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StartseiteBüchermarktMusikalische Archäologie29.01.2007

Musikalische Archäologie

Der Magnetbanduntergrund in der DDR

Alexander Pehlemann und Ronald Galenza haben sich einem weitgehend unbekannten Kapitel deutscher Musikgeschichte gewidmet: den eigentümlichen musikalischen Experimenten einer Reihe von Leuten, die in den 80er Jahren dem DDR-Regime trotzten, weil sie einfach nur Musik machen wollten. "Spannung. Leistung. Widerstand" ist ein materialreicher Sampler, der mit Interviews und Texten von Zeitzeugen und nicht zuletzt zwei CDs mit mehr als 50 Titeln aufwartet.

Von Enno Stahl

Östlich der Berliner Mauer gab es durchaus eine Musikszene im Untergrund. (AP)
Östlich der Berliner Mauer gab es durchaus eine Musikszene im Untergrund. (AP)

Einst, als man ihn im Westen brauchen konnte, wurde er gefeiert und ob seiner Widerständigkeit gepriesen - der Kunstuntergrund am Prenzlauer Berg. Doch nach dem Mauerfall erlosch das Interesse rasch. Die Stasi-Verwicklung einiger wichtiger Protagonisten gab der medialen Wahrnehmung dieser Szene vollends den Rest. Spricht man heute vom Prenzlauer Berg, denkt kaum jemand mehr an die Avantgarde-Bestrebungen der 80er Jahre. Vielmehr denkt man an die architektonische Aufwertung des ehemals maroden Viertels, die hier eine florierende Restaurant- und Kneipenmeile hat entstehen lassen, bevölkert von rheinischen und schwäbischen Bürgersprösslingen, die von diesem Territorium aus ihre oft genug erfolgreiche Karriere in den kulturindustriellen Komplex planen.

Von den eigentümlichen musikalischen Experimenten einer Reihe von Leuten, die in den 80er Jahren dem DDR-Regime trotzten, weil sie - gar nicht unbedingt politisch motiviert - einfach nur Musik machen wollten, eine andere Musik, als verordnet war, ahnt man nichts mehr. Um so verdienstvoller ist es, dass Alexander Pehlemann und Ronald Galenza im Verbrecher Verlag einen materialreichen Sampler herausgegeben haben, der mit Interviews und Texten von Zeitzeugen und nicht zuletzt zwei CDs mit über 50 Titeln aufwartet, die sonst absolut nicht mehr greifbar gewesen wären - quasi musikalische Archäologie.

Nun gab es auch in Westdeutschland eine Kassetten-Szene. Leute wollten eigenständig, ohne dem Druck des Marktes zu gehorchen, ihre Ideen umsetzen, nahmen diese selber mit einfachen Mitteln auf, besorgten auch den Vertrieb. Die DDR-Musiker jener Zeit sahen sich jedoch komplett anderen Bedingungen ausgesetzt als ihre Kollegen im Westen. Allein halbwegs verwendbare Kassetten zu bekommen, war bereits ein Problem. Instrumente wurden selber gebaut oder von befreundeten Musikern geliehen. Konzerte fanden häufig genug als Piraten-Acts statt, eine vorhandene Bühne quasi enternd oder in privatem Rahmen nur über Mundpropaganda angekündigt. Dennoch konnten die Ergebnisse sich hören lassen:

Das waren Paul Landers und Flake Lorenz von der "Magdalene Keibel Combo", zwei der rührigsten unter den Musikern der damaligen Zeit, heute operieren die beiden als Mitglieder der Band "Rammstein" ganz und gar nicht mehr im privaten Kreis. Auch die Brüder Robert und Ronald Lippok, Letzterer heute Teil der Indie-Gruppe "Tarwater", gehörten mit ihrer Formation "Ornament & Verbrechen" zu einer Musikerszene, die immer wieder neue Projekte und Kooperationen miteinander einging, stets improvisierend, immer auf der Suche, lieber Neues ausprobierend als etwas Dauerhaftes zu finden und zu verfestigen.

Interessant ist dabei die intensive Zusammenarbeit mit Literaten, Peter Wawerzinek und Matthias Baader-Holst spielten zusammen mit Flake und/oder Landers, am stärksten war aber wohl der Lyriker Bert Papenfuß in die Musikszene einbezogen. Er besorgte jetzt auch die Liner Notes für die Begleit-CDs, hören Sie ihn hier zusammen mit "Ornament & Verbrechen":

Ursprünglich hatten die Herausgeber die Absicht, die 80er-Jahre-Untergrundmusik "gesamtdeutsch" zu dokumentieren. Aufgrund der Fülle von Materialien, die dabei zum Vorschein kam, stellte sich dieses Vorhaben aber schnell als undurchführbar heraus. Also wurde die jetzige Auswahl auf den Ost-Underground beschränkt. Und man muss sagen, es ist gut so. Denn sowohl die Musik als auch die sozialgeschichtlichen Voraussetzungen ihrer Produktion unterscheiden sich gravierend von den gleichzeitigen Bestrebungen im Westen.

Gerade für jene, die diese Zeit in Ost-Berlin und anderswo nicht selber miterlebt haben, ist es ein faszinierendes Kapitel subkultureller Tradition, das hier homogen und kompakt eingefangen worden ist. Zum Abschluss einen Text von Stefan Döring, von ihm selber mit einem Küchenrecorder aufgenommen.

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