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StartseiteKultur heuteEin Abend der gehobenen Unterhaltung29.11.2015

"My Fair Lady" an der Komischen OperEin Abend der gehobenen Unterhaltung

Der ehemalige Intendant selbst am Werk: Andreas Homoki hat an der Komischen Oper in Berlin Frederick Loewes Musical "My Fair Lady" inszeniert. Dabei vertraut er auf den Witz der ungekürzten Dialoge, das Flair der Musicalhits - und vor allem auf das komische Talent seiner großartigen Darsteller.

Von Julia Spinola

Eine Schauspielerin in kariertem Rock und weißer Bluse sitzt auf einem Sessel und deutet mit dem Finger an, sich übergeben zu müssen. Neben ihr steht ein Professor, der sie anguckt. Im Hintergrund im Halbdunkeln sitzen und stehen Männer und Frauen in Bediensteten-Kleidung. (imago/stock&people/drama-berlin.de)
Katharine Mehrling als Eliza Doolittle und Max Hopp als Professor Henry Higgins in Andreas Homokis Inszenierung von "My Fair Lady" (imago/stock&people/drama-berlin.de)

Es wird berlinert an diesem Abend in der Komischen Oper. Andreas Homoki hat die deutsche Fassung des Erfolgsmusicals gewählt und sie in die Zwanzigerjahre verlegt. Die feine Gesellschaft trägt Cremeweiß, die Proletarier Blaumann und Schiebermütze. Gleich zu Beginn purzelt Eliza Doolittle mitsamt ihren Straßenjungens aus dem Inneren eines riesigen Grammophons heraus, als wollte sie sagen: "Wir sind es, die hier in Wahrheit die Musik machen!".

Später führen sich Vater Doolittle und seine Saufkumpanen mit ihrem Gegröle als nächtliche Ruhestörer auf - zwei Statisten protestieren lautstark vom Rang herab. Ansonsten freilich geht es kein bisschen aufmüpfig oder gar sozialkritisch zu in dieser vergnüglichen Inszenierung. Die Revolution fällt aus. Andreas Homoki verzichtet auf alle aktuellen Anspielungen, die man in der Geschichte über die Macht der Sprache und die englische Klassengesellschaft entdecken könnte.

Dabei hat das heutige Multi-Kulti-Berlin ja durchaus seine eigenen, an die Sprache geknüpften Diskriminierungsmechanismen. Andererseits: Hätten wir Professor Higgins wirklich gerne als Neuköllner Sozialarbeiter erleben wollen, der einer türkischen Supermarktkassiererin Grammatikunterricht erteilt? Homoki vertraut lieber ganz auf den Witz der ungekürzten Dialoge, auf das Flair der Musicalhits, die hier in voller Länge ausgesungen werden, und – vor allem - auf das komische Talent seiner großartigen Darsteller.

Musik könnte mehr Schmiss und Schmerz verlangen

Katharine Mehrling ist die aufsässige Blumenverkäuferin Eliza Doolittle: ein hinreißendes Temperamentsbündel, das mit seiner dreckigen Röhre und seiner rotzigen Penetranz den Phonetikprofessor Higgins so in den Wahnsinn treibt, dass er irgendwann selber anfängt, zu berlinern. Diese herrliche Göre zickt irre komisch herum, wenn sie zum Beispiel für Minuten in Sirenengeheul verfällt, anstatt sich weiter mit Sprechübungen foltern zu lassen. Wenn ihr nach dem Verschlucken von Kieselsteinen mit dem berühmten "Es grünt so grün" der Durchbruch gelingt, fangen sogar die inzwischen zahlreichen Grammophone auf der Bühne an, vor Freude zu schunkeln.

Schließlich verwandelt sich die ganze Bühne in eine Langspielplatte. "Her Master's voice" steht auf der rotierenden Scheibe und Eliza schwebt als Musical-Fee im weißen Nachthemd über das schwarze Schellackparkett. Max Hopp brilliert mit hollywoodreifem Slapstick in der Rolle des vertrottelten Professor Higgins. Er verheddert sich prächtig singend in Telefonkabeln und bekommt von Eliza die Pantoffeln an den Kopf geworfen. Bei aller Bildung bleibt ihm die Welt der Empfindungen ein Buch mit sieben Siegeln, weil er, wie Eliza messerscharf bemerkt, nur "eine Boulette hat, wo andere ein Herz haben".

So engstirnig und eigenbrödlerisch wie Max Hopp den Higgins darstellt, traut man ihm eigentlich bis zum Schluss überhaupt keine Gefühle zu: weder eine homoerotische Neigung zu seinem Wettpartner Oberst Pickering, wie sie die Inszenierung einmal andeutet, noch gar eine Verliebtheit in Eliza, wie sie im Happy End des Schlusses dann behauptet wird. Die Musik von Frederick Loewe hätte mehr Schmiss und Schmelz vertragen können, als es Kristiina Poska mit ihrer wohlsortierten, aber allzu steifen Interpretation am Pult des Orchesters der Komischen Oper gelang. Alles in allem bleibt es ein Abend der gehobenen Unterhaltung.

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