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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNach 25 Jahren immer noch aktuell28.03.2011

Nach 25 Jahren immer noch aktuell

Kursiv: Charles Perrow: "Normale Katastrophen". Campus Verlag (1988)

Bei Katastrophen kommen Faktoren zusammen, die alleine genommen noch beherrschbar wären, aber in ihrem Zusammenspiel bedrohlich werden. Dies hat Charles Perrow vor über 25 Jahren am Beispiel des Atomkraftwerkes in Harrisburg beschrieben - man könnte seinen "Leitfaden für die nächste Katastrophe" auch auf Fukushima anwenden.

Von Conrad Lay

Das Atomkraftwerk Harrisburg geriet im Jahr 1979 außer Kontrolle. (AP)
Das Atomkraftwerk Harrisburg geriet im Jahr 1979 außer Kontrolle. (AP)

Willkommen in der Welt hochriskanter Technologien! Vielleicht haben Sie selbst den Eindruck, dass sich diese Technologien ständig vermehren, und das stimmt auch.

Die freundliche Einladung, mit der Charles Perrow den Leser in die Welt der "normalen" Katastrophen einführt, ist inzwischen über 25 Jahre alt. Im Jahr 1984 legte der Soziologe, der damals an der Yale-Universität lehrte, eine umfassende Untersuchung großtechnischer Risiken vor; nach dem Unfall von Tschernobyl erschien 1987 die deutsche Ausgabe des Buches. Perrows Analyse ist gerade mit Blick auf Fukushima wieder lesenswert, denn er geht gerade nicht vom Spektakulären der Katastrophen aus, sondern zerlegt technische Großsysteme in ihre Bestandteile und fragt, wo die Grenzen dieser Systeme liegen, worin ihre Fehler-hemmenden und ihre Fehler-fördernden Eigenschaften begründet sind. Auf diese Weise geht der Organisationssoziologe die unterschiedlichsten Techniksysteme durch: Atomanlagen, Chemiefabriken, Luft- und Raumfahrt, Atomwaffen, Genforschung, Staudämme, Frachtschifffahrt. Nicht die an der Oberfläche verbleibende Frage nach den Fehler-machenden Menschen interessiert Perrow und schon gar nicht politische Ideologien, sondern die soziale Organisation der Technik, die fehleranfällige Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Er schreibt:

Das Besondere an diesen Interaktionen ist, dass niemand sie in das System eingebaut hat, dass niemand eine Verknüpfung zwischen ihnen beabsichtigt hat. Sie verwirren uns, weil wir im Rahmen unserer eigenen Vorstellungen von einer Welt gehandelt haben, wie wir sie vorzufinden hoffen - aber die Welt ist nicht so.

Perrows Schlüsselbegriffe sind Komplexität und Kopplung. Enge Kopplung bedeutet, dass es zwischen zwei starr miteinander verbundenen Teilen keinen Puffer gibt. Komplexität heißt, dass eine Komponente mehrere Aufgaben übernimmt. So kann etwa eine Heizvorrichtung, die gleichzeitig als Wärmetauscher funktioniert, im Fall des Versagens gleich zwei Funktionen nicht erfüllen. Je komplexer und enger gekoppelt technische Systeme sind, desto häufiger kommt es zu unvorhergesehenen Störungen. Für den Soziologen Perrow ist die Technik kein totes Produkt, dem die Operateure gegenüberzustellen wären, sondern beide zusammen sieht er als ein technisches System an. Die Gefahren - so lautet seine These - lauern in der Art und Weise, wie die Komponenten eines Systems ineinandergreifen. Besonders gefährlich werden solche komplexen Interaktionen dann, wenn eine enge Kopplung der Prozesse nicht zu vermeiden ist wie in der Chemie- oder Atomindustrie. Hier rechnet Perrow mit typischen Systemunfällen. Für seine Theorie der Störungsanfälligkeit legt Perrow ein präzises Instrumentarium vor, das seine Untersuchung nachprüfbar und plausibel macht. Seine Beispiele stammen aus den 80er-Jahren, doch seine Kriterien sind noch heute sinnvoll. Was sind die Folgerungen aus seinen Erkenntnissen? Sicher nicht die Rationalisierung eines Techniksystems. Denn - so Charles Perrow:

Mit jeder Rationalisierung werden Operateure entbehrlich. Aber zugleich werden neue Möglichkeiten für noch komplexere Systeme geschaffen, sodass der Operateur als Pannenhelfer durch die Hintertür wieder hereinkommt.

Die Antwort lautet vielmehr: Wo immer es geht, die Komplexität und enge Kopplung zu reduzieren. Perrow nennt dafür Beispiele aus der Luftfahrt und der petrochemischen Industrie. Anders steht es seiner Ansicht nach um Atomanlagen: Ihre Organisation setze eine Verlässlichkeit voraus, die das dem Menschen mögliche Maß überschreite. Auf sie solle daher verzichtet werden - ebenso wie auf Atomwaffen, deren Fehleranfälligkeit in keinem Verhältnis zur Größendimension ihrer Wirkung stehe. Es ist faszinierend, wie es Charles Perrow gelingt, auf filigrane Weise die Handlungspsychologie in hochkomplexen Techniksystemen herauszuarbeiten. Ob man jeder einzelnen Technikbeurteilung Perrows zustimmt, erscheint dabei weniger wichtig als die Art der Analyse. In seinem Resümee schreibt er:

Ich bin der Meinung, dass ein vernünftiges Leben unter Risiken bedeutet, Kontroversen wach zu halten, auf die Bevölkerung zu hören und den zutiefst politischen Charakter aller Risikoanalysen zu erkennen. Letzten Endes geht es nicht um Risiken, sondern um Macht - um die Macht nämlich, im Interesse einiger weniger den vielen anderen enorme Risiken aufzubürden.

Perrow schreibt anschaulich und klar, das Lesevergnügen wird in keiner Weise durch die wissenschaftliche Fundierung eingeschränkt. Die Botschaft seines Buches ist auch nach 25 Jahren immer noch aktuell. Und so könnte man seinen sogenannten "Leitfaden für die nächste Katastrophe" auch auf Fukushima anwenden.

Conrad Lay über Charles Perrow: "Normale Katastrophen. Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik". Erstveröffentlicht 1988 bei Campus, ist die 448 Seiten dicke Paperbackausgabe aus demselben Verlag zum Preis von 19 Euro 90 weiterhin lieferbar, ISBN 978-3-593-34125-5.

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