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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNach außen abgeschlossen, nach innen hierarchisch organisiert28.11.2011

Nach außen abgeschlossen, nach innen hierarchisch organisiert

Zwei Bücher zu sexuellem Missbrauch durch Geistliche und Lehrer an Schulen

Im vergangenen Jahr wurden mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch von Internatsschülern bekannt. Ein Betroffener schildert unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers seine Erfahrungen an der Odenwaldschule. Die beiden Journalisten Bastian Obermaier und Rainer Stadler dokumentieren Fälle am bayrischen Kloster und Internat Ettal.

Von Karl-Heinz Heinemann

Mädchen und Jungen müssen besser vor sexueller Gewalt geschützt werden. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)
Mädchen und Jungen müssen besser vor sexueller Gewalt geschützt werden. (Stock.XCHNG / Cathy Kaplan)

Die Titel der beiden Bücher machen schon deutlich, dass es nicht um reine Sachthemen geht, sondern um sehr persönliche Geschichten, um Verzweiflung und Schuld. Sexuelle und körperliche Gewalt, ausgeübt von Geistlichen und Lehrern, über Jahre und Jahrzehnte, ausgeübt zudem nicht nur von irgendwelchen Außenseitern, sondern von den, wie es heute heißt, "systemrelevanten" Figuren dieser Einrichtungen. Dieses Thema lässt sich schwer rein sachlich abhandeln, zumal von einem Betroffenen, wie dem unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers schreibenden Ex-Odenwaldschüler, der jahrelang das Opfer des prominenten Schulleiters Gerold Becker war.

"Die Hauptmotivation, dieses Buch zu schreiben war ja, dass ich die Deutungshoheit über die Ereignisse, die ich erlebt habe, behalten wollte. Und es hat funktioniert. Ich wollte verhindern, dass nach ein, zwei oder drei Jahren, wenn wieder anfängt, Gras über die Sache zu wachsen, die Verantwortlichen der Odenwald Schule sagen, es war alles halb so wild, und wer es genau wissen möchte, der kann jetzt den Dehmers lesen und wird sehen, Nee, es war nicht alles halb so wild und es ist es immer noch nicht."

Dehmers kam 1982 an die Odenwaldschule. Er beschreibt detailliert die Taten des langjährigen Schulleiters Gerold Becker, ein zuvor nicht nur in der Pädagogenszene geschätzter Redner, der 1978 die Laudatio bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels auf Astrid Lindgren halten durfte. Dehmers versucht mit dem Buch, seine Traumata aufzuarbeiten, denn die schrecklichen Erinnerungen waren bei ihm, wie bei vielen anderen Missbrauchsopfern, lange Zeit eingekapselt .Nicht nur Becker, sondern auch ein Dutzend anderer Lehrer haben sich im Laufe der Jahre an den Schülern vergangen. Der Autor belegt das mit etlichen Beispielen. Gewalt unter Schülern sei nicht nur geduldet, sondern geradezu gefördert worden. Die Odenwaldschule, das Flaggschiff der deutschen Reformpädagogik, hatte sich die Befreiung von äußeren Zwängen auf die Fahnen geschrieben. Was dann nach Dehmers Schilderungen so verstanden wurde, dass dort Alkohol- und Drogenkonsum, unter Anleitung von Lehrern, an der Tagesordnung waren. Die von der Reformpädagogik propagierte Nähe, das familienähnliche Zusammenleben im Internat habe diese Grenzüberschreitungen begünstigt, meint Dehmers. Dieses Milieu habe auch pädosexuelle Täter angelockt. Es sei nicht seine Absicht, die Reformpädagogik an den Pranger zu stellen. Ideologie sei nicht sein Thema, sagt er. Aber...

"...das System begünstigt sicherlich die Übergriffe auf die Kinder und Jugendlichen. Aber es ist nicht der alleinverantwortliche Faktor dafür. Und wenn man spricht über die Nähe zum Kind und über das Familiensystem, dann muss man sich die einzelnen Punkte einfach genau anschauen. Natürlich ist es wichtig für Kinder und Jugendliche, Bezugspersonen zu haben, vor allem im Internat oder auch im Heim leben. Aber die Frage ist, wo ist die Grenze dieser Nähe?"

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der fast noch beschämenderen Nachgeschichte. Schon 1998 brachten Dehmers und sein Freund die Straftaten des Schulleiters an die Öffentlichkeit. Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte einen großen Artikel, doch die Resonanz blieb aus. Dehmers Buch unterscheidet sich vollkommen von dem des Odenwaldschülers Tilman Jens mit dem Titel "Freiwild" - Jens sieht Gerold Becker und seine Mittäter sowie die ganze Schule in der Rolle des Freiwilds, auf das eine Hatz eröffnet wurde. Der "taz"-Redakteur Christian Füller hat sich ebenfalls der Odenwaldschule angenommen - er schlägt sich in seinem Buch auf die Seite der Opfer, ohne dass er die Insiderkenntnisse und die moralische Schärfe des Betroffenen wie Jürgen Dehmers erreicht.

Erwähnt werden muss schließlich das Buch von Jürgen Oelkers, "Eros und Herrschaft", in dem den historischen und ideologischen Wurzeln des Missbrauchsskandals in der Reformpädagogik nachgegangen wird. Bruder, was hast Du getan? fragen Bastian Obermayer und Rainer Stadler die Benediktiner im bayrischen Kloster und Internat Ettal. Mit dem dortigen Missbrauchsskandal hat sich bisher noch kein Buch beschäftigt. Wie die Odenwaldschule lebt auch Ettal vom Ruf einer Eliteanstalt, stellen die Autoren fest - nur, dass hier die katholisch-konservative Führungsschicht ihren Nachwuchs ausbilden ließ. Die beiden Journalisten sprachen mit ehemaligen Schülern, mit den Patres und mit den Psychologen und Anwälten, die mit der Aufdeckung des Skandals befasst waren.

Heraus gekommen ist ein erschreckendes Bild: Denn hinter den Klostermauern wurden Hunderte von Jungen von den Geistlichen sexuell missbraucht und sadistisch misshandelt. Die Autoren beschreiben, wie manche Kinder gebrochene Finger oder durchstoßene Trommelfelle im Krankenhaus behandeln lassen mussten. Die Klosteroberen hätten in solchen Fällen alles getan, um Skandale zu verhindern. Der Leser erfährt, dass ein Pater, der sich über Jahrzehnte an Schülern sexuell vergangen hatte, nur für ein paar Jahre versetzt wurde, bis er wieder in Ettal sein Unwesen treiben konnte. Wie Gerold Becker verstand er es den Angaben zufolge, das Vertrauen der Jungen zu gewinnen, weil er ihnen das gegeben habe, was sie offenbar zuhause zu wenig fanden: Zuwendung. Und er wurde von der Klosterleitung, wissend um seine kriminellen Abwege, gedeckt.

Der Bericht von Obermayer und Stadler bestätigt eindrucksvoll die Aussagen von Jürgen Dehmers, dem Odenwald-Opfer: Es kommt offenbar gar nicht auf die Ideologie an, die von den Gewalttätern instrumentalisiert wird, ob die eher libertäre reformpädagogische oder die sexualfeindliche klösterliche. Hier wie dort verschlossen Eltern, Aufsichtsbehörden und Kirchen die Augen und Ohren - und ließen die gequälten Kinder allein. Jürgen Dehmers:

"Es ist interessant, dass ja nicht nur wir 98, 99 versucht haben, öffentlich Gehör zu finden, sondern auch Betroffene sexueller Gewalt von katholischen Einrichtungen haben schon länger als wir versucht, öffentlich Gehör zu finden. Denen ist es auch nicht gelungen."

Obermayer und Stadler bringen die Gemeinsamkeit auf einen Begriff: Internate sind totale Institutionen, Klöster genauso wie Altersheime, Kasernen und Gefängnisse: nach außen abgeschlossen, nach innen hierarchisch organisiert, mit der Unterscheidung zwischen Insassen und einem fast allmächtigen Überwachungspersonal. Wie die Odenwaldschule lehnt das Internat Ettal es ab, die Regeln der Institution kritisch zu hinterfragen. Wer aber genau das will, sei es im Fall von Ettal die Regeln von Kloster und Kirche oder im Fall der Odenwaldschule die Ideologie der Reformpädagogik, der stößt in beiden Büchern auf reichhaltiges Material.

Jürgen Dehmers
Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch. Rowohlt, 320 Seiten, Preis: 19,95 Euro,
ISBN: 978-3-498-01332-5


Bastian Obermayer, Rainer Stadler:
Bruder, was hast du getan? Kloster Ettal. Die Täter, die Opfer, das System. Kiepenheuer & Witsch, 280 Seiten, 18,99 Euro
ISBN: 978-3-462-04340-2

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