Sonntag, 17.12.2017
StartseiteMusikjournalEine Branche macht sich auf den Weg26.07.2016

"Music in Africa"Eine Branche macht sich auf den Weg

In Afrika gibt es noch keine gut strukturierte Musikindustrie. Um Kenntnisse und Kooperationen zu vertiefen, ist seit 2014 das Projekt "Music in Africa" online. Dahinter stehen Siemens-Stiftung und Goethe-Institut. Der Clou: jeder kann seine Inhalte selbst schreiben und gestalten.

Von Yvonne Petitpierre

Sie sehen einen Tablet-PC mit Bildern afrikanischer Musiker. (Jabu Nkosi / Madagaskar)
Das Projekt "Music in Africa" gibt es seit 2014. (Jabu Nkosi / Madagaskar)

Über 54 Länder verteilt sich die Musiklandschaft in Afrika variantenreich. Doch Informationen bzw. fundierte Kenntnisse über den klanglichen Reichtum und das vielfältige musikalische Leben auf dem Kontinent sind äußerst unzureichend, - und das gilt nicht nur für Europa, sondern vor allem für Afrika selbst.

Auch wenn sich Musik in starkem Maß mit einer eigenen kulturellen Identität verbindet, so ist ein Erfahrungsaustausch unter den Musikschaffenden selbst mit den unmittelbaren Nachbarländern bislang kaum möglich gewesen.

Eine ausgeprägte und gut strukturierte Musikindustrie gibt es in Afrika so gut wie gar nicht. Nur selten findet man Labels, über die sich z. B. junge Musiker am Markt etablieren können. Vor diesem Hintergrund soll die öffentliche Wahrnehmung gestärkt und Netzwerke innerhalb der afrikanischen Musikkultur aufgebaut werden.

Gut recherchierte Informationen

Kostenlos und frei zugänglich dient hier seit 2014 das Onlineportal "Music in Africa" als Wegweiser, Musik aller stilistischen Richtungen aus Afrika weltweit bekannt zu machen. Eine Kooperation zwischen den Künstlern auch auf internationalem Niveau soll somit inspiriert und gefördert werden.

Angestrebt werden gut recherchierte Informationen zum Musikleben Afrikas. Dabei geht es um die Vermittlung von musikalischen Traditionen ebenso wie die Verbreitung gesellschaftlich relevanter Themen und über Formen einer Protestmusikbewegung.

Vor diesem Hintergrund brauchen die einzelnen Länder in Afrika nicht nur Strukturen zur Musikvermittlung, sondern auch viel Courage, um sich für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar bzw. hörbar zu machen. 

Das ambitionierte Projekt "Music in Africa" bietet als eine gemeinsame Initiative der Siemens-Stiftung und des Goethe-Instituts mit Partnern aus ganz Afrika eine führende Informationsquelle zum regionalen Musikschaffen Afrikas über eine online-Plattform.

Natalie von Siemens, geschäftsführender Vorstand der Siemens-Stiftung betont die Notwendigkeit einer nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung.

"Kultur ist für uns insofern ganz wesentlich wichtig, als wir sagen Kultur, da geht es um die Qualität von Beziehungen, von Menschen in ihren Gesellschaften und in diesen ganzen Transformationen, in diesen vielfältigen Veränderungsprozessen, die wir in allen Gesellschaften sehen, überall wo wir arbeiten, da sehen wir eben, dass Künstler eine ganz besonders wichtige Wahrnehmung für die Veränderungen haben, die passieren und uns geht es dabei immer bei diesen Transformationen einen Blick zu haben auf die Frage wo bleibt und was ist kulturelle Identität in den Veränderungen haben und wie gelingt soziale Kohäsion, wie gelingt Zusammenleben in Gesellschaften."

Qualitätssicherung mit Fachkräften

Verantwortlich für die inhaltlichen Aspekte und den Aufbau des Internetportals ist die 2013 gegründete "Africa-Foundation", eine panafrikanische Organisation mit Sitz in Südafrika. Mit Übersichtsartikeln zu den Musikern, Kritiken, Unterrichtsmaterial, Kontaktdaten zu Musikern und Organisationen wird der Nutzer hier gefüttert, wenn er auf Directory, Education Magazine oder Resources klickt.

Zur Qualitätssicherung arbeitet man vor Ort mit Fachkräften aus Wissenschaft, Pädagogik und Journalismus, damit ein zuverlässiges Bild über Aspekte des Musikschaffen, Instrumente oder einzelne Genres entstehen kann. Grundlegende Aufbauarbeiten, die auch offline angeboten werden, konzentrieren sich auf Kulturmanagement oder rechtliche Fragen u.a. zum Copyright.

Dass auf dieser Online-Plattform Afrikaner selbst die Inhalte gestalten und schreiben, macht diese besonders, denn so bleibt eine Authentizität gewahrt und Bedingungen künstlerischer Kreativität werden nicht durch europäische Stimmen interpretiert oder bewertet. Zugleich müssen auch die sehr verschiedenen Märkte in Afrika bedient werden - Internetverbindungen sind oft nicht ausreichend und der Besitz von Smartphonen ist auch keine Selbstverständlichkeit.

"Grundsätzlich ist die afrikanische Musiklandschaft mindestens ebenso reichhaltig wie die ganze europäische zusammen. Wir haben also sehr viele unterschiedliche Stile, Sachen, die natürlich auf amerikanischem Pop oder Jazz basieren, aber wir haben aber auch wirklich Einflüsse von Musiken Afrikas, die sich sehr schön da eingliedern. Wie gesagt eine sehr große Vielfalt. Ein wichtiger Punkt z.B. ist Hip Hop. Wenn man allein an den Senegal denkt. 10.000 Hip-Hopper allein im Senegal, d.h. die haben auch einen wahnsinnigen politischen Einfluss mittlerweile gerade im Senegal und in Mali ist es so, dass viele sich wirklich um Themen kümmern, die ganz einschneidend sind für die Gesellschaften, wie z.B. der Überlebenskampf versus Lebensqualität. Auf der anderen Seite sagen die Hip-Hopper ihren Jugendlichen, bitte packt nicht eure Koffer, geht nicht nach Europa, sondern macht hier euer eigenes Leben auf und vor allem geht nicht in eine destruktive Opposition, sondern macht hier etwas Positives mit eurem Leben."

100.000 Klicks pro Monat

Die Siemens-Stiftung agiert hier in erster Linie als Partner, damit sich afrikanische Künstler auf dem eigenen Kontinent aber auch international vernetzen können. Schließlich soll sich die öffentliche Wahrnehmung dieser vielfältigen Musikszene verändern. Akteure sollen zusammengebracht werden, Begeisterung entfachen und kreative Entwicklungen befördern.

Bis 2022 will die Siemens-Stiftung unterstützend begleiten, bis sich alle Länder sichtbar gemacht und einen selbständigen Zugang zum Markt geschaffen haben. Etwa 10.000 Musiker lassen sich derzeit mit eigenen Profilen aufsuchen, 100.000 Klicks pro Monat, Tendenz steigend.

Vor dieser Kulisse lässt sich der Austausch unter den Künstlern, Pädagogen und Neugierigen etablieren, und der Musikjournalismus bekommt eine eigene Stimme. Anliegen der Siemens-Stiftung ist es, einen Raum zu schaffen, in dem kritisch diskutiert wird.

"Musik ist in allen afrikanischen Kulturen ein gleichwertiges Kommunikationsmittel wie Sprache und damit ist es auch ein ganz wesentlicher Ort, an dem gesellschaftliche Interaktion stattfindet."

Dass dieses Projekt besonderes Potential birgt, betont u.a. der, aus Nigeria stammende Musiker Ade Bantu, denn Musik spricht für ihn Gefühle auf besondere Weise an, verschaffe oftmals mehr Gehör als politische Aktionen und meint: "Musik das ist die Waffe der Zukunft."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk