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StartseiteBüchermarktMultiperspektivisches Kunstwerk25.07.2006

Multiperspektivisches Kunstwerk

Die komplette Neun-Runen-Fuge des Berliner Dichters Otto Nebel auf CD

Wie dem russischen Dichter Velimir Chlebnikov ist es auch Otto Nebel in seiner Neun-Runen-Fuge UNFEIG von 1923/24 gelungen, Laut, Bedeutung und Schrift zu einem komplexen, quasi räumlichen Kunstwerk zu verbinden. Im Urs Engler Verlag ist nun eine Neuedition des Gedichtes erschienen - interpretiert vom Künstler selbst.

Von Brigitte van Kann

Die CD bietet die komplette Runen-Fuge. (intuitivmedia.net)
Die CD bietet die komplette Runen-Fuge. (intuitivmedia.net)

"Unfeig.
Eine Neun-Runen-Fuge zur Unzeit gegeigt.
Einer zeigt eine Neun-Runen-Fuge.
U E I
N F G
T R Z
Neun Runen nur,
nur neun.
Neun Runen feiern eine freie Fuge nun."

Otto Nebel liest sein berühmtes Gedicht "UNFEIG" - ein vergessener Dichter, ein vergessenes Werk. Umso größer das Verdienst des Verlages Urs Engeler Editor, der in diesem Frühsommer eine sorgfältige Ausgabe des UNFEIG herausgebracht hat.

Versehen mit einer Reihe von Beigaben: einem Originalbeitrag von Oskar Pastior - zweifellos ein Seelenverwandter Otto Nebels - und vier Faksimiles von visuellen Umsetzungen aus der Hand des Dichters, der auch als Maler hervorgetreten ist.

Schönstes Geschenk: Die CD mit der kompletten Runen-Fuge in der unschlagbaren Interpretation ihres Schöpfers. Die Aufnahme - eine echte literarische Rarität - besorgte ein früher Pionier der Hörliteratur 1972 in Bern, ein Jahr vor Otto Nebels Tod.

"Freizügig
(gut gegen Fettnieren)
Einen Zentner reifer Entengrütze in eine Eiertüte tun
in eine reine Enteneier-Tüte tun
fünf fein zertretene Ziegen-Eier
einige Unzen Nierentee
gute, giftgrüne Ziertinte hinzufügen
Tigerfett rin
uff’t Feuer ruff
fertig!
Ein feinet Futter für Ringer."

Wie man hört, war Otto Nebel Berliner. 1892 in der Hauptstadt geboren, absolviert er zunächst ein Hochbau- und Architekturstudium, bevor er über den Schauspielunterricht am Lessing-Theater zur Literatur kommt.

Ab 1919 lebt er als Maler und Dichter in Berlin, unterhält Kontakte zum Kreis um Herwarth Waldens Kunstzeitschrift "Der Sturm", später steht er dem Bauhaus nahe. 1923/24 notiert er seine "Runen-Fuge", der er den Titel UNFEIG gibt und sie größtenteils im "Sturm" veröffentlicht. 1933 emigriert Otto Nebel in die Schweiz, für die Nationalsozialisten ist er ein "entarteter Künstler".

Als er 1956 seine Runen-Fuge abschließend bearbeitete, und mit "einweisenden und abschließenden Worten" über "Sinn, Wert und Tragweite" des Werks versah, stellte Otto Nebel befriedigt fest, bei ihrem erstem Erscheinen sei die Wirkung "eine wahrhaft erfrischende" gewesen.

Aus nur neun Buchstaben, die der Dichter zu Runen adelte, hatte er die Wörter und Sätze seines großen Gedichts gebaut - um in der Beschränkung die unbeschränkten Möglichkeiten sprachlichen Schöpfertums zu entfalten:

"Gegen Untiere
Zett
zigitt
zett-zett-zigitt
tiri
zigitt-zigitt
turrr
zigitt-zigitt-zigitt
rugu-zigitt
turru
zigitt
Tier."

UNFEIGS gelegentliche Ausflüge in den scheinbaren Nonsens der Lautpoesie dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass Otto Nebel sich als "Hoher Priester" und "Geburtshelfer" des sprachlichen Schöpfungsakts verstand. Oberflächliche Nachahmer seiner Kunst drehten sich, wie er verächtlich schrieb, "albern im kleinsten Kreise um Zufälliges".

Während er seine neun Runen, die er "eine tragende Zeugergruppe" nannte, von der Sprache selbst, durch demütiges Schauen und Lauschen empfangen habe. Und keinesfalls "auf dem Schleichwege einer willkürlichen, vernünftlerisch-äußerlichen Zusammenklaubung von x-beliebigen Buchstaben".

Schrift und Schriftbild waren für den dichtenden Maler Nebel von großer Bedeutung. So bilden die neun "berufenen" Buchstaben eine Art magisches Quadrat: drei mal drei - die heilige Zahl der göttlichen Vollendung im Quadrat. In vier ein mal zweieinhalb Meter messenden "Runenfahnen" schuf Nebel vier verschiedene visuelle Codierungen ein und derselben Passage des UNFEIG.

Das Riesenformat, so hoffte der Dichtermaler, werde den Betrachter aufrichten und zum Tanz animieren, "gesetzt, dass sein Körper locker genug ist".

Ihm ging es um die Aufhebung von Grenzen, zwischen den Künsten, zwischen den Genres, zwischen Schrift, Laut und Bedeutung, um die Kreation von Symbiosen, die neu erschienen, aber so uralt wie die Sprache selbst waren.

In Anlehnung an die altgermanischen Schriftzeichen mit ihrer magisch-zauberischen Aura nennt er die durch "Zuraunung" empfangenen Buchstaben "Runen", und setzt sie zu seiner "freien" Fuge. In dem Bewusstsein, dass "der Tondichter dem Worte eine etwas andere, doch nicht widersprechende Bedeutung beizumessen gewohnt ist".

Der Laut- und Wortsetzer Nebel versichert seine Leser, ihn habe das "allerwachste Wahlbewusstsein" geleitet, "die Grenze zu ziehen, zwischen kunstwürdiger, geistheller Wortfügung" und "einer bei Geisteskranken gelegentlich vorkommenden triebhaften Wortformerei". Der Dichter lallt nicht, er gebietet aber auch nicht selbstherrlich über sein Material: Er ist ein Erfüllungsgehilfe, der "das Wunder der Laut-, Sinn- und Schriftbildung vollzieht."

Am ehesten verwandt ist Otto Nebel mit dem russischen Dichter Velimir Chlebnikov, dem futuristischen Mathematiker und Mystiker, der in seinen kunstvoll regelwidrigen Sprachgebilden die russische Sprache in ihrer ganzen Tiefe auslotete.

Wie bei Chlebnikov verbinden sich in Otto Nebels UNFEIG Laut, Bedeutung und Schrift zu einem komplexen, quasi räumlichen, multiperspektivischen Kunstwerk, zu einer "pulsierenden" Einheit, "der analytisch nur bedingt beizukommen ist" - wie die Herausgeber der Runen-Fuge bekennen.

Das exkulpiert den reinen Genießer, der auch ohne zum Scheitern verurteilte Analyse-Mühen seine Freude an Otto Nebels grandioser Runen-Fuge hat: an ihrer bei allem Spiel dezidierten Zeit- und Sprachkritik und ihrem bei allem Runengeraune herzhaft diesseitigen Witz:

"GEFEIT GEGEN UNFUG
Gittert nie Ruinen ein
nur eure irren Regierungen gittert in neunzig Erzgitter
eure Teig-Treter gittert ein
eure Enteigner
entgegnet nie euern Zier-Furzern
entfernt eure Triezer
fertig!"

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