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StartseiteInterview"Mursi hat eine gute Vergangenheit"26.06.2012

"Mursi hat eine gute Vergangenheit"

Ägyptische Politikwissenschaftlerin über den Muslimbruder und neuen Präsidenten Mohammed Mursi

Die Muslimbrüder möchten eine gute Beziehung zu anderen arabischen Ländern haben und nicht diese Konfrontationspolitik wie vielleicht das alte System, sagt die ägyptische Politikwissenschaftlerin Hdoa Salah. Die Aussagen zu den Beziehungen zum Iran seien nur diplomatisch gesprochen.

Hoda Salah im Gespräch mit Peter Kapern

Ägyptens neue Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)
Ägyptens neue Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa / Romain Beurrier)

Friedbert Meurer: Mohammed Mursi, so heißt der neue Staatspräsident Ägyptens. Seine Anhänger haben ihn am Sonntag frenetisch gefeiert. Was ist von ihm zu erwarten? Er will ein Präsident aller Ägypter sein, verspricht er und verkündet seinen Austritt aus der Partei der Muslimbrüder. Den Frauen und den Christen in Ägypten sagt er eine gleichberechtigte Rolle zu in der ägyptischen Gesellschaft. Sind das nur Lippenbekenntnisse eines Islamisten oder eine glaubhafte Absicht? – Mein Kollege Peter Kapern hat das die ägyptische Politikwissenschaftlerin Hoda Salah von der FU Berlin gefragt, sie hält sich zurzeit in Ägypten auf.

Hoda Salah: Ich glaube nicht, dass es eine glaubhafte Agenda ist, sondern er ist natürlich sehr loyal und treu zu den Muslimbrüdern, er ist der Gründer. Aber ich denke, er möchte auch seine Gedanken ändern, er möchte hier der Vertreter für alle Ägypter sein, weil Sie wissen, nur 25 Prozent der Ägypter haben ihn gewählt. Das heißt, diese 50 Prozent, die er bei der zweiten Wahl bekommen hat, das ist nur von den Leuten, die wirklich gegen die Armee sind. Deshalb versucht er, die Leute zu beruhigen, gerade die Christen und Frauen, und ich hoffe, dass er das wirklich schafft.

Peter Kapern: Was muss er denn tun, um sich von seiner politischen Vergangenheit und von der Muslimbruderschaft zu emanzipieren?

Salah: Mursi hat eine gute Vergangenheit. Ich erinnere mich, als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe – das war vor zehn Jahren -, da habe ich Frauen gefragt, wer ist ihr Ideal in der Muslimbruderschaft, und das war für mich das erste Mal, diesen Namen Mursi zu hören. Das heißt, der Mann hat eine gute Vergangenheit, er hat sehr gute Projekte in Ägypten für die armen Leute gemacht, Krankenhäuser hat er gebaut, er ist nicht so reich wie viele Muslimbrüder, eigentlich seine Vergangenheit ist viel besser als die von anderen. Wovon er sich distanzieren soll, ist von seinen Aussagen, die sehr salafistisch orientiert sind, das heißt gerade für Menschenrechte, für Frauenrechte, für Kopten, und man merkt, dass er seinen Diskurs ändert, und jetzt hat er ein gutes Team um sich, dass er wirklich weiß, wie er politisch reden kann und nicht diese islamische Sprache benutzt, die manchmal sehr beängstigend ist. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben, das hat er gestern gerade gesagt: "Wenn ich als Präsident Fehler mache, dann brauchen die Ägypter mir nicht gehorsam zu sein." Und dieses Wort "gehorsam", das ist genau das islamische Wort, was auch zeigt, dass er sehr autoritär denkt. Und ich glaube, er braucht jetzt wirklich auch ein Umdenken, wie ich immer betone, wir sind im ersten Jahr der Demokratie und das muss man auch lernen. Deshalb akzeptiere ich, dass er Fehler macht, aber ich hoffe, das kommt nicht in schwierige Praxen.

Kapern: Nun muss sich ja Mursi nicht nur von der Muslimbruderschaft emanzipieren, sondern er muss auch schauen, welche Handlungsspielräume er gewinnen kann gegenüber den mächtigen Militärs. Heute gab es ein Treffen mit dem ägyptischen Militärrat, die Generäle haben Mursi dabei ihre Unterstützung und Zusammenarbeit angekündigt. Aber ist es nicht tatsächlich so, dass das Militär Ägypten regiert und nicht der Präsident?

Salah: Da haben Sie recht. Wir haben jetzt momentan zwei Präsidenten beinahe. Wir haben die Armee, die Armee hat sich auch in diese Veränderung der Verfassung letzte Woche eingemischt, da haben sie ihre Macht mehr bestätigt. Das heißt, der Präsident hat nicht viel momentan zu sagen, und das zeigt, wir erleben jetzt in Ägypten ein absolutes Theater. Das ist eine sehr schwierige Situation, jeden Tag haben wir neue Gesetze, eine neue Verfassung, und Mursi muss auch jetzt mit der Armee verhandeln, und deshalb hat er auch gewonnen, dass er verzichtet auf die großen Posten für Armeeleute wie Außenministerium, Innenministerium und Verteidigungsministerium. Er soll wirklich Koalitionen bauen mit anderen Kräften, die ihm jetzt geholfen haben. Sie wissen zum Beispiel, die Träger der Revolution – das ist eine ablehnende Bewegung -, "die hat er auch die Teufel der Revolution" genannt, und diese Leute, die jungen Leute haben ihm jetzt geholfen, dass er die Wahl gewinnt. Er muss wirklich dem treu bleiben und versuchen, umzudenken, was die Muslimbrüder leider nicht geschafft haben, dass sie koalieren mit anderen Kräften der Gesellschaft. Dann haben sie vielleicht 75 Prozent Macht gegen diese 25 Prozent von Ägyptern, die für die Armee stehen, und auch gegen diese Armee Macht. Dann gibt es vielleicht Wandelmöglichkeiten.

Kapern: In einer ersten Stellungnahme hat Mohammed Mursi angekündigt, sich um ein engeres Verhältnis zum Iran zu kümmern. Da wird natürlich bei dieser Aussage der Westen hellhörig. Wird er zurecht hellhörig?

Salah: Das glaube ich nicht, dass er das wirklich macht. Ich denke, das ist nur diplomatisch gesprochen. Aber wenn Sie die Diskurse der Muslimbrüder lesen – sie sind gegen die Politik von Iran, gegen auch schiitische Richtungen, die haben sehr aggressive Aussagen, die auch intolerant sind gegen andere Gläubige, ich meine auch von Schiiten und auch die Rolle von Iran und anderen Ländern. Ich glaube, was wirklich die Muslimbrüder möchten, das wird eine gute Beziehung mit arabischen Ländern, auch mit islamischen Ländern und nicht diese Konfrontationspolitik, wie vielleicht das alte System.

Meurer: Die ägyptische Politikwissenschaftlerin Hoda Salah an der Freien Universität Berlin im Gespräch mit Peter Kapern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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