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StartseiteComputer und KommunikationMultimedia war gestern09.10.2004

Multimedia war gestern

Frankfurter Buchmesse demonstriert Abkehr von neuen Medien

<strong>In Zeiten des Schlagerklaus per Internettausch gab sich die Buchmesse, die am Sonntag in Frankfurt am Main zu Ende ging, geradezu handfest. Denn hier verschwanden nicht etwa digitale Kopien, sondern richtige Bücher von den Ständen - und zwar in rauen Mengen. Diebe, die es auf eBooks abgesehen hätten, wären auch enttäuscht von dannen gezogen, denn Multimedia und das digitale Buch waren in Frankfurt kaum ein Thema.</strong>

Von Maximilian Schönherr

Multimedia war Mangelware in Frankfurt. (AP)
Multimedia war Mangelware in Frankfurt. (AP)

Kein Lernspiel wurde auf der Buchmesse so massiv angepriesen wie dieses, und der es anpreist, ist der größte Schulbuchverlag für interaktives Lernen, Cornelsen. Das Spiel heißt Genius und verspricht Edutainment wie es der deutsche Markt noch nie gesehen hat. Wir sehen am Bildschirm eine Flusswindung mit einigen Fabriken unter uns, und aus den Fabrikdächern kommen jetzt Fäuste des Zorns. Genius ist eine Aufbausimulation, sehr beliebt heutzutage. Der Spieler muss – ähnlich wie bei den Sims, bei Siedler oder dem Ersten Kaiser – eine Marktwirtschaft in Schwung bekommen. Dazu rodet er Bäume, baut Häuser für die Arbeiter, eine Fahrradfabrik, später - nach dem ersten Brand - ein Feuerwehrhaus. So arbeitet sich der Herr der Stadt von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor, baut nach den Fahrrädern Mikroskope unter Anleitung von Carl Zeiss und ganz am Schluss eine Rakete.

Wichtig ist, dass die Eltern beim Kauf eines Spiels das Gefühl haben, dass sie ihren Kindern etwas Gutes tun. Sie kaufen ein Game, was den Kindern etwas bringt.

Sagt Vincente Arioli, Betreuer des Genius-Projekts. Ob diese Rechnung aufgeht, muss sich erst herausstellen. Denn ein großer Mangel steckt in der CD-ROM: Die meisten technischen Experimente finden in Form von Text statt, nicht als Spielsimulation. Vincente Arioli entschuldigt das damit, dass das Budget nur 500.000 Euro betrug. Das mag für Deutschland viel sein, bei Electronic Arts mit seinen Sims würde da niemand einen Programmierfinger krumm machen. Ja, aber wenn schon bei den Experimenten nichts zu sehen ist, warum kann man dann nicht einmal in die Fahrradfabrik hineinschauen, um zu sehen, wie 1850 Fahrräder hergestellt wurden? Dazu Arioli:

Wir haben bei unseren Voruntersuchungen festgestellt, dass Spieler von Simulationsspielen sehr ungern diese Vogelperspektive verlassen. Hätten wir diesen Blick von oben aufgegeben und uns in die Ego-Shooter-Perspektive des Adventure-Spielers hineinbegeben, hätten wir einen Genre-Bruch begangen. Und das Genre wollten wir so wenig verletzen wie möglich.

Da ist also noch viel Luft für Kreativität. Die Pressesprecherin eines der größten deutschen CD-ROM-Verlage, Gabriele Kellerer von United Soft Media, sagte uns, dass der Markt zurzeit keine Experimente wage und sich stattdessen auf bewährte Marken wie die National Geographic und Johnsons Weinatlas zurückzieht. Es mangelt an Ideen, die Ideenspender sind nach dem dot.com-Hype vom Markt verschwunden, und zudem zahlt der Kunde nur noch ungern mehr als 20 Euro für eine Kinder-CD-ROM. Auch die Wörterbuch- und Lexikaverlage fahren auf Sparflamme, schichten allenfalls ein wenig um: Hier eine abgespeckte Version für PDAs, also die kleinen tragbaren Computer, dort ein kleiner neuer Webauftritt, wo man dann einen Teil dessen, was man als "Kernkompetenz" bezeichnet, kostenlos zur Verfügung stellt. Konsolidierungsphasen wie die, die Branche zur Zeit durchläuft, dienen dem Nachdenken. Zum Beispiel hat einer der Pioniere von Sprachlernsoftware, die Münchner Digital Publishing AG, jetzt mal die Post frustrierter Anwender gelesen und ausgewertet. Sina Wolf:

Wir haben Lerner befragt, und es gibt wirklich unterschiedliche Lerntypen. Es gibt viele, die mit einem so komplexen Programm gern zurecht kommen wollen, es aber beim besten Willen nicht schaffen. Diese Kunden sind fürchterlich glücklich, seit wir ihnen eine etwas abgespecktere Software gegeben haben und dazu kombiniert ein Buch, das sie einfach mit in die U-Bahn nehmen können. Dazu gehört dann auch noch eine Audio-CD, sodass sie zum Buch hören können. Klar, dass ist der klassische Weg, zurück zu der Linearität. Es gibt aber nun mal Lerner, die gern mit dem Buch lernen.

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