Montag, 20.11.2017
StartseiteForschung aktuellMythen und Zufälle25.03.2009

Mythen und Zufälle

Ein Physiker analysiert die Bundesligastatistik neu

Physik. - Dass theoretische Physiker sich nicht nur privat mit Fußball beschäftigen, klingt auf den ersten Blick etwas seltsam. Ein wichtiger Trend in ihrem Fach ist aber das Studium so genannter sozioökonomischer Systeme: Physiker befassen sich auch mit Phänomenen wie Risiken bei Banken, Verkehrsstaus oder der Ausbreitung von Krankheiten. Und so kommt es, dass ein Experte für moderne statistische Methoden sich jetzt sogar die Statistik der Fußballbundesliga vorgenommen hat.

Von Jan Lublinski

Fußball offenbart unter den strengen Augen der Physik ganz neue Erkenntnisse. (AP)
Fußball offenbart unter den strengen Augen der Physik ganz neue Erkenntnisse. (AP)

Andreas Heuer ist Professor für Theoretische Physik am Fachbereich Physikalische Chemie der Universität Münster, ein Experte für statistische Verfahren und, was für das Folgende vielleicht noch wichtiger ist, er kommt aus Dortmund.

"Ich habe da 20 Jahre gelebt, und da bleibt es nicht aus, dass man sich auch für Fußball interessiert."

Und so hat er für ein kleines Forschungsprojekt beide Interessensgebiete zusammengeführt. Er hat die Statistik der Bundesligaspiele der vergangenen Jahre genau analysiert. Das haben natürlich auch andere schon gemacht, darunter auch Mathematiker oder Ökonomen, die sehr schnell dabei sind, theoretische Modelle für die Verteilung der Tore oder die Entwicklung von Mannschaften zu entwerfen.

"Was häufig gemacht wird: Es wird ein Modell formuliert, da sind dann 100 Parameter enthalten, und die versucht man dann den Daten zu entnehmen. Aber ob das Modell überhaupt richtig ist, kann man damit nur bedingt überprüfen."

Andreas Heuer hat sich hingegen darauf beschränkt, zunächst nur die Rohdaten der Bundesligaspielergebnisse zu analysieren, das allerdings mit anspruchsvolleren mathematischen Verfahren. Dabei berechnet er die Leistungsfähigkeit jeder Mannschaft, einen so genannten Fitnessparameter, der sich aus den Ergebnissen, der vorangegangenen Spiele ergibt. Die Spiele der laufenden Saison fallen hierbei besonders ins Gewicht, die der Jahre zuvor etwas weniger.

"Und da hat man, wenn jetzt Dortmund gegen Schalke spielt, eine geschätzte Fitness für Dortmund und eine für Schalke. Und diese kann man dann in eine Formel einsetzen, um zu ermitteln wie im Mittel diese beiden gegen einander spielen werden."

Natürlich kann Andreas Heuer mit seinem Fitnessparameter keine Spielergebnisse sicher vorhersagen. Aber er kann das, was man statistisch erwarten würde, vergleichen mit den tatsächlichen Spielergebnissen. Erstes Ergebnis dieser Analyse: Die Tagesform einer Mannschaft spielt eine viel geringere Rolle, als man so gemeinhin glaubt.

"Wir können ja ungefähr abschätzen wie die Mannschaft ungefähr spielen sollte, gegeben die normale Fitness aus den vorangegangenen Spielen, und das vergleichen mit dem, wie die Mannschaft wirklich gespielt hat. Und wenn die Mannschaft wirklich schlechter spielen sollte, dann würde sie in der ersten als auch in der zweiten Halbzeit schlechter spielen. Oder wenn sie besser spielt, dann würde sie in der ersten und in der zweiten Halbzeit besser spielen."

Solche tagesformabhängigen Effekte konnte Heuer aber in seinen Daten kaum finden. Profifußballmannschaften spielen also stabiler, als man gemeinhin glauben mag. Die Schwankungen der Spielergebnisse, über die Fußballfans jedes Wochenende staunen, kommen durch zwei andere Einflussgrößen zustande: Zum einen durch die langfristige Fitness oder Leistungsfähigkeit einer Mannschaft und zum anderen durch die anderen die allgemeine Zufälle wie etwa Pfostenschüsse oder Fehlentscheidungen des Schiedsrichters.

Mit seinen Ergebnissen räumt Andreas Heuer mit einem Reihe von alten Fußballmythen auf: Zum Beispiel ist es nicht so, dass gute Mannschaften schlechte Mannschaften häufig unterschätzen. Rein statistisch gesehen findet sich hier keine Abweichung von den zu erwartenden Spielergebnissen.

Auch gibt es keine Mannschaft, die langfristig nur in der ersten Halbzeit stark spielt und danach nicht mehr. Und es gibt auch keine Fußballteams, die besonders heimstark sind - die also deutlich öfter zu Hause gewinnen als andere Teams.

"Wegen der endlichen Länge der Saison mag es manchmal so scheinen, aber wenn man dass statistisch analysiert, bleibt nachher nichts mehr übrig."

Was übrig bleibt, sind vor allem die allgemeinen Zufälle eines Fußballbundesligaspiels. Sie haben den größten Einfluss auf das Ergebnis. Der zweite entscheidende Faktor, die langfristige Leistungsfähigkeit einer Mannschaft, hat dagegen einen etwas geringeren Einfluss. Er macht sich aber langfristig im Verlauf einer Saison bemerkbar. Anders ausgedrückt: Auch schlechte Mannschaften können mit etwas Glück Bayern München schlagen, aber am Ende werden die Bayern meistens doch Meister.

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