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StartseiteCorsoBeats zum Schlucken30.07.2016

Musik neu erlebenBeats zum Schlucken

Corso-Reihe: Mensch-Maschine-Prototypen (4/5)

Eine Pille, die im Körper vibriert, Magneten, mit denen man im Ohr Musik hören kann, ein animierter Megastar, der Millionen Herzen höher schlagen lässt: Nicht alles, was dank neuer Technik möglich ist, macht auch Sinn. Spaß macht es aber dennoch.

Von Dennis Kastrup

Eine Performance mit der digitalen Figur Hatsune Miku, vorne Zuschauer.  (picture alliance / dpa / Alibaba)
Die digitale Figur Hatsune Miku singt, das Publikum in Schanghai tobt. (picture alliance / dpa / Alibaba)
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Anfang des Jahres brachte es der Tscheche Jan Strimska zu kleinem Ruhm: Er habe eine "Audiopill" entwickelt – und sie selbst getestet. Die künstliche Pille in Daumennagelgröße soll durch seinen Körper gewandert sein und dabei im Rhythmus von Musik vibriert haben. Sein Ziel: sich von innen beschallen zu lassen:

"Das muss man sich ein bisschen so vorstellen, als würde man ein Handy schlucken. Die Vibrationen sind aber anders, exakter, ein bisschen wie Herzschläge. Eine Mischung aus Handyvibration und Musikbeats."

Hören wie eine Fledermaus

Auch wenn die Echtheit dieses, zugegeben, gefährlichen Experiments nicht hundertprozentig geklärt ist, zeigt es trotzdem: Neue Ideen, Musik zu erleben, faszinieren uns. Und seien sie noch so abstrus.

Auch Rich Lee ist diesen Weg gegangen. Der Amerikaner wollte sich mithilfe von Echoortung wie eine Fledermaus im Raum bewegen. Dafür ließ er sich zwei winzige Magneten unter die Knorpelmasse am Ohreingang implantieren. Beide reagieren auf die Reflexion von Schallwellen und erzeugen Frequenzen: Ein hoher Ton bedeutet "nah", ein tiefer, dass der Gegenstand ist weit entfernt. Musikhören ist auch möglich.

"Ich benutze eine Drahtspule, die ich unter meinem Hut oder um meinen Hals trage. Sie ist mit meinem Telefon oder MP3-Player verbunden, so wie normale Kopfhörer.

Wenn Musik oder Audiodateien gespielt werden, erzeugt das ein magnetisches Feld. Die magnetischen Implantate in meinen Ohren reagieren auf das magnetische Feld mit Vibrationen. Diese erzeugen dann den Sound."

Die Musik wird durch den Schädel an das Innenohr transportiert. Spezielle Kopfhörer benutzen diese sogenannte "Knochenleitung" bereits seit Jahren. Jogger oder Fahrradfahrer können damit Musik hören und trotzdem Umgebungsgeräusche wie zum Beispiel sich nähernde Autos wahrnehmen. Mögliche Gefahren können also früh erkannt werden.

Farben sehen statt hören

Ähnlich funktioniert die Idee von Neil Harbisson. Der geborene Katalane war von Geburt an farbenblind. Um unterschiedliche Farben zu erkennen, implantierte er sich vor Jahren eine Antenne in den Hinterkopf. An der Spitze befindet sich eine Kamera. Sie filmt die Umgebung und wandelt sie durch Knochenleitung in Töne um. Wenn er die Antenne an einen Computer anschließt, kann auch das Publikum mithören.

"Jede Farbe hat eine Note. Ich schaue mir verschiedene Objekte an und mache den Sound in meinem Kopf für das Publikum hörbar. So kann ich Farbenkonzerte spielen."

Um einen besonderen Bühneneffekt zu erreichen, benutzt Harbisson bei seinen Auftritten Socken. Jede einzelne in einer anderen Farbe. Hält er sie vor die Kamera auf seinem Kopf, erzeugt die Antenne abgestimmt auf die Farben die entsprechenden Töne. Am Ende entsteht so Musik.

Virtueller Megastar

Die Songs von Hatsune Miku werden von ihren Fans selbst geschrieben. Ursprünglich wurde die animierte Figur als virtuelles Maskottchen für einen japanischen Software-Hersteller entwickelt. Die Benutzer konnten mit dem Programm eine künstliche Gesangsstimme steuern. Hatsune gab ihr ein Gesicht.

Der Erfolg war so riesig, dass die kleine Frau mit den grünen Haaren mittlerweile ausverkaufte Konzerte spielt - als digitale Projektion auf der Bühne.

Jede und jeder darf Hatsune Miku singen lassen. Auf Konzerten spielt sie dann vor ihrem Publikum eine Art Best Of. Doch nähert man sich ihr kritisch, dann sind auch hier, wie bei lebendigen Stars, die Fans nicht besonders erfreut.

Die Künstlerin Mari Matsutoya hat dies bei der vergangenen Club Transmediale in Berlin erlebt. Sie hat der Projektion ungewohnte Worte in den Mund gelegt. Zwischen den Songs bewegte sich ihr Mund zu vorher aufgezeichneten Interviews mit Medienexperten oder auch ihrem Erfinder.

"Also sie kann alle Arten von Lieder singen, alle Arten von Leuten repräsentieren. Das wird jetzt nach und nach ein bisschen offener. Es gibt natürlich die "Core" Fans. Die wollen Miku so halten, wie sie ist. Zum Beispiel bei uns in der Performance, uns wurde gesagt: "Ja, was macht ihr mit unserer Miku?

Warum dekonstruiert ihr sie? Das ist alles unnötig. Wir wollen das so rein halten, wie es ist."

Eine Pille, die im Körper vibriert, Magneten, mit denen man im Ohr Musik hören kann, eine Antenne, die Farben hörbar macht oder eine animierte Projektion, die Millionen Herzen höherschlagen lässt. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt der unendlichen Möglichkeiten neuer Technik. Sie werden die Musik, den Alltag und uns weiter verändern. Gut so! Kraftwerk sangen schließlich schon vor 30 Jahren in dem Stück "Techno-Pop": "Es wird immer weiter gehen, Musik als Träger von Ideen."

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