• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Lebenszeit
StartseiteKultur heuteDer Meister und die Expressionisten 22.02.2016

Munch-Ausstellung in New York Der Meister und die Expressionisten

Sein Werk "Der Schrei" kennen fast alle. Doch Edvard Munch gilt auch als einer der Väter des deutschen und des österreichischen Expressionismus. Eine Ausstellung in der Neuen Galerie in New York versucht nun zu zeigen, dass die Kinder nicht nur von ihrem Vater, sondern der Vater auch von seinen Kindern gelernt hat.

Von Sacha Verna

Undatierte Aufnahme eines Selbstbildnisses des norwegischen Malers Edvard Munch. (picture alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme eines Selbstbildnisses des norwegischen Malers Edvard Munch. (picture alliance / dpa)

"This is crazy! This is going somewhere – where are we going in modern art?"

Das sei ja verrückt, soll Edvard Munch ausgerufen und das Schlimmste für die moderne Kunst befürchtet haben. Der norwegische Künstler befand sich im Haus des Hamburger Sammlers Gustav Schiefler und betrachtete Drucke seines jungen deutschen Kollegen Karl Schmidt-Rottluff. So notierte es Schiefler jedenfalls in seinem Tagebuch. Die Kuratorin Jill Lloyd fährt fort:
"Am nächsten Tag kam er zu Schiefler zurück und sagte: Ich habe von diesen Arbeiten geträumt! Und mir ist klar geworden, dass ich darauf genauso reagierte habe, wie die Leute vor Jahren auf meine Werke."
In der Ausstellung über Edvard Munch und den Expressionismus in der "Neuen Galerie" in New York nimmt die Druckgrafik einen besonderen Platz ein. Gustav Schiefler machte Munch nämlich nicht nur auf die späteren Expressionisten, sondern diese auch auf Munchs grafisches Werk aufmerksam. Munch lebte zwischen 1902 und 1908 mehrere Jahre in Deutschland und kam mit vielen Akteuren des Kunstgeschehens in Berührung. Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde – sie alle waren beeindruckt von seiner Experimentierfreude mit Radiernadel und Lithographiestein. Die versammelten Blätter von Munch und seinen Bewunderern gehören zum Interessantesten in dieser Schau.

Eine Pastell-Fassung von "Der Schrei"

Als sich nach der vorletzten Jahrhundertwende Künstlergruppen wie "Die Brücke" und "Der Blaue Reiter" zu formieren begannen, genoss Edvard Munch in Europa bereits einen gewissen Ruf. 1893 war in Berlin eine Ausstellung seiner Werke nach einer Woche geschlossen worden, weil sie das Publikum den Behörden zufolge zu sehr schockierten. Die beanstandeten Arbeiten enthielten die Motive, für die Munch heute am besten bekannt ist, darunter "Melancholie", "Der Kuss" und "Madonna". Versionen davon zeigt auch die Neue Galerie.

Eine Pastell-Fassung von "Der Schrei" haben die Organisatoren mit Selbstporträts von Egon Schiele gepaart – wohl in der Annahme, dass ein Sujet nur verkrampft genug gucken muss, um mit einem anderen verwandt zu sein. Andere Nebeneinanderstellungen wirken ähnlich simpel. So hängt eine Winterlandschaft von Gabriele Münter neben einer von Edvard Munch. Beide Leinwände sind sehr weiss. Menschen mit Hüten sind auf Ernst Ludwig Kirchners berühmten Straßenszenen in Dresden dargestellt und ebenso auf einer Lithographie von Munch von der Karl Johan Straße in Oslo. Munchs unheimlichem "Nachtwanderer" leistet das spukhaft verschwommene "Selbstbildnis vor dem Ofen" von Richard Gerstl Gesellschaft. Dass Munchs Bild von 1923/'24 stammt und das von Gerstl von 1907, also deutlich früher entstand, ist offenbar nebensächlich.

So wie sich die Expressionisten von Munch hätten inspirieren lassen, habe er von ihnen manches übernommen, sagt Jill Lloyd.

"Aber nach diesem ersten Anstoß integrierte er die expressionistischen Elemente in sein eigenes künstlerisches Vokabular. Er ging mit seiner Form des Expressionismus bis zum Äußersten."
Die Neue Galerie präsentiert einige von Munchs Arbeiten aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Viele davon sind Leihgaben aus dem neuerdings sehr leihfreudigen Munch-Museum in Oslo und waren überhaupt noch nie öffentlich zu sehen. Mit gutem Grund: In ihrer fahrigen Direktheit entziehen sie sich etablierten Qualitätsmaßstäben.

In dieser Ausstellung gibt es einige beachtliche Werke, peinliche Kurzschlüsse und zu viele farbige Wände. Aber das wird kaum eine Rolle spielen. Ein Schrei von Munch genügt, und das Publikum strömt in Massen herbei.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk