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StartseiteCorso"Bosheit muss begründet sein"19.01.2018

Musik-Kabarettist Marco Tschirpke"Bosheit muss begründet sein"

Marco Tschirpke ist als Kabarettist am Klavier mit seinen "Lapsusliedern" bekannt geworden. Nun hat er ein Buch mit Gedichten und Geschichten veröffentlicht. Im Interview mit dem Dlf erklärte er, wann derber Humor statthaft sei.

Marco Tschirpke im Corsogespräch mit Christoph Reimann

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Der Musik-Kabarettist Marco Tschirpke auf der 67. Frankfurter Buchmesse, in Frankfurt am Main. (picture alliance / Uwe Zucchi)
"Kein Ende zu finden, finde ich eine Untugend", so Musik-Kabarettist Marco Tschirpke im Dlf (picture alliance / Uwe Zucchi)
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Marco Tschirpke: "Zuweilen zähle ich Schafe. Ich bin kein guter Schläfer. Wenn ich mal wenig Zeit habe, dann zähle ich nur den Schäfer."

Christoph Reimann: Marco Tschirpke war das, sein Gedicht "Nächtliche Statistik" - erscheint in seinem neuen Buch "Empirisch belegte Brötchen". Darin viele solcher Gedichte und Geschichten des Kabarettisten, der bekannt geworden ist als Mann am Klavier. Marco Tschirpke, hallo zum Corsogespräch.

Tschirpke: Hallo.

Reimann: Tja, mit Ihnen verbindet man ja vor allen Dingen eben die von Ihnen erfundenen Lapsuslieder, kurzweilige Stücke, die Sie live am Klavier vortragen. Jetzt aber mal wieder ein Buch, es ist nicht das Erste. Wie entscheiden Sie denn, was zu einem Gedicht wird, und was zu einem Lied?

Tschirpke: Naja, alles, was als Gedicht auf dem Papier steht, lässt sich natürlich vertonen. Wenn man nicht einen schlechten Tag hat und sich doof anstellt, aber das ergänzt sich ein wenig.

"Kein Ende zu finden, finde ich eine Untugend"

Reimann: Das würde bedeuten, wenn Sie jetzt live auftreten mit diesem Programm, sind manche der Gedichte am Ende Songs?

Tschirpke: Ja, es ist im Grunde tatsächlich so: Was ich gerade vorlas, das kann ich auch dann im Moment ad hoc auch als Lied singen, das ist dann nicht so festgelegt, das würde man gar nicht unterscheiden können - fürchte ich - zu einer Komposition und einem hinimprovisierten Kurzlied.

Reimann: Das war ja sehr kurz eben, und so sind Ihre Lieder auch. Haben Sie Angst vor der Langform?

Tschirpke: Ja, ja. Ich fürchte mich fürchterlich, das ist ja... Kein Ende zu finden, finde ich eine Untugend.

Reimann: Aber frustriert es nicht vielleicht auch, Sie haben immerhin Klavier studiert. Vielleicht möchte man da auch mal einen großen Bogen spannen, ein Lied mit Refrain und einer vielleicht größeren Pointe, die sich über einen längeren Zeitraum ankündigt.

Tschirpke: Der Wunsch ist seitens des Publikums durchaus vorhanden. Das Problem, meines ist, das mit dem Refrain, dass ich immer denke, ein Refrain ist doch eine wirklich wiederkehrende, kehrreimende Sache, die man schon kennt. Warum wird der Hörer unterfordert, indem ihm immer wieder die gleiche Passage vorgekaut wird. Deswegen mag ich es nicht so sehr.

Reimann: Witze kann man also musikalisch nicht so gut wiederholen?

Tschirpke: Ja, dass Sie das als Witze bezeichnen, macht mich traurig, aber...

Reimann: Was wäre schöner?

Tschirpke: Naja. Es ist letztlich schon die Hochkomik, die da stattfinden soll, mal aber auf halbem Wege nur erreicht wird.

"Bosheit um der Bosheit Willen ist wenig erfrischend"

Reimann: Ihr Humor ist nie bissig und auch nicht zynisch, stattdessen gibt es in diesem neuen Buch viele Alltagsbetrachtungen und Wortspiele. Ich kann ja nochmal einen Text vorlesen, der auch sehr kurz ist, "Kühe" heißt der. Und es geht los: "Da weiß die Linke nicht, was die Rechte muht". Man könnte sagen, Sie haben einen lieben Humor. Vielleicht aber auch einen harmlosen Humor?

Tschirpke: Das ist interessant. Sie sind der Erste, der es so sieht. Ich kriege eher den Vorwurf zu hören, dass es doch mit kalter Schulter und Messer im Handrücken sozusagen produziert ist.

Reimann: Und was meinen Sie? Wie ist Ihre Annäherung? Eher liebevoll an die Personen, um die es auch geht oder eher bissig?

Tschirpke: Na, ich habe über Katarina Witt mal gedichtet und gegen Günter Grass, das sind so die Hauptschlagrichtungen. Es ist ja so: Eine Bosheit muss begründet sein. Die Bosheit um der Bosheit Willen ist wenig erfrischend, aber wenn man Gründe hat gegen, durchaus auch Personen des öffentlichen Lebens zu argumentieren, dann darf man das, glaube ich, wenn es in der Pointe eine Abfederung erfährt.

Reimann: Haben Sie den Katarina Witt Text parat?

Tschirpke: Ja. "Als die Sportsfrau Kati Witt nicht mehr auf den Kufen glitt, sangen die Konkurrenten leis: 'Damit wär die Kuh vom Eis'".

Reimann: Wer sind denn Ihre Vorbilder?

Tschirpke: Ich habe fast wirklich nur eines, und das ist Peter Hacks.

"Ohne entsprechende Umsetzung nützt ein Einfall wenig"

Reimann: Und wie funktioniert dieses Schreiben? Also Sie werden ja ausgezeichnet mit dem Kleinkunstpreis, die Verleihung ist Mitte Februar, dass Sie ausgezeichnet werden, ist schon bekannt. Und die Jury, die schreibt in ihrer Begründung: "Verse und Melodien fallen ihm ein wie Geistesblitze". Stimmt das?

Tschirpke: Nenenenenenenenene. Das ist im Idealfall so. Aber man muss doch ein paar Sachen durchaus erarbeiten. Das ist auch eine handwerkliche Frage häufig. Der Einfall ist gut, aber ohne entsprechende Umsetzung nützt er wenig.

Reimann: Schreiben Sie jeden Tag von - ich weiß nicht - neun bis 17 Uhr?

Tschirpke: Ja, aber eigentlich nur to-do-Listen.

Reimann: Okay. Und es braucht aber dann vielleicht doch manchmal eine Muse oder wie?

Tschirpke: Wenn Sie einen denn küsst. Es gibt häufig Musen, die einen völlig ungeküsst in der Ecke stehen lassen.

"Meine kleinen Kinder liefern natürlich Material"

Reimann: Zum Teil hat man ja das Gefühl, wenn man dieses Buch liest, Sie begleiten Ereignisse Ihres Lebens tagebuchartig darin. Nicht Tag für Tag, aber vielleicht von Ereignis zu Ereignis. Da gibt es zum Beispiel eine Reihe von Gedichten, da wird zuerst ein Kind produziert, dann kommt es auf die Welt, es wächst heran, verschluckt sich an einem Radiergummi und was eben alles so passiert. Ist dieses Buch auch das, eine Art Tagebuch?

Tschirpke: In Teilen ja. Was so die Brut und Pflege angeht, ist es das tatsächlich. Wir haben zwei Kleinkinder zuhause und, naja, die liefern natürlich Material.

Reimann: Und gibt es auch so eine Art Witzekontrolle? Also, wenn die Kinder lachen, ist es gut?

Tschirpke: Nein, die sind zu klein. Das verstehen die nicht, nein, nein. Ich habe letztlich nur mein eigenes Urteil und eventuell auch eines des Publikums. Aber da muss man sehr vorsichtig sein, nicht wahr. Man neigt ja eher dazu, eben zum Wohlgefallen auf der Bühne zu stehen, was auch sehr riskant ist.

Reimann: Schmeißen Sie denn viel Material weg?

Tschirpke: Ja. Wenn man mir die Zeit lässt, dann ist der Papierkorb voll. Es braucht eigentlich immer 50 Einfälle, um einen guten raus zu sortieren, das ist leider so.

"Das Politische ist durchaus vorhanden"

Reimann: Oha. Sie gehen Anfang Februar auf Tour. Und es ist ein bisschen ungewöhnlich für einen Kabarettisten, das neue Programm vorher schon als Buch raus zu bringen. Was ist das? Eine neue Vermarktungsstrategie?

Tschirpke: Es ist der Versuch, clever zu sein, ja, einfach das Plakat und Buch und Tour dann einfach unter demselben Titel laufen. Und das Zeitliche, das das so ein bisschen versetzt ist, ist ja ganz unwichtig dabei.

Reimann: Mir ist aufgefallen in Ihrem Buch, dass die Texte so richtig politisch eigentlich nicht sind, oder?

Tschirpke: Sagen wir so: Es ist nicht tagespolitisch, aber es ist durchaus vorhanden. Ich kann das selber wirklich nur in homöopathischen Dosen absondern, weil ich sonst wahrscheinlich in eine linksradikale Ecke abgestellt würde.

Reimann: Ja, Tagespolitik in einem Buch unterzubringen ist natürlich auch schwer, denn die hat eine kurze Halbwertszeit.

Tschirpke: Und wenn man für die Ewigkeit arbeiten möchte, dann sollte man das tunlichst vermeiden.

Reimann: Okay. Das sagt Marco Tschirpke. Vielen Dank für das Corsogespräch.

Tschirpke: Gerne

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Marco Tschirpke: "Empirisch belegte Brötchen"
Ullstein Buchverlage, Berlin 2018. 176 Seiten, 12,00 Euro.

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