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StartseitePost aus BrasilienDer Metro-Pianist07.06.2014

Musik in der U-Bahn-HalleDer Metro-Pianist

Mitten in der riesigen Metro-Station Paulista steht ein altes Klavier und kann von allen genutzt werden. Auch von Douglas. Ein Gespräch über Unsterblichkeit.

Von Jonas Reese

Klavierspieler in einer U-Bahn-Station in Sao Paulo
Klavierspieler in einer U-Bahn-Station in Sao Paulo

Vor einer fetten, grünen Säule mitten in der Halle der U-Bahn-Station Paulista in Sao Paulo spielt Douglas Klavier. Auf einem ziemlichen alten, braunen Ding, recht verstimmt. Es wurde von den städtischen Verkehrsbetrieben aufgestellt. Gleich daneben ein paar Regeln für dessen Benutzung: Niemand darf länger als 30 Minuten spielen, keine anderen Musikinstrumente dürfen miteinstimmen, keine CDs oder DVDs während eines Vorspiels verkauft werden, und das Klavier soll geteilt werden, falls Interessenten auftauchen. Alle halten sich daran. Douglas (19) hört schon nach zehn Minuten auf.


Was hast Du gespielt?
Ich habe mein Lieblingslied gespielt: „My Immortal" von Evanescene.

Evanescene? Ist das nicht ziemlich düstere Musik?
Ja, schon. Ich mag die eigentlich auch nicht mehr, aber das Lied finde ich sehr schön. Naja, schön und nicht schön zugleich. Es erinnert mich an eine ziemlich wichtige Zeit in meinem Leben.

Und das spielst Du mitten in einer U-Bahn-Station?
Ja, warum nicht? Ich habe das Lied immer gehört, als ich mal unglücklich verliebt war. Und da hat es mir Trost gespendet:

"Immortal" heißt unsterblich. Was gefällt Dir an diesem Lied so?
Es ist ein ziemlich trauriges Lied. Es geht um eine Liebe, die nicht erwidert wird, die aber in dem Zurückgelassenen weiterlebt. Also unsterblich ist, egal, wie der Andere fühlt. Aber eigentlich kann ich auch gar kein anderes Lied auf dem Klavier.

Trotzdem setzt Du Dich hier einfach so hin und spielst? Vor all den Leuten?
Ich glaube die meisten hören das gar nicht. Sie haben entweder Kopfhörer auf oder sind in ihre Welt vertieft. Es bleibt ja kaum jemand stehen und hört zu.

Du spielst hier also öfter?
Ja eigentlich jeden Tag. Immer wenn ich von der Uni nach Hause komme, bleibe ich für ein paar Minuten hier und spiele oder höre anderen zu.

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