Dienstag, 23.01.2018

Mütter und andere

Eine neue Theorie zur Geburt des Sozialen

Evolutionstheoretiker sehen den Menschen als ein Wesen, das in Konkurrenz zueinander steht. Sie versuchen, soziales Verhalten aus egoistischen Motiven abzuleiten. Nun aber hat die amerikanische Anthropologin Sarah Hrdy eine Theorie aufgestellt, die den Ursprung des Sozialen in der Kinderaufzucht sieht. Die These sorgte in den USA und England bereits für Furore.

Von Martin Hubert

Hat sich das soziale Verhalten der Menschen aus der gemeinsamen Kinderaufzucht entwickelt? (Stock.XCHNG)
Hat sich das soziale Verhalten der Menschen aus der gemeinsamen Kinderaufzucht entwickelt? (Stock.XCHNG)

Wenn die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy recht hat, dann sind das Laute, die in der Evolution aufs Engste mit dem Ursprung des Sozialen verbunden sind.

Es sind die Rufe von Marmosetten, von Krallenaffen, die vor allem in Südamerika leben. Diese Affenart, zu denen auch die Tamarine gehören, sind nicht so intelligent wie große Menschenaffen, also wie Schimpansen, Bonobos oder Gorillas. Aber neuere Experimente zeigen, dass sie viel lernfähiger und sozialer sind. Sie helfen sich zum Beispiel gegenseitig, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.

Bisher jedoch verglichen Evolutionstheoretiker vor allem Menschen und deren nächste Verwandte, die Großen Menschenaffen, miteinander, wenn sie erklären wollten, wie soziales Verhalten entstand. Und gemeinsam ist beiden, dass es ihnen zunächst um ihre eigenen Interessen geht: Sie möchten sich reproduzieren, ihre Gene vererben und ihr Überleben sichern. Soziales Verhalten, so lautet daher die klassische Theorie, konnte nur deshalb in die Welt kommen, weil das den Menschen nützte. Sie hielten wie die Großen Menschenaffen in der eigenen Gruppe zusammen, um besser gegen andere kämpfen und sich verteidigen zu können. Das Soziale entstand demnach letztlich im Krieg und diente dem Überleben der Gruppe. Sarah Hrdy jedoch überzeugt diese Argumentation nicht.

"Das erklärt meiner Meinung nach nicht den Übergang von schimpansenähnlichem zu menschlichem Verhalten. Der frühe Mensch entwickelte sich innerhalb des Pleistozäns, also vor 1,8 Millionen bis 10.000 Jahren. Und meines Wissens gibt es keine Evidenz dafür, dass die Menschen in dieser Zeit ständig in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren. Das wäre für sie auch viel zu risikoreich gewesen. Sie lebten in dieser Periode ja weit verstreut in sehr kleinen Jäger- und Sammlergruppen zusammen. Wenn sie also im Kampf mehrere erwachsene Mitglieder verlieren würden, wäre das für sie existenzgefährdend. Ich bin deshalb nicht davon überzeugt, dass der Kampf gegen Feinde erklärt, wie ursprünglich der soziale Impuls entstand, sich gegenseitig helfen zu wollen."

Sarah Hrdy vertritt stattdessen folgende These: Soziales Verhalten muss auch in einem sozialen Bereich entstanden sein. Und der wichtigste dieser Bereiche sei die Aufzucht von Kindern; wobei es bei Menschenkindern nicht genügte, wenn nur die Mutter für den Nachwuchs sorgte.

"Menschliche Mütter konnten es alleine gar nicht schaffen, die 13 Millionen Kalorien herbeizubringen, die ein Kind nach der Geburt braucht, bis es zu einem selbstständigen Lebewesen herangewachsen ist. Menschenkinder müssen sehr lange versorgt werden, Nahrung war rar und die Mutter musste ja auch für sich selbst sorgen. Wenn die Kinder also überleben sollten, mussten auch andere Mitglieder der Gruppe den Eltern dabei helfen, die Kinder zu pflegen und zu versorgen. Wenn es zu wenig Nahrung gab, halfen zum Beispiel Verwandte der Mutter mit Essen aus. Wenn der Vater einen schlechten Tag beim Jagen hatte, gab es Unterstützung durch einen Onkel, sodass auch dann die Kinder mehrmals am Tag essen konnten. Ich meine also, dass schon die Hominiden im frühen Pleistozän, die man als Homo erectus bezeichnet, gemeinsame Jungenaufzucht betrieben."

"Cooperative breeding"- das kooperative Brüten oder die gemeinsame Jungenaufzucht sind für Sarah Hrdy der Schlüssel für die Geburt sozialen Verhaltens beim Menschen. Diese Idee ist nicht völlig neu, aber Sarah Hrdy hat sie in ihrem Buch "Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat" zum ersten Mal zu einer zusammenhängenden Theorie ausgearbeitet. Sie hat nahezu alle verfügbaren Experimente und Fakten aus Anthropologie, Primatenforschung und Psychologie zusammengetragen, die diese Theorie stützen; etwa Studien, die auf die Vorteile verweisen, welche entstehen, wenn sich beim Menschen neben Vater und Mutter auch Opa und Oma, die Geschwister, Onkel, Tanten und enge Freunde um das Wohl der Kleinen kümmern.

Nicht nur die Kinder entwickeln dann ihre geistigen Fähigkeiten schneller und können sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Die kollektive Erziehung fördert auch die sozialen Fähigkeiten der Pflegepersonen. Diese müssen erkennen, wann das Kind Hilfe braucht und wann es Zeit ist, eine andere Pflegeperson zu unterstützen oder abzulösen. Etwa wenn sie müde oder überfordert ist. Da Menschenaffen wie Schimpansen oder Gorillas aber keine kollektive Jungenaufzucht betreiben, kann das soziale Verhalten des Menschen nicht aus der Entwicklungslinie stammen, die wir mit ihnen teilen. Dafür aber, so Sarah Hrdy springen die Krallenaffen ein.

Denn die äußerst hilfsbereiten Marmosetten und Tamarine betreiben gemeinsame Jungenaufzucht. Sarah Hrdy entwirft daher eine alternative Evolutionsgeschichte des Sozialen, die über diese Krallenaffen führt. Sie beginnt mit einem bisher unbekannten Vorfahrern der Marmosetten und Tamarine und endet in der Gegenwart.

"Bringen sie diesen hypothetischen Affen in eine Umgebung, in der das Ausmaß der Fürsorge, die ein junges Tier erhält, davon abhängt, wie viel Hilfe seine Mutter bekommt. Das Junge wird also von vielen Helfern versorgt. Es lernt, die Absichten anderer zu lesen und zu entscheiden: Wer wird mir heute helfen, wer nicht? Wenn dieser hypothetische Affe in dieser neuen Weise aufgezogen wird, dann führt das am Ende zu einem Wesen, das sich stark vom Schimpansen unterscheidet."

Nämlich zum Vorfahren des Homo sapiens. Diese Theorie ist natürlich spekulativ, wird aber von anderen Anthropologen durchaus für sinnvoll gehalten. Zum Beispiel von Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.

"Die Studien über Marmosetten und Tamarine liefern tatsächlich gute Belege für ihre Idee, dass gemeinschaftliche Jungenaufzucht einige der altruistischen Tendenzen des Menschen erzeugt hat."

Auch für Sarah Hrdy geht es in der Evolution darum, die eigene Fitness zu erhöhen. Aber der Fitte ist für sie immer auch derjenige, der besser in der Lage ist, seine Kinder aufzuziehen, den Geist anderer zu verstehen, mehrere Perspektiven miteinander zu verbinden und von anderen zu lernen. Ihr Buch ist daher ein in sich stimmiger Versuch, soziales Verhalten nicht mehr nur als Nebenprodukt von Konkurrenz und Kampf zu verstehen. Wobei sich Sarah Hrdy am Schluss auch kritisch der Gegenwart zuwendet und moniert, dass die Chancen gemeinschaftlicher Kindererziehung zunehmend unterminiert werden:

"Die Familien werden heute immer kleiner, weniger Geschwister sind da, die ganze Architektur ist auf Kleinfamilien und Singleappartments zugeschnitten, ohne dass genug Platz ist für gemeinschaftliche Pflege. Damit nehmen wir uns in einer Art und Weise die Chance, unseren Nachwuchs emotional gut zu versorgen, wie wir es auf keinen Fall tun sollten."

Sarah Blaffer Hrdy: Mütter und andere.
Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat

Berlin Verlag

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