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StartseiteCorsoDas Ende der geschmacklichen Grenzen24.10.2014

MusikDas Ende der geschmacklichen Grenzen

Wer früher kulturell hervorstechen wollte, hörte besonders anspruchsvolle Klassik - heute bedeutet Fortschritt eine möglichst hohe Toleranz. Gerade junge Menschen hören ohnehin sehr durchmischte Musik - und schaffen es trotzdem, sich soziologisch abzugrenzen.

Von Ina Plodroch

Der Plattenspieler (Turntables) einer Musikanlage, aufgenommen am 14.04.2005 (picture-alliance/ ZB / Andreas Lander)
Junge Rock-, Rap- und Elektromusiker veröffentlichen wieder auf Vinyl - teils für die selbe Zielgruppe. (picture-alliance/ ZB / Andreas Lander)
Weiterführende Information

Plattencover - Kunst auf Musik
(Deutschlandfunk, Corso, 21.10.2014)

Es war mal so einfach: Genre standen für Lebenseinstellungen und Leute schienen sich für eine Musikrichtung zu entscheiden: Hip Hopper liebten den Rap und mieden den Rock, Indie-Fans fanden den Techno zu kühl und die Philharmonie-Besucher wollten mit Pop nichts zu tun haben. Doch eiserne Grenzen lösen sich auf.

Wer manchmal zu House feiert, hört auch mal Hip-Hop. Und Rapper finden Rock gar nicht mehr so schlimm und hören womöglich sogar Klassik.

"Die haben ganz unterschiedliche Genres zu Hause in ihrer Sammlung", erzählt der Soziologe Oliver Berli. Er hat sich für seine Dissertation mit dem grenzüberschreitenden Musikgeschmack beschäftigt – Kultursoziologen beobachten diese Spezies Musikfan seit ein paar Jahren. Kein Massenphänomen, aber eine ernst zu nehmende Tendenz.

"Natürlich gibt es noch Leute, die sagen: ‚Wagner ist großartig und alles andere nicht.' Aber es gibt eben genau so diese Gegenbewegung, die sagt: ‚Geschmack ist was ganz persönliches, es gibt keine objektiv gültigen Maßstäbe, um zu beurteilen, dass etwas gut oder schlecht ist.' Das ist wie beim Essen, man findet Geschmack an etwas oder eben nicht.'"

Soul und Klassik neben Dubstep

Wer Mitte bis Ende 20 ist, so Berli, hat womöglich Soul, Klassik, Folk, Glam-Rock, Pop und Dubstep im Plattenregal stehen. Wie Musikkritiker oder Musikwissenschaftler das Plattenregal einordnen und beschreiben würden, ist egal. Musik ist für sie individuell.

"Was auch gerne gemacht wird, ist, dass so klare Genrebegriffe vermieden werden. Man verwendet irgendwas Offenes wie Gitarrenmusik. Begriffe, mit der sie keine Schalplatte im Laden finden würden. Heulmusik, Männermusik."

Der grenzüberschreitende Musikhörer kennt das Subgenre Chillwave, beschreibt die Musik aber lieber als Freitagsmusik. Er protzt nicht mehr mit seinem Wissen, sondern zeigt seine Versiertheit durch globales Interesse. Klingt nach einer Gegenbewegung zum elitären Spartenhörer, der vor allem die Klassik liebt.

"In Deutschland hat man lange die Idee gehabt, dass es so eine Hierarchie des legitimen Geschmacks gibt. Was besonders als hochwertig gilt, was als minderwertig. Früher die E- und U-Musik und diese ganzen Begriffspaare, die es da gibt. Was jetzt das Neue ist an diesem grenzüberschreitenden Geschmack? Ich glaube, es ist diese Abgrenzung gegenüber diesem fokussierten Geschmack."

"Eine Möglichkeit, sich durch Kultur herauszuheben"

Der grenzenlose Geschmack hat eben auch Grenzen. Nur so gelingt die Abgrenzung. Denn darum geht es am Ende doch, sagt Berli. Der neue Fan hört vieles, aber nicht "alles". Das ist der feine Unterschied zu jenen, die nur beiläufig Musik konsumieren und deshalb vermeintlich "alles" hören. Musik wird aus soziologischer Perspektive eben nie nur wegen der Musik gehört. Der Klassik-Hörer distanziert sich von der Unterschicht, der Punk vom Establishment.

"Wenn es was Neues ist, dann keine Ablösung der Hochkultur-Snobs. Sondern eine andere Möglichkeit, sich durch Kultur herauszuheben."

Der einst verpönte Pop ist in der Wissenschaft, Politik und Klassik angekommen. Kulturelle Offenheit gehört heute zum guten Ton. Und trotzdem heißt es weiterhin: Du bist, was du hörst.

"Über so was wie Kulturkonsum kann man dann ganz schnell sehen: Ist der Lebensstil irgendwie kompatibel? In der Arbeitswelt ist natürlich Kultur beliebtes Thema für Gespräche. Es ist ein soziales Schmiermittel. Ganz abgesehen davon, dass man natürlich Gefallen daran findet. Und meistens kann man ja auch in so einer Art spontaner Alltagssoziologie dann irgendwie Rückschlüsse auf andere Elemente des Lebensstils des Gegenübers irgendwie machen."

Musik ist wie Mode oder Kleidung. Wer sich fortschrittlich zeigen will, hört heut viele Genres und folgt damit aktuellen Tendenzen, denn auch Musiker zeigen sich gerne tolerant: Der Rapper Cro bedient sich im Indierock-Regal, Künstler wie Brandt Brauer Frick schließen die Kluft zwischen Techno und Klassik.

In Subgenres fließen musikalische Stile ineinander. Klare Grenzen zu ziehen wird schwieriger. So scheint der grenzüberschreitende Musikgeschmack nur logisch. Auch wenn nicht wirklich alle Grenzen überschritten werden, so Berli.

Oliver Berli: Grenzenlos guter Geschmack. Die feinen Unterschiede des Musikhörens.
September 2014, Transcript-Verlag
34,99 Euro

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