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StartseiteBüchermarktMythische Familiengeschichte04.10.2013

Mythische Familiengeschichte

Andréa del Fuego: "Geschwister des Wassers", Hanser Verlag

Mit ihrem Erstling "Geschwister des Wassers" lässt die 38-jährige Andréa del Fuego das Genre des Magischen Realismus wiederauferstehen. Die Geschichte dreier Waisengeschwister im ländlichen Brasilien ist bestimmt von Naturgewalten, Aberglaube und Mythen.

Von Eva Karnofsky

Die Geschwister versuchen nach dem Tod ihrer Eltern, in Kontakt zu bleiben (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)
Die Geschwister versuchen nach dem Tod ihrer Eltern, in Kontakt zu bleiben (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)

Andréa del Fuegos Roman "Geschwister des Wassers" ist eine Familiengeschichte, wie sie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, als der Magische Realismus seinen Boom erlebte, in Lateinamerika landauf, landab geschrieben wurden. Will heißen: Der Roman spielt auf dem Land und del Fuego arbeitet - wie einst der Kolumbianer Gabriel García Márquez oder ihr Landsmann João Ubaldo Ribeiro - mit den Naturgewalten, dem Aberglauben und den Mythen, die das Leben der Menschen in ländlichen Gebieten bestimmt haben. Kein Kontinent ist inzwischen mehr verstädtert als Lateinamerika, und so haben sich seine Schriftsteller vom magischen Realismus verabschiedet. Andréa del Fuego stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, obwohl sie erst 38 Jahre alt ist und somit längst nicht mehr zur Generation des magischen Realismus zählt. Sie hebt darüber hinaus zeitweilig ins Fantastische ab, was nicht so sehr in Brasilien, aber in den Nachbarländern Argentinien und Uruguay Tradition hat.

Der chronologisch mit einigen kurzen Rückblicken in die Familiengeschichte erzählte Roman setzt ein, als ein Gewitter die Geschwister Nico, Júlia und Antônio zu Waisen macht. Der allwissende Erzähler berichtet darüber wie folgt:

Als der Blitz sie traf, atmeten Vater und Mutter gerade ein, der Herzmuskel erlitt einen Schlag, der nicht abgeleitet werden konnte. Das Blut erhitzte sich auf Sonnentemperatur und verbrannte ihr ganzes Gefäßsystem. Ein innerer Brand, der Donanas und Adolfos Herz, dieses selbstständig galoppierende Pferd, sein Rennen beenden ließ.

Nach dem Tod der Eltern werden die Drei auf die Kaffee-Fazenda von Geraldo Passos gebracht und dieser entscheidet, dass der neunjährige Nico künftig für ihn arbeiten soll. Die beiden Kleinen will der Großgrundbesitzer nicht haben. So landen der sechsjährige Antônio und die vierjährige Júlia in der nächstgelegenen Kleinstadt, im Waisenhaus französischer Nonnen. Das Haus der Familie eignet sich ebenfalls Grundbesitzer Geraldo an, um dort seine Geliebten unterzubringen.

Die alte Haushälterin der Fazenda ist jahrelang die einzige Verbindung zwischen den Geschwistern, denn sie besucht die beiden Kleinen alle drei Monate im Waisenhaus, bis Júlia von der arabischen Matriarchin Leila adoptiert wird und auch dieser indirekte Kontakt zu Nico abbricht. Leila sieht das Mädchen nur als billige Hausangestellte.

Antônio findet niemanden, der ihn adoptieren will, denn er ist ein Zwerg und mit elf Jahren so groß wie ein Siebenjähriger. Und als lüde diese Anomalie dazu ein, hebt die Autorin nach der ärztlichen Diagnose "Zwergenwuchs" ins Fantastische ab, indem sie die Indianerin Geraldina, die verstorbene Mutter des Großgrundbesitzers Geraldo, künftig über Antônio wachen lässt:

Sie war die ständige Begleiterin des kleinen Antônio, war jedoch unsichtbar und dank dieses Zustands in der Lage, sogar den Schlaf des Zwergs zu beeinflussen. Der Junge schlief neun Stunden täglich, mit Herzschwankungen entsprechend seiner Träume und Geraldinas Einflussnahme.

Wie auch in diesem Zitat wartet die Autorin häufig mit Schilderungen körperlicher Vorgänge auf, wobei sie sich nicht an medizinische Fakten hält, sondern, wie im magischen Realismus üblich, bei deren Beschreibung ihrer Fantasie freien Lauf lässt und oftmals Vergleiche aus der Natur bemüht. Psychische Befindlichkeiten beschreibt del Fuego nicht, sie drücken sich im Roman immer über körperliche Krankheiten aus, etwa, wenn Leilas Dienstmädchen das Haus der Matriarchin verlässt und Júlia den einzigen Menschen verliert, der sie mag:

Eines Tages bekam sie Fieber, leicht nur, aber hartnäckig. Sie dachten, es seien Würmer aus der Zeit des Landlebens.

Die Autorin erzählt mit Liebe zum physischen Detail, bewegt sich aber mit Riesenschritten durch das Leben der Kinder. Auf deren vier Jahre im Heim etwa geht sie nur mit wenigen Absätzen ein. Die Form korrespondiert hier mit dem Inhalt, denn genauso schnell gehen die Erwachsenen über die Gefühle und Wünsche der Kinder hinweg, sie sehen die drei Waisen lediglich als Objekte an, die man ausbeuten kann, weil sie schutzlos sind.

Weine nicht, ich komme euch holen,

hatte Nico seinen jüngeren Geschwistern versprochen, als sie ins Heim gesteckt wurden, und es rührt an, wie der Älteste der Drei dieses Ziel nie aus den Augen verliert. Auch, als er bereits erwachsen und selbst Familienvater ist, strebt er weiter nach der Zusammenführung der Familie. Ob ihm die gelingt, soll hier nicht enthüllt werden, doch zumindest sei verraten, dass sein Kampf um das Haus der Eltern von Erfolg gekrönt ist, allerdings nur für kurze Zeit, denn eines Tages kommt Großgrundbesitzer Geraldo mit einer Mitteilung aus der Stadt zurück, die das Haus der Geschwister ebenso betrifft wie seine Fazenda:

...das Tal würde sich in einen tiefen Stausee für die Wasserkraft verwandeln, die Stadt würde bis ins Gebirge hinauf beleuchtet werden. Wer nach oben zöge, hätte kein Problem mit dem Wasser und in der Freizeit zudem eine schöne Aussicht,

hatten ihm die Behörden mitgeteilt. Der Roman behandelt damit ein Thema, das in Brasilien seit den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts aktuell ist: die Flutung ganzer Landstriche zum Zweck der Energiegewinnung. Die Autorin geht allerdings nicht auf die viel diskutierten ökologischen Folgen ein. Ihr geht es vielmehr einerseits um die mythischen Vorstellungen, die vor allem die Indianer, hier repräsentiert durch Geraldina, mit der Überschwemmung des Landes verbinden, und andererseits spielt sie mit dem Wasser als Symbol, beispielsweise für alles Trennende. Da allerdings driftet Andréa del Fuego teilweise ins Unverständliche und Künstliche ab und überfrachtet eine ansonsten berührende, wenn auch etwas altmodische Familiengeschichte vom Land. Geschwister des Wassers hält im Übrigen so manche überraschende Wendung für den Leser bereit.

Andréa del Fuego: Geschwister des Wassers.
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marianne Gareis
Hanser Verlag, München 2013, 204 Seiten, 17,90 Euro.

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