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StartseiteTag für TagJa zum Baby, nein zum Partner12.05.2017

Mutter-SeinJa zum Baby, nein zum Partner

Mutter, Kind, Samenspender - ist das eine Familie? Klar, sagen Single-Mütter. Nein, sagt die katholische Kirche. Ethiker mahnen das Recht des Kindes an, seine Herkunft zu kennen. Für die Reproduktionsmedizin sind Frauen, die sich ein Kind wünschen, aber keinen Mann an ihrer Seite, eine wachsende Zielgruppe.

Von Michael Hollenbach

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Eine Mutter kümmert sich in einem Park um ihren Sohn im Kinderwagen. (imago / BE&W)
Die meisten Ärztekammern schreiben vor, dass eine Kinderwunschbehandlung nur für Ehepartner oder fest verpartnerte Paare erfolgen darf. (imago / BE&W)
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"Ich war Mitte 30, und habe am Anfang gedacht, ich mache Karriere, ich brauche keine Kinder, aber wenn man einen Mann trifft, dann könnte man vielleicht doch. Aber mit Mitte 30 war der Mann immer noch nicht da."

Britta entschied sich, ohne Mann, ohne Partner ein Kind zu bekommen – als Single-Mutter. Sie nahm Kontakt auf zu einem Reproduktionsmediziner und zu einer Agentur, die den Samen von Spendern verkauft. Britta konnte sich das Profil des Spenders aussuchen.

"Ich wollte jetzt nicht jemanden, der asiatisch ist oder eine andere Hautfarbe hat. Dann hätte ich noch mehr erklären müssen, und das wäre für die Kinder auch schwieriger. Mir war wichtig, dass ich von dem Interview das Gefühl habe. Das ist ein Mensch, von seinen Hobbys und seinen Ansichten her, mit dem ich mich identifizieren kann. Ich weiß noch, da gab es einen, der war Schlachter auf der Liste der Samenbank. Da habe ich gedacht: Ein Schlachter muss es nicht sein."

Freie Wahl bis ins Detail

Auch Sybille, die ohne Partner ein Kind bekommen wollte, konnte aus einem Katalog auswählen. Wie die meisten Single-Mütter hat sie den Spender aus einer dänischen Samenbank.

"Es gibt sehr viele Spender zur Auswahl. Es ist fast schwieriger als die Partnersuche, weil man dann konkret seine Vorstellungen angeben kann. Ein Partner, man verliebt sich, egal ob der blond ist, wie groß der ist, bei den Spendern habe ich die Möglichkeit zu sagen: Nee, der wiegt mir zehn Kilo zu viel oder ich möchte doch lieber jemanden mit braunen Augen. Das war schon skurril."

Britta und Sybille haben sich in dem Internet-Forum "Single-Frauen mit Kinderwunsch" informiert. Betreut wird dieses Forum von Anya Steiner.

Ihre Erfahrung: "Der Klassiker sind Frauen, die mit Mitte 30 entweder keinen Partner haben, häufiger aber Partner haben, aber der sagt: 'Ach Kinder, vielleicht später, ich weiß nicht so recht', und die Frauen überlegen müssen, wie wichtig sind mir Kinder. Mein Kinderwunsch, von dem sie gedacht haben, ich habe ja noch Zeit. Irgendwann stellen sie fest, ich habe nicht mehr so viel Zeit, und dann müssen sie schauen: Ist dieser Kinderwunsch so wichtig, dass sie da auf eine Partnerschaft verzichten. Und viele Frauen entscheiden sich: Dieser Kinderwunsch gehört dazu zum Leben, dass ich eben dann die Partnerschaft dafür aufkündige.

Hilfe nur für Paare

Anya Steiner, Autorin des Buches "Mutter, Spender, Kind", ist selbst Solo-Mutter. In Deutschland ist es für Frauen ohne Partner schwierig, mit Hilfe der künstlichen Befruchtung ein Kind zu bekommen. Denn die meisten Ärztekammern schreiben vor, dass eine Kinderwunschbehandlung nur für Ehepartner oder fest verpartnerte Paare erfolgen dürfe. Hierzulande gibt es nur sehr wenige Reproduktionsmediziner, die den Kinderwunsch erfüllen. Viele alleinstehende Frauen müssen ins Ausland gehen. So oder so – der Weg zum Kind ist teuer, weiß die zweifache Mutter Britta:

"Meine Kinder haben zwei Kleinwagen gekostet, aber das war es allemal wert. Es geht um so was Grundsätzliches im Leben."

Dass Frauen ohne einen Partner Kinder bekommen, davon hält Thomas Sternberg nichts. Er ist Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken:

"Das entspricht nicht unserem Familienbild. Wir glauben, dass ein Kind auch ein Recht auf seinen Vater hat. Wir verstehen die als unvollständige Familie. Die vollständige Familie ist die Familie, bei der Vater und Mutter sich um das Kind kümmern. Das wird ausgehebelt, wenn man glaubt, man könne ein Kind produzieren, allein von einer Frau, ohne dass man einen Mann kennt.

Für Britta ist ihr Zusammenleben mit den zwei Kindern auf jeden Fall eine Familie:

"Klassische Familie natürlich nicht, aber es gibt halt immer weniger von diesen klassischen Familien. Ich würde sagen, es ist nicht der optimale Weg. Ich würde jedem Kind zwei Elternteile wünschen. Die Last auf zwei Schultern zu verteilen, wäre sicher nicht schlecht, gerade in der Erziehung."

Britta erzieht ihre Kinder allein, kann aber vor allem auf ihre Eltern bauen, die sie unterstützen.

"Ich fühle mich ulkigerweise bestätigt, dass es gut ist, das so zu machen, weil viele meiner Freundinnen gar nicht mehr Hilfe haben. Meine Eltern sind zuverlässiger als viele Ehemänner oder Väter, und ich glaube, dass es einfacher ist, wenn man nicht enttäuschte Hoffnungen hat, dass ein Partner sich stärker einbringt, und wenn man von vornherein weiß, man ist auf sich allein gestellt."

"Wunschkind" als kontroverser Begriff

"Familie ist mehr als Frau, Kind, Samenspender", sagt dagegen der Berliner Erzbischof Heiner Koch. Er ist der Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz. Frauen, die ohne medizinische Hilfe kein Kind bekommen können, empfiehlt der Erzbischof eine Adoption.

"Es gibt kein Recht auf einen anderen Menschen", so Koch, "auch nicht auf ein Kind, und es gibt kein Recht auf ein Kind, das so ist, wie ich es erwarte. Ich halte das Wort Wunschkind für ein großes Problem. Das Kind muss die Wünsche seiner Eltern erfüllen. Das heißt, es ist bedingt geliebt, weil es den Wunsch erfüllt."

Für Sybille aus Bremen war es ein langer und mühsamer Weg zu ihrem Sohn. Die Hormonbehandlungen seien schon sehr belastend gewesen. Sechs Versuche der künstlichen Befruchtung scheiterten. Sie erzählt: "Für mich war klar: Ich reize alle Möglichkeiten aus, die mir gegeben sind."

Das bedeutete für sie: Eine in Deutschland verbotene Eizellspende. Dafür flog sie mehrmals in eine Reproduktionsklinik nach Spanien.

Sybille erzählt: "Der einzige Nachteil ist: In Spanien sind die Spender anonym. Sowohl die Frau als auch der männliche Spender sind mir unbekannt. Ich weiß gerade mal das Alter, Blutgruppe und Haarfarbe, das war es auch schon."

Gerade dass das Kind später nicht erfahren kann, wer die genetischen Eltern sind, hält Claudia Wiesemann für ein gravierendes Problem. Die Göttinger Professorin für Medizingeschichte ist stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates:

"Das ist sicherlich sehr bedenklich. Denn immerhin haben wir dieses Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung hier konstatiert als Grundrecht des Kindes, und die praktische Situation unterläuft aber dieses Recht des Kindes."

Dass die Eizellspende in Deutschland verboten ist, war für Sybille kein Grund, es nicht zu versuchen: "Das war für mich nur eine persönliche, eine mit meinen eigenen Moralvorstellungen zu vereinbarende Entscheidung."

Die Folgen einer Revolution

Immer mehr Frauen ab Mitte 30 entscheiden sich dafür, ohne Partner ein Kind zu bekommen. Ein Trend, der vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien und Dänemark zu beobachten ist.

Für Thomas Sternberg vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, sind die sozialen Konsequenzen der Reproduktionsmedizin bedenklich: "Wir denken familienpolitisch grundsätzlich weg von einem verengten Individualismus, der nur fragt, was braucht die einzelne Person für ihr Glücksempfinden, sondern wir fragen danach, wie geht das in einem größeren sozialen Zusammenhang."

Und auch Ralf Charbonnier, im Kirchenamt der EKD zuständig für Bioethik, hat seine Probleme mit Single-Müttern: "Die wesentliche Frage ist, wie wird verhindert, dass die Kinder instrumentalisiert werden von Müttern. Nicht aus bösen Willen, aber faktisch. Weil diese Kinder auch ein Selbstbestimmungsrecht haben, dieses Selbstbestimmungsrecht aber nicht einbringen können, es geht hier um Anwaltschaft. Also letztlich geht es darum: Wie können wir verhindern, dass Kinder instrumentalisiert werden?"

Britta, selbst zweifache Single-Mutter, sieht noch einen anderen Punkt durchaus kritisch: "Ich frage mich, in wie weit diese ganzen Optionen unsere Beziehungsunfähigkeit – wir werden ja immer anspruchsvoller, was Beziehungen angeht, nicht noch fördert, wenn man jetzt nicht mal mehr eine Beziehung braucht, um ein Kind zu kriegen.

Sie macht sich ihre Gedanken über die gesellschaftlichen Konsequenzen einer kleinen Revolution:

"Die Revolution ist die Loslösung der Fortpflanzung von der Partnerschaft. Das ist genau das, was ich auf der einen Seite toll finde, dass wir diese Freiheiten haben, auf der anderen Seite frage ich mich auch, ob es uns weiter dazu bringt, zu sagen, wir gehen unser Leben allein. Den anderen brauchen wir ja nicht. Hin zu noch mehr Individualität, und natürlich kriegen unsere Kinder ja auch keine Partnerbeziehung vorgelebt. Und ich denke mal, dass das schon in die Richtung hinführt: 'Ich kann alles allein'. Wenn es einmal bewiesen wird, dass es allein geht, warum soll man es dann nicht machen? Weil viele Partnerschaften ja auch auf vielen Kompromissen beruhen."

Ganz wichtig – und da ist man mittlerweile bei den betroffenen Müttern auf einem gutem Weg: die Kinder müssen rechtzeitig über ihre Herkunft aufgeklärt werden:

"Das fing ganz früh an", erinnert sich Britta. "Als die noch gar nicht richtig das verstehen konnten. Wenn die Papa gesagt haben, dann habe ich gesagt: Wir haben keinen Papa, du hast einen Vater, der hat mir geholfen, dich zu kriegen, aber der wohnt ganz woanders."

Brittas ältester Sohn ist vier Jahre alt. Sie erzählt: "Einmal hat mein Sohn gesagt, als ich gesagt habe: Ich wollte dich so gern haben, aber habe keinen Mann gefunden. Da hat er gesagt: Hättest du mal besser suchen sollen."

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