Versteck: Eine ganze Wand war mit in Folie geschützten 500-Euro-Scheinen beklebt worden, verborgen hinter Putz und Tapete.

Der Bund der Kriminalbeamten fordert, die Bargeldnutzung zu begrenzen – um Kriminalität besser bekämpfen zu können. Vizepräsident Sebastian Fiedler:

"Also wir fordern nicht nur den 500er, sondern auch den 200-Euro-Schein abzuschaffen. Und der Grund ist ganz einfach: Es gibt eine offizielle Stellungnahme der britischen Regierung, die den Spruch geprägt hat, dass 95 Prozent der 500-Euro-Scheine in der Hand von Kriminellen oder Steuerhinterziehern seien."

Eine Million Euro in 500-Euro-Scheinen wiegen knapp zwei Kilo

Der große Schein ist bei Kriminellen vor allem aus praktischen Gründen gefragt.

"Eine Million Euro in 500-Euro-Scheinen wiegt mal so knappe zwei Kilogramm. Andere Währungen, die interessant sind, wie beispielsweise das britische Pfund oder der US-Dollar, die kennen aber nur höchste Noten bis 50 oder 100."

Schon allein wegen des größeren Gewichts und Volumens eignen sich diese Währungen also viel weniger für den Bargeldschmuggel - bei dem heute Milliardensummen bewegt werden.

"Das wird tatsächlich in Kondome eingewickelt und verschluckt, es wird in Fleisch- und Wurstwaren eingearbeitet und vieles, vieles mehr."

Kriminalhauptkommissar Fiedler ist Experte für Geldwäsche. Auch er plädiert dafür, in Deutschland für den Bargeldverkehr Höchstgrenzen einzuführen:

"Ich muss auch ganz persönlich sagen, dass es mir nicht einleuchten will, dass es irgendwie einem Freiheitsgedanken noch zu Grunde liegen soll, dass ich unbedingt ein Fahrzeug für 80.000 Euro in bar kaufen muss, dass ich unbedingt eine Immobilie für sechsstellige Beträge in bar erwerben muss."

Norbert Walter Borjans, sozialdemokratischer Finanzminister aus Nordrhein-Westfalen, hatte eine Beschränkung von 2000 bis 3000 Euro in die Diskussion gebracht. Italien hat die Bezahlung mit Bargeld ab 1.000 Euro schon länger verboten, Frankreich seit diesem Herbst. Gibt es die erhofften Erfolge in der Verbrechensbekämpfung? Bundesbankvorstand Claus-Ludwig Thiele ist skeptisch. Ihm sei nicht bekannt...

"..., dass in den Ländern, wo Obergrenzen für die Bezahlung von Waren oder Dienstleistungen im Bargeldbereich eingeführt wurden, die Kriminalität entsprechend gesunken ist."

Auch illegale Geldgeschäfte würden längst im großen Stil unbar abgewickelt.

"Denn gerade das organisierte Verbrechen im großen Bereich wird bar gar nicht abzuwickeln sein, so dass hier im Grunde genommen immer ein Lösungsweg ausgemalt wird, der aber den Praxistest vermutlich gar nicht besteht."

Notwendig sei eben eine einheitliche europäische Strategie, hält der Kriminalist Fiedler dagegen.

"Ich sage mal ein ganz einfaches Beispiel, als die Italiener hingegangen sind und haben gesagt, wir verbieten Geschäfte in bar über 1.000 Euro, dann gab es durchaus im Norden Italiens deutliche Anzeichen dafür, dass im Bereich von Schmuckkäufen und von Kraftfahrzeugkäufen, die eher in bar im Süden Deutschlands abgewickelt worden sind, und nicht mehr in Italien, wo das nicht mehr ging."

In vielen Situationen ist Bargeld derzeit kaum wegzudenken – von der Kollekte in der Kirche bis zum Spendensammeln auf der Straße. Wie jeden zweiten Freitag im Monat verteilen auf der Kölner Domplatte Freiwillige eine warme Suppe und Lebensmittel an Bedürftige. Inke Beyer, eine der ehrenamtlichen Helferinnen, spricht oft mit Passanten.

"Dann sage ich, dahinten ist ein Glas, da kann man was rein tun. Wir müssen ja ein Auto, auch Sprit finanzieren, um die Sachen hier her zu bringen."

Walter Hermann hält das Glas, es ist gut gefüllt mit Münzen und Scheinen:

"Ja, ganz ohne Geld geht es natürlich nicht. Ja, weil das auch notwendig ist, damit man das organisieren kann."

Spenden für Straßenmusiker per Handy-App?

Eine Frau zeigt ein Smartphone mit der App MyWallet neben einem Empfangsgerät an der Kasse eines Restaurants. (dpa / picture alliance / Oliver Berg)Kontaktlos bezahlen mit dem Smartphone: Eine Frau zeigt die App MyWallet neben einem Empfangsgerät an der Kasse eines Restaurants. (dpa / picture alliance / Oliver Berg)Doch selbst Bettler, Spendensammler oder Straßenmusiker könnten ganz ohne Bargeld parat kommen, ist Andreas Hackethal überzeugt. Er lehrt an der Frankfurter Goethe Universität im House of Finance. Sein Vorschlag: eine App, also ein kleines Handy-Programm.

"Heute sehen sie auch den Menschen, den Künstler an der Straße, er hat auf jeden Fall ein Telefon in der Hand. Das heißt zukünftig wird sein Telefon genau das auch ermöglichen, das heißt in dem Moment, wo es nichts mehr kostet, werden auch diese Herrschaften in der Lage sein Kleinstbeträge auf die Art und Weise anzunehmen und das vielleicht noch viel einfacher, weil die Ausrede der meisten Passanten ist, ich habe kein Kleingeld, diese Ausrede fällt zukünftig weg."

Bei drei von fünf Gelegenheiten zahlen Menschen in Deutschland mit Bargeld – das hat die Bundesbank ausgerechnet. Weil aber vor allem kleinere Beträge bar bezahlt werden, beträgt der Umsatz mit Bargeld beim Einkaufen nur 53 Prozent und sinkt jährlich um einen Prozentpunkt. Sicher auch, weil bargeldloses Einkaufen immer einfacher wird.

Beträge bis 25 Euro lassen sich oft bereits per Funktechnologie kontaktlos zahlen, also ohne dass der Käufer seine Geheimzahl eingeben oder unterschreiben muss. Die Kunden fänden das toll, sagt der Wissenschaftler Andreas Hackethal.

"Schlangen ist etwas, was Kunden nicht mögen und was Händler natürlich auch nicht mögen, weil das alles Zeit kostet. Das heißt, da sind wir beim Bäcker, Sonntagmorgen, Stoßzeiten, oder vielleicht beim Zeitschriftenladen am Kiosk oder eben beim öffentlichen Nahverkehr vor dem Automaten.

Wer einmal im Vorübergehen bezahlt habe, freunde sich schnell mit neuen elektronischen Bezahlsystemen an.

"Und wenn man dann das nächste Mal vor der Frage steht, gehe ich direkt zu dem Automaten, der das erlaubt, oder stelle ich mich denn an und investiere drei oder fünf Minuten, dann wird der Weg wahrscheinlich einen hinweisen zu dem automatisierten mobilen Verfahren."

Skandinavische Länder führend im bargeldlosen Zahlungsverkehr

Schweden und Dänemark bewegen sich bereits hin zur bargeldlosen Gesellschaft. Ab dem nächsten Jahr müssen in Dänemark Tankstellen, Restaurants oder kleine Läden kein Bargeld mehr annehmen. In Schweden zahlen Kunden bereits an Würstchenbuden oder Kiosken Kleinstbeträge elektronisch. In vielen Bankfilialen bekommen Kunden überhaupt kein Bargeld mehr. In Schweden könnte nach Ansicht von Wissenschaftlern bis 2030 die erste bargeldlose Gesellschaft entstehen. Dabei hat Schweden 1661 - als erstes Land in Europa überhaupt – das Papiergeld eingeführt. Der Übergang vom Münz- zum Papiergeld war revolutionär, weil das Geld jetzt keinen Eigenwert mehr hatte. Später erfanden Menschen den Scheck, die Zahlung mit elektronischen Verfahren wie EC- oder Kreditkarte und Online-Bezahlsysteme wie Paypal.

Hackethal blickt durch sein Fenster auf eine Schar Kinder, die auf dem Frankfurter Universitäts-Campus unterwegs sind. Einige spielen Ball, andere sind mit ihrem Smartphone zu Gange.

"Die Kinder, wenn die erwachsen sind, sprich in zehn Jahren, dann nehme ich an, dass diese Kinder in der Tat so an ihr Telefon, ihr Smartphone gewöhnt sind und vielleicht auch noch eine Uhr haben, an der Hand haben, die alle diese Funktionen auch machen kann, dass sie viel aus ihrem Alltag genau über die Instrumente abwickeln werden, insofern werden sie vielleicht weniger Bargeld, vielleicht gar keins mehr in der Tasche haben."

Sieben Prozent der deutschen Verbraucher haben laut einer Umfrage des Verbandes Bitcom schon einmal beim Einkaufen kontaktlos mit Handy oder Karte bezahlt. Es gibt sogar Menschen, die zahlen mit einem RFID-Funkchip, groß wie ein Reiskorn, den sie sich von einem Arzt unter die Haut spritzen lassen. Dazu gehören Gäste der Rotterdamer Bar Baja. Coolness und Bequemlichkeit wiegen für sie höher als die Gefahr ständiger Überwachung durch Dritte.

Möglicherweise muss also überhaupt keine Regierung das Bargeld abschaffen, weil sie das aus Gründen der Geldpolitik oder Sicherheit für sinnvoll erachtet. Das Ende des Bargeldes kommt vielleicht schrittweise, von ganz allein, weil Menschen immer seltener mit Münzen und Scheinen bezahlen.

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