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StartseiteTag für Tag"Fast schon verfolgt"03.03.2016

Muslime in Frankreich"Fast schon verfolgt"

Der Glaube als sozialer Makel: In Frankreich stehen Muslime mittlerweile unter Generalverdacht. Premierminister Manuel Valls sprach vom "inneren Feind"; die Zahl anti-muslimischer Straftaten hat sich verdreifacht. Muslime klagen, sie würden alle wie potenzielle IS-Terroristen behandelt.

Von Margit Hillmann

Vor dem islamischen Halbmond und Stern weht die französische Flagge. (AFP/Patrick Kovarik)
Eine französische Fahne weht über der Großen Moschee von Paris (AFP/Patrick Kovarik)
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Abends in der Pariser Banlieue Bobigny: Teenager, Kinder und einige Erwachsene aus dem Viertel sind zur Jam-Session in den Kulturverein "Canal 93" gekommen. Gut gelaunt feuern sie die Rapper an, die zum Improvisieren auf die Bühne steigen. Sie sind Anfang bis Mitte zwanzig, tragen unauffällige Jeans und Daunenjacken. Mit federnden Schritten und bitterernster Miene durchmessen sie die Bühne, rappen über das raue Gettoleben.

Nach dem Auftritt gehen sie zum Rauchen vor die Tür. Seit der Pariser Attentate im November sei ihr Alltag noch rauer geworden, erzählen die Gelegenheitsrapper, die im gleichen Banlieueviertel aufgewachsen sind.

"Vorher mussten wir auch oft der Polizei unsere Papiere zeigen. Aber seit den Pariser Anschlägen werde ich wirklich dauernd kontrolliert. Das ist schon ein echt komisches Gefühl."

Asim – seine Eltern stammen aus Pakistan – nickt. Die Polizei habe ihn in vier Tagen zweimal kontrolliert, sagt er, zuletzt heute Morgen auf dem Weg zu seiner Uni in Paris.

"Man steigt in Paris aus dem Zug, und von den zwanzig Fahrgästen aus dem Abteil werden zwei herausgegriffen: Ich und ein Monsieur afrikanischer Herkunft. Sie hatten Polizeihunde dabei, haben uns abgetastet und die Taschen durchsucht. Ich habe den Beamten gesagt, dass ich jetzt eine halbe Stunde zu spät zur Vorlesung komme. Und warum?"

"Weil wir Muslime sind", antwortet sein Freund Tareq. Für die französische Gesellschaft seien sie jetzt alle potenzielle IS-Terroristen.

"Sie reden ständig von uns. Muslime Frankreichs nennen sie uns, oder reden von der Banlieue. Das sagen uns auch unsere nicht-muslimischen Freunde. Die sehen auch, dass wir inzwischen aufgrund unserer Religion fast schon verfolgt werden."

"Es gibt eine tiefe Beunruhigung in der muslimischen Bevölkerung"

Dahinter stecke politische Strategie, davon sind die jungen Männer aus der Pariser Banlieue überzeugt. Es werde Angst geschürt, die Gesellschaft gegen muslimische Franzosen aufgebracht.

"Das sieht doch jeder hier, dass was im Busch ist. Auch wenn es uns noch schwerfällt, das genauer zu erklären, es in Worte zu fassen. Wir spüren es."

In einem Pariser Café des 19. Pariser Arrondissements sitzt ein Endvierziger vor einer Espressotasse und telefoniert – mal auf Arabisch, dann wieder Französisch. Imam Abdelali Mamoun spricht mit einem Gläubigen, der ihn um Rat gebeten hat. Der Banlieue-Imam und studierte Theologe arbeitet nebenbei beim populären Pariser Privatradio Beur FM, der vor allem von Franzosen nordafrikanischer Herkunft gehört wird. Dort co-moderiert Abdelali Mamoun das Wochenmagazin "Islam der Gegenwart", antwortet auf Hörerfragen, diskutiert über Islamthemen.

"Es gibt eine tiefe Beunruhigung in der muslimischen Bevölkerung. Die Attentate von 2015 haben die französische Gesellschaft tief erschüttert. Sie distanziert sich von Franzosen muslimischer Konfession, die Gräben sind tiefer geworden."

Die Franzosen haben Angst

Viele Muslime erleben ihren Glauben heute wie einen sozialen Makel, konstatiert der Imam aus der Pariser Banlieue. Sie beklagen sich zunehmend über Diskriminierungen: privat, bei den Behörden und – besonders gravierend – im Beruf. Das bestätigen längst auch seriöse Untersuchungen. So veröffentliche kürzlich das angesehene Pariser Institut Montaigne eine Studie über religiöse Diskriminierung von Katholiken, Juden und Muslimen bei der Jobsuche. Die Chancen für Bewerber mit typisch muslimischen Namen, so das Ergebnis der wissenschaftlichen Testings, sind mit Abstand die schlechtesten. Sie werden auf dem französischen Arbeitsmarkt stärker benachteiligt, als etwa Afroamerikaner gegenüber Weißen in den USA, vergleichen die Autoren der Studie. Die Franzosen haben Angst, bedauert Imam Mamoun:

"Die Arbeitgeber fragen sich, ob ein muslimischer Bewerber den Job zuverlässig erledig. Oder ob er sich eines Tages als gefährlicher IS-Anhänger entpuppt, wie in dem Fall vergangenen Sommer, als der Chef eines Transportunternehmens in der Nähe von Lyon von seinem Mitarbeiter im Namen des IS enthauptet wurde. Genauso ist es mit den Vermietern. Die haben noch die Fernsehbilder aus Saint-Denis von der völlig zerschossenen Mietwohnung im Kopf, in der mutmaßliche Terroristen vom Bataclan Unterschlupf gefunden hatten. Das alles hat uns Muslimen sehr geschadet."

Abdelali Mamoun hat gemeinsam mit anderen Imamen nach den November-Anschlägen vor dem Bataclan Blumenkränze niedergelegt. Dann haben auch sie – wie viele Franzosen in den Tagen nach den Attentaten – die Marseillaise gesungen.

"Das war eine spontane Idee; wir waren etwa dreißig Imame. Mehr ging nicht, weil es ein Versammlungsverbot gab. Warum ich dort war? Ich bin ein republikanischer Imam, der es – im Gegensatz zu den Islamisten – als Recht eines jeden Muslims erachtet, ein Patriot zu sein, sein Land zu lieben."

"Natürlich fühlen wir uns stigmatisiert"

In Frankreich steht der Begriff "Republikanischer Islam" für die als liberal geltende Reformbewegung um den einflussreichen Theologen Tareq Oubrou, Iman der großen Moschee in Bordeaux. Oubrou und seine Unterstützer setzen sich in den muslimischen Gemeinden Frankreichs für eine zeitgemäßere Interpretation der Korantexte ein. Sie plädieren regelmäßig für einen französischen Islam, kompatibel mit den Werten westlicher Demokratien und den Gesetzen der Republik. Und sie wollen Schluss machen mit dem auslandsfinanzierten Imanat, mit Geistlichen aus dem Magreb oder der Türkei, die in den Moscheen einen ultrakonservativen bis radikalen Islam propagieren. Abdelali Mamoun:

"Wir müssen ihnen 'Stopp' sagen, dass es uns reicht. Wir haben hier unsere eigenen Imame, Intellektuellen, Theologen und Islamologen. Wir haben in Frankreich kompetentere Leute, die den Islam besser kennen als ihr. Wir brauchen euch nicht."

Er sei keine Ausnahme. Die große Mehrheit der Muslime lebe in Harmonie mit der Gesellschaft, versichert Abdelali Mamoun. Dennoch schürten viele Politiker die Angst der Franzosen vor dem "inneren Feind", setzten häufig Islam mit Islamismus gleich. Auch die französische Regierung, deren Antiterrorpolitik die Muslime unter Generalverdacht stelle:

"Natürlich fühlen wir uns stigmatisiert. Diese Politik richtet sich gegen uns als Muslime. Das hat auch die leidige Debatte um den Entzug der Staatsbürgerschaft als Mittel der Terrorismusbekämpfung deutlich gezeigt, ursprünglich eine Forderung des rechtsextremen Front National."

Regierung rudert bei doppelter Staatsbürgerschaft zurück

Gegen massive Kritik – auch aus den eigenen Reihen – verteidigte die französische Regierung über Wochen hinweg eine Änderung der Verfassung, um verurteilten Terroristen künftig die französische Staatsbürgerschaft entziehen zu können. Gelten sollte der Gesetzesartikel jedoch ausschließlich für die rund dreieinhalb Millionen Franzosen im Land, die einen zweiten Pass besitzen – zu 90 Prozent Franzosen mit Migrationshintergrund, deren Eltern überwiegend aus muslimischen Ländern des Maghreb und dem subsaharischen Afrika eingewandert sind. Ende Januar nach dem Rücktritt der Justizministerin aus Protest gegen das Gesetzesvorhaben ist die Regierung zurückgerudert. Der Begriff "doppelte Staatsbürgerschaft" werde aus dem Gesetzesentwurf gestrichen, unterschiedslos allen französischen Terroristen und ihren Komplizen solle nach ihrer Verurteilung die Französische Nationalität aberkannt werden.

Populistische Anti-Terrorpolitik auf dem Rücken der Muslime, warnt Imam Abdelali Mamoun, nütze am Ende nur den Islamisten:

"Junge Muslime, die weder in Frankreich noch dem Land ihrer Eltern oder Großeltern akzeptiert werden – um die kümmert sich dann das IS-Kalifat."

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