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StartseiteForschung aktuellNach Antworten suchen09.03.2012

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Tiefbohrprogramme zogen in Kiel Jahresbilanz

Geowissenschaften. - Das Tiefseebohrprogramm IODP und das Kontinentalbohrprogramm ICDP planen weltweit Bohrungen, an denen dann Forscher aus unterschiedlichen Ländern und Fachrichtungen teilnehmen können. In Kiel treffen sich zurzeit die deutschen Sektionen der beiden Programme, um verschiedene Forschungsinteressen und die Teilnahme an zukünftigen Expeditionen zu koordinieren.

Von Tomma Schröder

Extrem teure Geräte wie das japanische Bohrschiff "Chikyu" sind für Tiefbohrprojekte nötig. (Jamstec/IODP)
Extrem teure Geräte wie das japanische Bohrschiff "Chikyu" sind für Tiefbohrprojekte nötig. (Jamstec/IODP)

"Alle Erdbebenforscher haben gedacht, dass von diesem Teil der Verwerfung keine Gefahren ausgehen würden. Deshalb müssen wir verstehen, warum das passiert ist und ob es irgendwo anders auch passieren kann. Wir haben immer gedacht, dieser Teil kann keine Erdbeben verursachen – und wir hatten Unrecht!"

Kiyoshi Suyehiro blickt zu Boden. Der Japaner ist Präsident des IODP, des Integrated Ocean Drilling Programs, einem weltweiten Tiefseebohrprogramm, in dem sich 21 Länder zusammengeschlossen haben, um gemeinsam die Grundlagenforschung in den Geowissenschaften voranzutreiben. Dass hier gerade in der Erdbebenforschung noch viel zu tun ist, wissen die Forscher nicht erst seit dem 11. März vergangenen Jahres. Doch die Naturkatastrophe zeigte, wie folgenschwer wissenschaftliche Fehleinschätzungen sein können. Jochen Erbacher, deutscher Koordinator des IODP.

"Dass die Erdbeben dort eine so große Auswirkung haben, gerade was den Tsunami angeht, damit hat man eigentlich nicht gerechnet. Im nächsten Monat startet eine Expedition, um dort in die seismogene Zone direkt ein Jahr nach dem Erdbeben reinzubohren. Und wir versuchen dann zu verstehen, wie konnte es kommen, dass in so flachen Tiefen, Tsunamis generiert werden."

Expeditionen wie diese wollen ausführlich geplant werden. Dass die Vorbereitungen für eine Bohrung nur ein Jahr dauert, ist die absolute Ausnahme. Schließlich muss zunächst mit vorbereitenden Messungen ein Ort für die Bohrungen ermittelt werden, der aussagekräftige Ergebnisse verspricht. Eine Bohrung an der falschen Stelle wäre fatal: Die Chikyu, eines der beiden großen Bohrschiffe, kostet 450.000 Dollar – pro Tag. Um verschiedene Forschungsinteressen daher möglichst effektiv zu bündeln, treffen sich die Mitglieder des deutschen IODP in diesen Tagen am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Auch das ICDP, das weltweit Bohrungen an Land koordiniert, ist dabei. Schließlich versucht man hier genau wie bei Tiefbohrungen im Meer, möglicher Gefahren Herr zu werden. Oder sie zumindest besser zu verstehen und damit Zeit zu gewinnen.

"Wir versuchen jetzt ein Tiefenlabor zu erbohren in der Nähe von Istanbul, um die nordanatolische Störung, an der die türkische Platte sich bewegt, zu überwachen. Einfach in der Hoffnung, dass man dann Messungen machen kann und Vorwarnsysteme installieren kann, die einem vielleicht eine, zwei Minuten Zeit geben, um die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen noch durchführen zu können."

Beim Ozean-Bohrprogramm IODP wird gesellschaftlich relevante Forschung zu Naturkatastrophen und Rohstoffen in den nächsten Jahren im Vordergrund stehen. Doch für Kiyoshi Suyehiro steht wissenschaftlich noch ein ganz anderes Thema an der Spitze: Die Vielfalt und Fülle an mikrobiellem Leben, das sich tief im Erdboden befindet und gerade erst entdeckt wird. Ist die Biomasse, die unter der Erde lebt, vielleicht sogar größer als alles, was sich an der Oberfläche unseres Planeten befindet? Waren die Mikroben in die Evolution auf der Erde eingebunden oder kommen sie aus dem All? Grundlegende Fragen, die nur scheinbar weniger Relevanz für die Menschen besäßen als die Erdbebenforschung, meint Kiyoshi Suyehiro.

"Erdbeben sind eng verbunden mit den Reibungseigenschaften und dem Stress, der auf die tektonischen Platten ausgeübt wird. Wir wissen nicht genau, was die Reibung bestimmt. Wir denken, dass Wasser eine große Rolle spielt, weil es die Reibung mindern kann. Und Mikroben ernähren sich von Wasser, und sie sind in chemische Reaktionen involviert. Eine wilde Spekulation könnte sein, dass diese Mikroben auch die Reibungseigenschaften in den Erdbebengebieten ändern."

Schließlich, so sagt Suyehiro, sollte nichts von vornherein als unmöglich gelten.

"We always thought that this part was incapable of producing any earthquakes: And we were wrong."

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