• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:10 Uhr Das Wochenendjournal

Mutiges Buch

KURSIV International: Hasan Cemal: "1915. Ermeni Soykirimi (Der Völkermord an den Armeniern)"

Der Völkermord an den Armeniern war lange ein Tabu der Geschichte in der Türkei. Mit diesem Tabu ist auch der Journalist Hasan Cemal aufgewachsen. Seine persönliche Auseinandersetzung mit dem Genozid, sein Fragen und Verstehen, hat der Journalist in dem Buch "1915. Der Völkermord an den Armeniern" zusammengefasst.

Von Gunnar Köhne

Opfer der türkischen Massaker an den Armeniern (AP Archiv)
Opfer der türkischen Massaker an den Armeniern (AP Archiv)

Auf dem Titelfoto ist der Autor zu sehen, wie er in der weiten Halle der Völkermord-Gedenkstätte in Erivan weiße Nelken vor der ewigen Flamme niederlegt. Hasan Cemal war vor fünf Jahren im Tross des türkischen Staatspräsidenten Gül in die armenische Hauptstadt gekommen. Ein historischer Besuch anlässlich eines Fußball-Länderspiels zwischen Armenien und der Türkei. Lange, so erinnert sich der prominente Milliyet-Kolumnist, habe er mit sich gerungen, ob er das Mahnmal besuchen solle:

"Ich fühlte, dass ich damit auch eine Tabumauer in meinem Innersten einreißen würde. Aber ich erinnerte mich an die Worte von Hrant Dink, der uns Türken zurief: 'Lasst uns zusammen kommen und endlich unserem Schmerz gegenseitig Respekt erweisen'."

Cemals Freund und Journalistenkollege Hrant Dink war im Jahr zuvor in Istanbul auf offener Straße erschossen worden – weil er Armenier war, weil er für die Versöhnung zwischen Türken und Armeniern und für die historische Wahrheit gleichermaßen gestritten hatte. Ihm, Hrant Dink, ist das Buch "Der Völkermord an den Armeniern" gewidmet, sein gewaltsamer Tod, so bekennt Cemal im Eingangskapitel, war für ihn der letzte Anstoß, sich intensiv mit dem finstersten Kapitel der Geschichte seines Landes auseinanderzusetzen. Von diesem schmerzhaften Erkenntnisprozess – der die eigenen Familiengeschichte mit einschließt - handelt das Buch. Es ist – anders als der Titel vermuten lässt – keine Arbeit über die Vertreibung und Ermordung von vermutlich über einer Million Armeniern während des Ersten Weltkrieges durch das siechende osmanische Regime. Über die Planung und Durchführung dieses Genozids durch die türkische Armeeführung ist alles gesagt und geschrieben – und selbst in der Türkei zweifeln mittlerweile nur noch extrem nationalistische Kreise die historischen Fakten an. Das ist wohl das Erstaunlichste an diesem Buch: dass es so gut wie keine Kontroverse ausgelöst hat. Es belegt einen Zeitenwechsel in der Türkei. Noch vor wenigen Jahren wurde Cemal allein für die Unterstützung einer Historikerkonferenz zu dem Thema wegen "Verunglimpfung des Türkentums" angeklagt. Es waren meist tragische Ereignisse, die ihn aufrüttelten. So wurde ein enger Freund während seines Dienstes als türkischer Diplomat in den USA Anfang der 70er-Jahre von der armenischen Untergrundorganisation ASALA erschossen – als späte Vergeltung für den Völkermord. Und an noch etwas erinnert er sich: Warum über seinen Großvater, Cemal Pascha, in seinem Elternhaus so wenig gesprochen wurde, insbesondere über die Umstände seines Todes. Cemal Pascha war einer der nationalistischen Jungtürkenanführer und im Ersten Weltkrieg Armeekommandant. 1922 wurde er in der georgischen Hauptstadt Tiflis von einem Armenier wegen seiner Beteiligung an dem Völkermord erschossen. Während seines Besuches in Erivan traf sich Hasan Cemal, Enkel des Täters, mit dem Enkel des Attentäters:

"Anfangs war ich etwas nervös. Armen Gevorgyan hatte zwei Fotos mitgebracht, vergilbt mit eingerissenen Rändern und mit einem Geruch von Traurigkeit. Auf dem einen war das Haus zu sehen, in dem sein Großvater vor 1915 gelebt hatte. Das andere zeigte einen bärtigen Türken, der zwei armenische Kinder, Verwandte von Gevorgyans Großvater, vor Gräueltaten und Vertreibung gerettet hatte, indem er sie zwei Jahre versteckt und sie dann wieder unversehrt ihrer Familie übergeben hatte. Wir saßen uns gegenüber, tranken Tee und Kaffee und sprachen von der Notwendigkeit eines Friedens. Wir tauschten Handynummern aus. Das nächste Mal wird er mich anrufen, wenn er nach Istanbul kommt, ich werde ihn dann zu Fisch und Raki am Bosporus einladen."

Hasan Cemal, Jahrgang 1944, ist ein Kind der Republik Kemal Atatürks. Wie alle lernte er in der Schule viel über die Errungenschaften der modernen Türkei. Das untergegangene Osmanische Reich spielte so gut wie keine Rolle. Auch dass in dem Gebiet der heutigen Türkei nicht nur Türken, sondern auch Kurden, Griechen, Kaukasier und eben Armenier lebten und noch leben war keine Rede wert. Erst recht nicht, dass diesen Minderheiten angetane Unrecht. Cemal nennt diese Tabus auch "Angst vor der Geschichte".

"Wer der Vergangenheit nicht mit Hass, sondern mit Mitgefühl begegnet, wird nicht nur die Geschichte von ihren Ketten, sondern auch sich selbst befreien."

Cemal hat sich als Täterenkel wieder und wieder in den vergangenen Jahren im Ausland der armenischen Diaspora gestellt. Ob in Salzburg oder in Los Angeles, er hörte sich die erschütternden Zeugnisse der Opfernachkommen geduldig an, etliche von ihnen sind in dem Buch versammelt. Es ist ein ehrliches Buch, besonders wenn es um Cemals eigene Familiengeschichte geht. Störend ist nur, dass zu oft in der ersten Person die Rede ist und Cemal viel aus eigenen Artikeln zitiert. Dennoch: Für die verbliebenen 20.000 Armenier in der Türkei ist es ein Trost, dass es einflussreiche liberale Türken wie Hasan Cemal gibt. 2015 werden die Armenier weltweit der einhundertsten Wiederkehr der "großen Katastrophe" gedenken, wie sie den Völkermord nennen. Ob es die Türkei bis dahin schafft, mit ihrer Vergangenheit und mit Armenien Frieden zu schließen? Mutige Menschen wie Hasan Cemal könnten dabei helfen.

Hasan Cemal: "1915. Ermeni Soykirimi (Der Völkermord an den Armeniern)", Verlag Everest Yayinlari (Istanbul) 2012, 230 Seiten, 11,99 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk