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StartseiteHintergrundVon Tätern und Bekennerschreiben13.06.2016

Nach dem Attentat von OrlandoVon Tätern und Bekennerschreiben

Das Attentat von Orlando zeigt: Die ideologische Mixtur, die nicht nur in Europa, sondern auch in den USA derzeit angerührt wird, ist verheerend. Islamisten stacheln direkt oder indirekt zum Morden an. Die Ideologen von weit rechts sehen sich bestätigt. Die Saat geht auf beiden Seiten auf und die Angst in den muslimischen Gemeinden wächst.

Von Ursula Welter, Anne Raith, Björn Blaschke und Jürgen Stryjak

Ein Polizeiwagen in Orlando steht in der Nähe des Clubs, in dem am 12. Juni 49 Personen erschossen wurden. (dpa/picture alliance/ George Wilson)
Kaltblütiges Erschießen von Clubbesuchern, routiniertes Morden: In Frankreich wurden nach dem Attentat in Orlando Parallelen zum Anschlag in Paris gezogen. (dpa/picture alliance/ George Wilson)
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Attentat von Orlando Ab sofort ein Wahlkampfthema

"Der bewaffnete Angriff, der im Nachtclub in der Stadt Orlando im amerikanischen Bundesstaat Florida stattfand und bei dem mehr als 100 Menschen getötet oder verletzt wurden, wurde von einem Kämpfer des Islamischen Staates geführt."

Doch so eindeutig wie diese Meldung klingt, ist sie nicht: Ja, wer nach Syrien oder in den Irak kommt, um sich dem IS anzuschließen, wird von dessen Spezialisten befragt; allein schon um zu verhindern, dass Spitzel infiltrieren. Aber: An so genannte "einsame Wölfe", also Einzeltäter, oder an andere Terrorgruppen verschickt der IS keine Mitgliedsanträge, hält keine Mitgliedschaftseignungstests in Syrien oder im Irak ab, und verleiht auch keine Mitgliedskarten oder – Urkunden. Wer zum IS gehören will, braucht vor allem Geld, Waffen und den Willen, andere Menschen zu ermorden. Wer diese drei Voraussetzungen erfüllt, legt einen baa’ya ab, einen Eid, und schon ist er IS. Das hat beispielsweise Ansar Bayt al-Maqdis gemacht. Diese Gruppe, deren Name ins Deutsche übersetzt bedeutet "Unterstützer des Heiligen Hauses", wurde 2011 auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel gegründet. Drei Jahre lang griffen ihre Terroristen ägyptische Sicherheitskräfte an; mordeten und raubten. Dann, 2014, schworen sie dem IS-Führer, Abu Bakr al-Bagdadi, die Treue. Seither nennt sich die Gruppe Islamischer Staat – Provinz Sinai. Für die IS-Führung bedeutete dieser Schritt keinerlei Verpflichtung: Weder musste sie ihrem Sinai-Ableger Geld noch Waffen liefern.

Der IS nutzt Trittbrettfahrer

Wenn Angriffe oder Anschläge scheitern, schweigen die IS-Sprachrohre. Aber jedes erfolgreiche Attentat, das die Mörderbande vom Sinai verübt – oder auch nur angeblich verübt -, kann die IS-Führung krude-ideologisch ausschlachten. Für sie ein billiges Geschäft. Genauso war es wahrscheinlich auch mit dem Mörder von Orlando: Der Mann, ein afghanisch-stämmiger US-Bürger, hatte sich seine Waffen selbst besorgt, und er war bereit, andere Menschen zu ermorden. In diesem Fall Lesben und Schwule, die ja auch vom IS verfolgt werden. Den Eid auf den IS legte er ab, als er vor dem Blutbad 911 wählte. In dem Anruf bei der US-Notfallnummer bekannte er sich zu der Terrororganisation. Und nach dem Massenmord bekannte sich der IS zu ihm, in dem sein Sprachrohr den Mörder zum IS-Kämpfer machte! Trittbrettfahrer nutzen den IS - und der IS nutzt Trittbrettfahrer, indem er selbst zum Trittbrettfahrer wird. 

Bei allen militärischen Geländeverlusten im Irak, in Syrien - der sogenannte "Islamische Staat" ist gut organisiert, mit Propagandainstrumenten so gut ausgestattet, dass weltweit junge Menschen dem "IS" ins Verderben folgen. Was aber sagt es aus, wenn ein Bekennerschreiben, wie in diesem Fall zunächst via Tweet, um die Welt geht? Wo liegt die Schwierigkeit für die Ermittler in einem solchen Fall? Wie leicht, wie schwer ist es ganz grundsätzlich, zu verifizieren, ob ein Attentat tatsächlich im direkten Auftrag des IS erfolgt ist? Antworten gibt der Terrorismusexperte Professor Joachim Krause von der Universität Kiel:

"Da würde ich sehr vorsichtig sein. Man muss schon direkte Verbindungen herstellen können, dann kann man auch sagen, das war vom IS angestachelt. Das war bei den Pariser und Brüsseler Anschlägen so. Das war ein ganzes Netzwerk, welches von IS geleitet wurde, welches teilweise aus Syrien, teilweise aber auch von Leuten in Europa geleitet wurde. Da kann man relativ klar die Verbindung herstellen und sagen: hier ist eine strategische Entscheidung getroffen worden. Anders ist es mit Leuten, die wir gerade in Amerika immer wieder haben, diese Anschläge, also dass einzelne Personen sich radikalisieren, sei es in ihrer persönlichen Umgebung, sei es durch Internet oder durch welche anderen Kontakte auch. Und dass Sie dann diese allgemeine Aufforderung des IS nehmen und der IS sagt: Tötet so viele Ungläubige wie es geht. Da ist natürlich keine direkte Kette herstellbar und es könnte auch genauso von Al Kaida, dieser Aufruf und manchmal geben diese Leute dann an, Attentäter, dass sie im Auftrag des IS handeln, aber sie tun es nicht in direkten Auftrag."

Bekenntnis eines Attentäters zum IS ist für beide Seiten von Nutzen

Das Bekenntnis eines Attentäters, einer Attentäterin zum IS, so Krause, sei durchaus für beide Seiten – also für den Täter, wie auch für den IS von Nutzen:

"Wenn Sie Gewalt ausüben wollen und diese Gewaltausübung soll möglichst viel medienmäßige Resonanz haben, dann ist es heute am sinnvollsten in Anführungsstrichen sich auf den IS zu berufen, wenn ich das mal so ganz zynisch sagen darf, weil dann haben Sie die Gewähr dafür, dass am ehesten die Medien auf Sie aufmerksam werden. Für den IS ist es der Teil einer Strategie der Verunsicherung und Destabilisierung der westlichen Gesellschaften und da ist natürlich jeder solche Anschlag, egal ob das nun wirklich vom IS direkt angeordnet war oder nicht, ist immer ein Erfolg, den kann man melden und kann sagen: Wir haben jetzt wieder in Orlando zugeschlagen und haben 50 Ungläubige getötet. Das ist dann für den IS eine Erfolgsmeldung, egal ob IS-Führer ihre Finger drin gehabt haben oder nicht."

Integraler Bestandteil des IS-Terrors: Die mediale Aufbereitung und Verbreitung der Gewalttaten:

"Also die effektivsten Plattformen sind die, die sie im Internet gegründet haben. Das sind ihre Propaganda-Webseiten, die sehr professionell gemacht sind. Aber natürlich sind die westlichen Medien wichtig, weil sie diejenigen Menschen ansprechen, die nicht auf den Propaganda-Seiten vom IS oder von Al Kaida sind und sie sind sozusagen ein Sekundärträger dieser Botschaften und sei es auch nur in dem Sinne, als dass sie vielen Leuten sagen: Da gibt es irgendeine Organisation oder eine Institution, die den Westen insgesamt oder die unsere zivilisierte Welt insgesamt herausfordert und das klingt manchmal ganz gut bei manchen Leuten, die persönliche Probleme haben oder die ganz generell Probleme haben mit sich selbst und ihrer Umwelt."

Propaganda-Video der Terrormiliz IS (18.11.2015). (dpa / picture-alliance / Nalkis Press)Propaganda-Video der Terrormiliz IS. (dpa / picture-alliance / Nalkis Press)

Ein Dilemma für die Berichterstattung

Eine Herausforderung also auch für die kritische und unabhängige Berichterstattung:

"Das ist eine Dilemma-Situation für Medien. Sie müssen natürlich berichten, sie können nicht Informationen zurückhalten und auch Vermutungen nicht einfach zurückhalten, aber andererseits wissen sie, je mehr sie darüber berichten, umso mehr sind sie auch ein indirektes Instrument dieser Terroristen. Das ist ein nicht auflösbares Dilemma. Manchmal ist es vielleicht ganz sinnvoll, zu sagen: Gut, wir halten uns jetzt nochmal ein bisschen zurück und kleiden das nicht in allzu grelle Rhetorik, aber es ist eigentlich ein Dilemma, welches für Journalisten und Journalistinnen so nicht auflösbar ist."

So die Einschätzung des Terrorismusexperten Joachim Krause von der Universität Kiel. Das Attentat von Orlando zeigt: Die ideologische Mixtur, die nicht nur in Europa, auch in den USA, derzeit angerührt wird, ist verheerend: Die Islamisten stacheln an und züchten direkt oder indirekt ihre Mörder heran, die Ideologen von weit rechts sehen sich bestätigt. Die Saat geht jeweils auf und die Angst in den muslimischen Gemeinden wächst.


Angriffe auf Muslime in den USA nehmen zu

Yalda Satar ist Anwältin für das Council on American-Islamic Relations. Die muslimische Bürgerrechtsorganisation, kurz CAIR, hat ihren Sitz in Anaheim, im Süden Kaliforniens, etwa eine Autostunde von San Bernardino entfernt. Dem Ort, an dem ein Ehepaar im Dezember vergangenen Jahres 14 Menschen getötet hat. Es handelte sich um den bis dahin schwersten islamistischen Terroranschlag in den USA seit dem 11. September 2001. Mit spürbaren Folgen für die muslimischen Gemeinden, sagt Yalda Satar:

"Wir merken, dass Zwischenfälle zunehmen nach Anschlägen wie in San Bernardino. Die Fälle von Diskriminierung sind gewaltsamer, es geht nicht mehr nur um verbale Entgleisungen oder um Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Das ist gerade unsere größte Sorge."

Aus dem Hintergrund meldet sich Sahar Pirzada zu Wort, die junge Frau leitet die Jugendprogramme der Organisation. Schon der Anschlag damals in San Bernardino habe sie verunsichert:

"Ich erinnere mich noch gut an die Nacht. Als ich zu Hause angekommen bin, habe ich noch ein paar Minuten im Auto gesessen und tatsächlich darüber nachgedacht, ob ich meinen Schleier ausziehen und stattdessen einfach eine Kapuze tragen soll. Das ist mir vorher noch nie in meinem Leben so gegangen und ich lebe hier seit meiner Geburt, seit 26 Jahren."

Muslimische Gemeinden sind besorgt

Sie hat sich am Ende dagegen entschieden. Aber übertrieben scheint ihre Sorge nicht, verfolgt man die Nachrichten, die in den vergangenen Monaten immer wieder für Unruhe in den muslimischen Gemeinden gesorgt haben. Von Frauen, denen der Schleier vom Kopf gerissen wurde, von Moscheen, vor denen man Schweinefleisch abgeladen hatte, von Vandalismus. Auch CAIR wurde bedroht, weil die Organisation der Familie des Attentäters von San Bernardino geholfen hat – alles andere wäre doch Sippenhaft, verteidigte sich CAIR. Dabei sei die muslimische Gemeinde in den USA an sich sehr gut integriert, sagt Mokhtar Awad, der an der George Washington University zum Thema forscht:

"Die muslimische Gemeinde ist ziemlich wohlhabend im Vergleich zu anderen Minderheiten, sie ist eher klein, gebildet, nicht besonders häufig in Straftaten verwickelt."

Hinzu kommt, dass Extremismus in den USA nicht allein islamistischer Natur ist. Im Gegenteil: Rechtsgerichtete Extremisten haben seit den Terroranschlägen vom 11. September mehr Menschen getötet. Orlando nicht mitgerechnet. Doch in der Öffentlichkeit hat sich ein anderer Eindruck verfestigt. Weil der Islamismus weltweit vernetzt ist, weil er Verbindungen in Kriegsgebiete hat, glaubt Mokhtar Awad. Und weil im November gewählt wird:

"Die politische Situation ist total aufgeheizt. Wir sind in einem Wahljahr und haben dann auch noch einen Kandidaten wie Donald Trump. Wenn man sieht, wie der auf Anschläge reagiert, muss man fürchten, dass den Leuten zumindest kurzfristig die Vernunft abhandenkommt."

Donald Trump instrumentalisiert Attentate für seinen Wahlkampf

Auch dieses Mal ließ Donald Trump nicht lange auf sich warten, um das Attentat von Orlando für seinen Wahlkampf zu instrumentalisieren. Die Opfer waren noch nicht einmal identifiziert, etliche Fragen über Motivation und Motive des Täters ungeklärt, da twitterte Donald Trump apokalyptisch:

"Was in Orlando passiert ist, ist erst der Anfang. Unsere Führung ist schwach und ineffektiv."

Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung im US-Bundesstaat Indiana Anfang Mai 2016. (picture alliance / dpa / Tannen Maury)Nach dem Attentat in Orlando twitterte Donald Trump: "Was in Orlando passiert ist, ist erst der Anfang. Unsere Führung ist schwach und ineffektiv" (picture alliance / dpa / Tannen Maury)

Seine Antwort auf Taten wie diese steht schon seit Monaten fest: Ein kompletter Einreisestopp für Muslime. Einmal mehr stellt Trump eine ganze Religion unter Generalverdacht. Und einmal mehr fühlt sich eine Gemeinde genötigt, Stellung zu beziehen. Nach dem Anschlag von Orlando hat die muslimische Bürgerrechtsorganisation CAIR noch am selben Nachmittag eine Presseerklärung veröffentlicht. Sie verurteile dieses "sinnlose und schreckliche Attentat", heißt es da. Die Muslime stünden an der Seite aller Amerikaner und lehnten jeden Einzelnen oder jede Gruppe ab, der oder die eine solche Tat rechtfertige oder entschuldige. Es klingt, als wolle man sich wappnen für das, was da folgen könnte. Für eine neue Auflage des republikanischen Narrativs "Us against them”. Wir gegen die. Amerika gegen den Islam. Das sei genau das, was die Terroristen des Islamischen Staates wollten, glaubt Haroon Manjlai vom Council of American-Islamic Relation (CAIR):

"Es gibt einige Faktoren, die dem IS helfen, neue Kämpfer zu rekrutieren. Denn das Narrativ der Terroristen lautet ebenfalls: Wir gegen die. Sie profitieren davon, wenn Muslime in den USA diskriminiert werden. Es kommt ihnen zupass, wenn die Präsidentschaftskandidaten gegen Muslime wettern. Denn dann können sie sagen: Seht her, so denken die USA über Muslime und den Islam."

Es ist also, zumindest in diesem Zusammenhang, fast unerheblich, wie die Verbindung zwischen Orlando und dem IS genau aussieht. Welche Rolle Homosexuellenhass spielt, den die Familie des Täters als Antrieb hinter der Tat vermutet. Der Funke ist übergesprungen. Und es lodert bereits.

Die Verbindung "Islam - Hass auf Homosexuelle" wurde nach dem Anschlag in Orlando rasch und reflexhaft gezogen. Der "Islamistische Staat" hat zwar zum Kampf gegen diesen Teil der toleranten, westlichen Welt aufgerufen. Doch ist das Verhältnis vom Islam zur Homosexualität vielschichtiger als es der IS glauben machen möchte.


Schwulenfeindliche Hetze in arabisch-muslimischen Online-Netzwerken 

Als die ersten Vermutungen auftauchten, dass das Massaker einen islamistischen Hintergrund haben könnte und als noch nicht einmal klar war, wie viele Menschen ums Leben kamen, da machte in arabisch-muslimischen Online-Netzwerken bereits schwulenfeindliche Hetze die Runde: 

"Diese ständigen Anschläge im Namen des Islam machen mich krank, aber diesmal traf es wenigstens keine Unschuldigen."

"Der Koran erwähnt Homosexuelle und sagt klar und deutlich: Sie begehen eine Todsünde. Also, was soll’s? Warum soll ich trauern?" 

"Ich möchte dem Attentäter gratulieren. Daumen hoch für den Mann! Er hat ein paar von diesem schmutzigen Pack erledigt."

Es gibt auch andere Meinungen – Schock, Trauer und Bestürzung –, aber sie sind in der Minderzahl. Die Regierungen etlicher arabischer Staaten haben den Anschlag von Orlando eindeutig und scharf verurteilt, so zum Beispiel die von Ägypten, Jordanien und Bahrein. "Das Königreich von Saudi-Arabien", so heißt es in einer offiziellen Erklärung, "verurteilt den Angriff auf unschuldige Menschen in Orlando. Wir beten für die Genesung der Verletzten." Gleichzeitig sieht das Strafrecht Saudi-Arabiens für Homosexuelle aber die Todesstrafe vor, ebenso wie das anderer arabischer Staaten. Selbst dort, wo gleichgeschlechtliche Liebe nicht direkt kriminalisiert wird, müssen Schwule mit Verfolgung rechnen, in Ägypten etwa. Hier möchte sich das Regime von Abdelfattah al-Sisi in diesen instabilen Zeiten offenbar wenigstens als Bewahrer der Moral präsentieren. Seit 2013 wurden über 200 Schwule festgenommen, etliche von ihnen erhielten Haftstrafen, wegen, so wörtlich, "Ausschweifung". Drastische Maßnahmen gegen Homosexuelle finden bei vielen Ägyptern Zustimmung – wie eine Straßenumfrage unter Handwerkern eines Viertels in Kairo ergab, die ein privater Fernsehsender vor einigen Monaten ausstrahlte:

"Wenn ich ein Waffe hätte, würde ich sie alle umbringen." 

"Ich würde solch einen Menschen töten, ehrlich, er müsste abgeschlachtet werden."

Terroristen des IS verfolgen Schwule mit aller Härte

Am brutalsten verfolgen die Terroristen vom so genannten "Islamischen Staat" Homosexuelle. Mehrmals haben sie Schwule von Häusern in den Tod gestürzt, mit Hinweis auf jene Strafe, die angeblich die Scharia, das islamische Recht, verlangt.
Dabei wurde gleichgeschlechtliche Liebe in islamischen Ländern über viele Jahrhunderte toleriert, wie der Islamwissenschaftler und Arabist Thomas Bauer, Autor des hochgelobten Buches "Die Kultur der Ambiguität", herausfand:

"Klar ist, dass es überhaupt nicht verboten war für einen Mann, sich in andere Männer zu verlieben. Und das schlägt sich nieder in Hunderttausenden von Liebesgedichten auf Arabisch, Persisch, Türkisch, Urdu, die zwischen dem 9. Jahrhundert und ungefähr 1850 gedichtet worden sind."

Auch hätten drakonische Strafen für Homosexualität im Islam keine Tradition. 

"Mir ist kein einziger Fall einer Verurteilung wegen gleichgeschlechtlichem Sex einvernehmlicher Weise aus der gesamten islamischen Geschichte bis Ende des 20. Jahrhunderts bekannt."

Zwei Männer küssen sich am 28. Juni 2015  vor einer Gruppe türkischer Polizisten bei der 13. Gay Pride Parade in Istanbul.   (picture alliance / dpa / Tolga Bozoglu)Gay Pride Parade in Istanbul, Türkei. Gleichgeschlechtliche Liebe in islamischen Ländern wurde über viele Jahrhunderte toleriert. (picture alliance / dpa / Tolga Bozoglu)

"Es wird nicht verlangt, Homosexuelle zu bestrafen"

Abgesehen davon, dass die Scharia in einer einzigen, ewig gültigen Form gar nicht existiert, beurteilen manche islamische Gelehrte Homosexualität auch heute wieder etwas milder, wie etwa der einflussreiche konservative Prediger Salman Al-Ouda aus Saudi-Arabien. Vor anderthalb Monaten sagte er in einem Zeitungsinterview:

"Homosexualität wird zwar in den heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam als Sünde bezeichnet, aber es wird nicht verlangt, Homosexuelle zu bestrafen. Eine der Grundlagen des Islam ist die Freiheit des Menschen, sich so zu verhalten, wie er möchte. Homosexuelle weichen nicht vom Islam ab. Im Gegenteil, jene die das behaupten, sind die Abweichler. Wer Schwule zum Tode verurteilt, begeht eine viel größere Sünde." 
 
Differenzierungen, Schattierungen – dafür ist im US-Wahlkampf jedoch nur wenig Raum. Jeder deutet den Anschlag für seine Zwecke. Appelle, wie der des amerikanischen Außenministers Kerry, nun nicht erneut Religion und Politik zu vermischen, verhallen in der spannungsgeladenen Lage.



 

 

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