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StartseiteEuropa heuteMurren in Paris06.05.2010

Murren in Paris

Frankreich kritisiert Deutschlands Krisenmanagement

Das Zögern von Bundeskanzlerin Angela Merkel habe eine Lösung der Griechenlandkrise erschwert. Das kritisieren viele französische Zeitungen und - hinter vorgehaltener Hand - auch Präsident Nicolas Sarkozy.

Von Burkhard Birke

Kanzlerin Merkel und die Regierungschefs Papandreou und Sarkozy. (AP)
Kanzlerin Merkel und die Regierungschefs Papandreou und Sarkozy. (AP)

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter, der Misserfolg eine Mutter: Angela Merkel! Ihr - vor allem auf die wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen geschobenes Zögern hat die Lösung der Griechenlandkrise erschwert. Das sehen viele Medien in Frankreich so, vielleicht nicht zuletzt auch, weil kein geringerer als Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Haltung der Kanzlerin verurteilt hatte. Nicht öffentlich - versteht sich! Hinter vorgehaltener Hand gegenüber mitreisenden Abgeordneten auf seiner Chinareise.

Statt 20 Milliarden Euro gleich Mitte Februar auf den griechischen Tisch zu legen, müssten dort jetzt 110 Milliarden zwischen Ouzo und Moussaka abgelegt werden, wenn sich die Griechen und die EU das überhaupt noch leisten können.

Eine solche von einigen Reportern aufgemachte Rechnung liegt voll auf Elysée-Linie: Anlässlich seines dreijährigen Amtsjubiläums muss ein von weniger als einem Drittel seines Volkes geliebter Präsidentenmonarch Stärke und Tatkraft unter Beweis stellen. In Sachen Griechenland gelang sogar ein parteiübergreifender Konsens, aber nur vordergründig. Denn auch die Sozialisten wissen schließlich um das Engagement französischer Banken und Versicherungen. Die halten nämlich allein angeblich 76 Milliarden Dollar griechische Staatsschulden: etwa eineinhalb Mal so viel wie deutsche Institute.

Ein Solidarbeitrag der französischen Gläubigerinstitute steht für Wirtschafts- und Finanzministerin Lagarde allerdings nicht auf der Tagesordnung: Würden doch die Spargroschen der Bürger dadurch tangiert - so die offensichtliche Logik. Manch einer ist zu Tränen gerührt, wenn er hört, dass allein die Société Générale drei Milliarden Euro in Griechenland hält - hat sie doch gerade nur bescheidene 1,1 Milliarden Euro Gewinn im ersten Quartal gemacht! Wenn französische Lebensversicherungen und Banken auf einen Teil ihrer Griechenlandanlagen verzichten müssten, käme wohl unweigerlich der Hilferuf an den französischen Staat.

Dem steht selbst das Wasser bis zum Hals: acht Prozent des Bruttosozialproduktes als Neuverschuldung, 85 Prozent des Sozialproduktes als Gesamtverschuldung. Keine griechischen Verhältnisse, aber nicht von ungefähr spielt der Zentrumspolitiker Bayrou Kassandra und sieht Frankreich auf griechischen Pfaden wandeln. Die Sozialisten indes stellen mit den Worten ihres Sprechers Hamon klar, dass an den Schulden immer die Rechten, die Konservativen schuld seien: in Griechenland wie zu Hause. Soweit zur parteiübergreifenden Eintracht.

Die scheint ohnehin nur Makulatur, seit die Zeitung "Libération" die Präsidentschaftsambitionen von Währungsfondsdirektor Strauss-Kahn zur Titelgeschichte aufmotzte und damit klarstellte, wobei es Präsident Sarkozy mit seiner Kritik an der Kanzlerin auch geht: nämlich klarzustellen, dass er und nicht der mögliche sozialistische Gegenkandidat Strauss-Kahn als IWF-Direktor das Zepter des Krisenmanagements in der Hand hält.

Sinnigerweise fordern beide Sarkozy und Strauss-Kahn eine europäische Wirtschaftsregierung, wobei Sarkozy in Merkels Forderung nach Stärkung des Stabilitätspaktes erste Ansätze deutschen Einlenkens zu erkennen glaubt. Und was durch inoffizielle Kritik an Porzellan zerschlagen wurde, bemühen sich die Europastaatssekretäre Lellouche und Hoyer wieder zu kitten. Beide wollen gemeinsam nach Griechenland, eine Verabredung, die, wie es im Quai d'Orsay heißt, vor der dramatischen Zuspitzung mit Toten bei den Protesten gestern angedacht war.

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