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StartseiteKommentare und Themen der WocheEmpörungsrituale und sporadisches Entsetzen02.12.2017

Nach dem Messerangriff auf HollsteinEmpörungsrituale und sporadisches Entsetzen

Nach Vorfällen wie in Altena wird vielerorts nach den gesellschaftlichen Gründen für solch eine Tat gesucht. Die Ursachenforschung könne dabei aber schnell eine Schlagseite bekommen, die sich mit einfachen Antworten zufrieden gäbe, meint Jasper von Altenbockum von der "FAZ".

Von Jasper von Altenbockum, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

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Der Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein (CDU), gibt am Tag nach dem Messerangriff eine Pressekonferenz. (dpa / Oliver Berg)
Der Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein (CDU), gibt am Tag nach dem Messerangriff eine Pressekonferenz. (dpa / Oliver Berg)
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Die Messerattacke auf den Bürgermeister von Altena Anfang dieser Woche ist glimpflich ausgegangen. Aber man wird das dumme Gefühl nicht los, dass es jederzeit wieder passieren kann. Und man wird außerdem den Eindruck nicht los, dass die Ursachenforschung in Deutschland eine Schieflage hat. Es stimmt eben nicht, dass im Osten der Wutbürger haust, und im Westen der Gutmensch wohnt. Altena liegt in Nordrhein-Westfalen.

Bleiben wir erst einmal in Nordrhein-Westfalen. Das Land erlebte nicht den ersten Überfall dieser Art auf einen Kommunalpolitiker. Im Oktober 2015 traf es Henriette Reker, im Wahlkampf um das Amt des Kölner Oberbürgermeisters. Das Motiv war dasselbe: Fremdenfeindlichkeit, besser aber gesagt: Wohlfahrts-Chauvinismus. Der äußert sich darin, dass Benachteiligte gewaltsam dagegen protestieren, dass noch mehr Benachteiligte ins Land kommen.

Die SPD in Nordrhein-Westfalen hat zu spüren bekommen, wie sich das auswirkt. Sie verlor die Landtagswahl Anfang dieses Jahres nicht, weil die CDU so stark war, sondern weil ihr die AfD in den sozialen Brennpunkten des Landes die Stimmen wegnahm. Seither, aber auch nach der Bundestagwahl, gibt es neben CDU und SPD eine dritte Arbeiterpartei in Deutschland – eben die AfD.

Politiker als "Volksverräter"

Die Protesthaltung, die dahinter steckt, brüstet sich, wenn sie von Politikern artikuliert wird, gerne damit, Widerstand zu leisten. Das Wort von den "Brandstiftern" ist deshalb nicht nur angebracht, wenn es um Angriffe auf Ausländer und Asylbewerberheime geht. Die hasserfüllte Polemik gegen Politiker als "Volksverräter" fällt ebenso darunter.

Es ist oft schon gesagt worden: Solches Gerede über Politik hat es schon immer gegeben, aber es nimmt überhand. Gründe dafür gibt es viele. Das Internet wird zu Recht an erster Stelle genannt. Aber hat sich anhand dieser Analysen etwas geändert?

Wie gesagt: Man wird das dumme Gefühl nach solchen Anschlägen auf Politiker nicht los, dass sie jederzeit wieder vorkommen können. Die Verdammung dieser Verrohung ist eine Selbstverständlichkeit. Mit Moral ist es aber nicht getan. Seltsamerweise wird bei so gut wie allen Gewaltverbrechen gerne nach den gesellschaftlichen Ursachen gesucht. Das geht oft so weit, dass der Täter am Ende als Opfer dasteht – Opfer der Umstände, die ihn ins Verbrechen getrieben haben.

Nur hier nicht. Niemand möchte dieses dünne Eis betreten. Zu Recht, weil Opfer und Täter eben nicht verwechselt werden sollten. Aus Angst davor bekommt die Ursachenforschung aber jene Schlagseite, die sich mit einfachen Antworten, besser gesagt: mit Empörungsritualen und sporadischem Entsetzen zufrieden gibt. Danach geht es wieder zur Tagesordnung über.

Die Sonnenseite der Einwanderungsgesellschaft

Also gehen wir stattdessen für einen Augenblick aufs dünne Eis. Das heißt, wieder auf die Nöte der SPD zu sprechen zu kommen, auch wenn der Bürgermeister von Altena ein CDU-Politiker sein mag. Der arbeitslose Maurer, der ihn aus Wut über die Flüchtlingspolitik niederstechen wollte, - ist nicht auch er gemeint, wenn den Sozialdemokraten vorgeworfen wird, sie vernachlässigten in der Einwanderungspolitik ihre Klientel? Man kann den Leuten, die von Wohnungsnot und Obdachlosigkeit betroffen sind, tausend Mal einhämmern, dass Solidarität die erste Bürgerpflicht ist. Auch Arbeitslosen und Niedriglohnempfängern lässt sich einreden, dass die Not dieser Welt kein Gebot kenne. Das ändert aber nichts daran, dass sie noch viel länger auf die Sonnenseite der Einwanderungsgesellschaft warten müssen, auf der es sich die Protagonisten der Willkommenskultur längst bequem gemacht haben.

An dieser Stelle kann das dünne Eis sehr schnell brechen. Denn was folgt daraus? Soll Einwanderung beschränkt werden, damit Sozialneid nicht in Gewalttätigkeit umschlägt? Das ist der Grund, warum alle Versuche in der SPD bislang gescheitert sind, das Thema auf die Agenda zu setzen. Wer es dennoch tut, wird beschuldigt, das Geschäft der Hetzer, Neidhammel und Rechtspopulisten zu betreiben. Genauso gut könnte man aber sagen: Wer es nicht tut, betreibt das Geschäft der Verführer und politischen Hassprediger. Eine Versöhnung beider Standpunkte fehlt. Das ist eine schwärende Wunde der deutschen Gesellschaft. Bislang muss man sagen: Die AfD lebt nicht schlecht damit.

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