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StartseiteBüchermarktNach der Erinnerung02.07.2004

Nach der Erinnerung

Christian Schulte / Brigitte Maria Mayer (Hg.): "Der Text ist der Coyote": Heiner Müller Bestandsaufnahme"

Vorbei sind Erinnerungsfeiern, Kolloquien und Veranstaltungen zu Heiner Müllers fünfundsiebzigstem Geburtstag. Übrig bleibt nach allen Reminiszenzen die Frage: Was brodelt vom Werk Müllers in der gegenwärtigen Kunst- und Kulturküche weiterhin unabgekühlt, wer rührt aufs neue im Topf, wer legt Feuer nach? Ein Band versammelt Antworten und Anregungen bekannter Müller-Exegeten.

Von Cornelia Jentsch

Heiner Müller im Juni 1995 (AP)
Heiner Müller im Juni 1995 (AP)

In der edition suhrkamp erschien ein Band mit dem Titel "Der Text ist der Coyote: Heiner Müller Bestandsaufnahme". Die Witwe des Dramatikers Brigitte Maria Mayer und der Literatur- und Medienwissenschaftler Christian Schulte sammelten neunzehn Wortmeldungen von "allesamt bekannten Müller-Forschern bzw. Müller-Freunden", wie es im Klappentext heißt. Die bekanntesten darunter dürften Alexander Kluge, Slavoj Žižek und Klaus Theweleit sein. Müllers Werk stehe, so das Vorwort, mehr denn je wie ein erratischer Block in der literarischen Landschaft. Die Beiträge des Buches verstehen sich als Probebohrungen in den steinigen Textblock.

Der Text ist der Coyote und man weiß nicht, wie der sich verhält. Warum wir diesen Titel gewählt haben auch für das Buch? "Ich weiß, vielleicht ist das eine archaische Position, mir scheint [...], dass wir im Theater noch gar nicht wirklich mit Texten gearbeitet haben, da Texte noch immer nicht als Material, noch immer nicht als Körper gebraucht worden sind. Mir ist jetzt eingefallen [...] diese Performance von Beuys mit dem Coyoten in New York. ... der Text ist der Coyote. ... Und man weiß nicht, wie der sich verhält. ...Aber wie sage ich das einem Schauspieler, der gewöhnt ist, als ein Beamter mit dem Text umzugehen, den Text bestenfalls zu verwalten. Oder sogar zu administrieren. Eben daran denke ich, wenn ich meine, dass die Zeit des Textes im Theater erst kommen wird.

Das ist ein Statement aus einem Interview, das Robert Weimann mit Heiner Müller geführt hat. Müllers dramatische Figuren, aus den Schichtungen der antiken bis deutschen Geschichte gegraben, heißen Prometheus, Philoktet, Herakles oder einfach nur A. In dem Text "Herakles 2 oder die Hydra" begibt sich Herakles in den Wald, um das Ungeheuer zu finden. Hier inmitten des Waldes, den er nur für den Ort hält, begreift der Held allmählich, das der Wald selbst das Ungeheuer ist und er, Herakles, innerhalb des Waldes ein Teil davon. Um solcherart schicksalhafte Verkettungen des Einzelnen mit seiner Geschichte und insofern mit sich selbst als Teil der Geschichte geht es Heiner Müller. Adäquat begreift Müller auch den Text, den er nicht als Mitteilungsträger von Wirklichkeit sieht, sondern als Wirklichkeit selbst. Diese Sicht erklärt das Brüchige, Schichthafte, Überlagerte in Müllers Texten, das Ineinanderschieben der unterschiedlichsten Einzelgeschichten in ein komplexes Ganzes, das dennoch wiederum Fragment bleibt. Müller, so meint die Hamburger Literaturwissenschaftlerin Theresia Birkenhauer, gebe der Bühne eine eigene Zeitform. Es entsteht ein Raum, in dem die unterschiedlichsten Zeiten gleichzeitig bestehen, kollidieren und sich befragen.

Heiner Müller war bekannt als Mann der subtilen Provokation. So, wie er behauptet, dass der Text im Theater noch immer nicht seine Rolle gefunden habe, so forderte er 1990 in einem Gespräch mit Alexander Kluge die Öffentlichkeit heraus, indem er sagte, es gäbe noch keine Alternative zu Auschwitz. Diejenigen, die ihm hierbei einen Aufruf zur Grausamkeit unterstellten, irrten. Der Literatur- und Theaterwissenschaftler Nikolaus-Müller-Schöll untersucht in seinem Beitrag die Zielrichtung dieses provokanten Statements. Diesen Satz richtete Heiner Müller gegen die gesamte westliche Zivilisation und ihr Ordnungsmodell. Auschwitz galt dem Dramatiker nicht als irrationaler Rückfall in die Barbarei, sondern als geschichtlicher Moment, dem Logik und Rationalität zugrunde lagen und der ohne die jahrtausendalte Vorgeschichte des selektiven Denkens und eines erheblichen Maßes an Abstraktion nicht denkbar gewesen wäre. Auschwitz sei für Heiner Müller also weder vergangen noch historisierbar. Deshalb gebe es keine Alternative zu Auschwitz.

Heiner Müllers zentrale Themen sind an Schuld, Verrat, Terror, Schmerz und Tod gekettet. Denn
Geschichte war und ist stets ein Prozeß widersprüchlicher Kräfte. Wie muß man sich diese widersprüchlichen Kräfte zusammendenken, und kann man dies überhaupt in einer einzigen Person? Die Geschichte schuf sich für diese Ausschließlichkeit eine prädestinierte Konfliktfigur, den Helden. Dieser halte, so der Leipziger Theaterwissenschaftler Theo Giershausen, eine Widersprüchlichkeit, die sich aus einer zeitlichen Folge ergeben hat, als Ambivalenz fest. Der Protagonist in Müllers "Hamletmaschine" sagt: "Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber." Wenn man die Geschichte eines einzelnen Helden erzähle, so Giershausen, beschreibe man gleichzeitig Historie als Ganzes aus einem analytischen Gesichtspunkt heraus. Das erklärt, warum sich die Dramatiker von Sophokles über Shakespeare bis Müller, wollen sie gesellschaftsrelevant sein, eine bestimmte Art von Helden zur Hauptfigur ihrer Werke wählen. Die Schattierungen und Graduierungen zwischen einem Heros wie Prometheus oder einem Alltagshelden wie dem Arbeiter sind nur insofern relevant, als sie aus der Sichtweise verschiedener Zeitgenossenschaften das Ganze beleuchten.

Durchlittene Geschichte verbindet sich unweigerlich mit dem Schmerz als menschlichen Ausdruck von Qual und Vergängnis. Insofern ist der Schmerz und seine Darstellung in Kunst und Literatur auch als kulturelles Symptom zu begreifen und unterliegt in den verschiedenen Zeitepochen einem Wandel. Wie sich dieser vollzieht, das untersucht Manfred Schneider, Spezialist für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Medien. Nietzsche meinte, dass der Schmerz in völliger Reinheit, Nacktheit und Ursprünglichkeit nicht zugänglich sei. Lessing vermißte im Gesicht des Laokoon jeglichen brutalen Schmerzausdruck, was für Lessing mit der Zeitlosigkeit einer Plastik zusammenhing, die anders als das im Fluß der Zeit agierende Drama angehaltenes Leben bedeute. Schmerz zeuge von der Abwesenheit der Götter. Inzwischen sind die Götter nicht nur entthront, sondern sogar noch ihrer Unzulänglichkeit überführt. Heiner Müller nimmt deswegen den Schmerz direkt ins Visier, "das Duell zwischen Industrie und Zukunft wird nicht mit Gesängen ausgetragen", schreibt er.

Der unartikulierte Schreilaut des Marsyas, den der Gott Apoll häuten lies, weil er es wagte gegen ihn in Wettstreit zu treten, wird bei Müller zum Rohstoff für eine neue Sprache und eine neue Hoffnung. Nicht zuletzt sind die Stimmen der Toten, die Müller wieder und wieder in seinen Texten zu Wort kommen läßt, ist ihr "nekrophiles Stimmengewirr" eine zeitlose Form des Schmerzes. "Kunst aber stammt aus und wurzelt in der Kommunikation mit den Toten", schreibt Müller. "Es geht darum, dass die Toten einen Platz bekommen. Das ist eigentlich Kultur." Hingegen hält Heiner Müller den Dialog zwischen Kunst und Politik für einen "Irrsinn, bei dem es nur zu wechselseitigen Beschädigungen kommen kann."

Auffällig an diesem Essaybad zum Werk Müllers ist, das bis auf Kluge und Žižek sämtliche Autoren und Autorinnen Professoren oder Assistenten wissenschaftlicher Einrichtungen sind. Sollte dies der einzige Ort sein, an dem Müllers Werk aktualisiert wird? Wo bleiben hier Beiträger aus der Praxis, wo bleiben Theater- oder Filmregisseure oder literarische Kollegen Müllers?

Zu den weitreichendsten Texten gehört deshalb der des slowenischen Philosophen und Psychoanalytikers Slavoj Žižek. Denn er bezieht sich nicht wie die meisten der Beiträge direkt auf Müllers Texte und untersucht diese, im Gegenteil, er erwähnt Müller kaum. Dafür erforscht er umso genauer jenen politisch wie gesellschaftlich verseuchten Boden, auf denen Müllers erratischer Textblock steht. Žižek wägt das gescheiterte kommunistische Ideal gegen das scheiternde Ideal der globalen Linken und die inhärente Krise der Demokratie. Brigitte Maria Mayer zitiert aus Žižek:

Die typische ökonomische Strategie des heutigen Kapitalismus ist das Outsourcing, die Übertragung des ‚schmutzigen’ Prozesses der materiellen Produktion (aber auch die Werbung, des Designs, der Buchhaltung usw.) mittels eines Nebenvertrages an ein anderes Unternehmen. Auf diese Weise lassen sich Umweltschutz- und Gesundheitsvorschriften leicht umgehen. Die Produktion findet, sagen wir, beispielsweise in Indonesien statt, wo die entsprechenden Bestimmungen wesentlich weniger streng sind als im Westen. Erleben wir derzeit nicht etwas ähnliches hinsichtlich der Folter? Gibt es nicht auch bei ihr ein ‚Outsourcing’, etwa indem die USA das Foltern ihren Verbündeten in der dritten Welt überlassen, da diese sich nicht mit rechtlichen Problemen oder öffentlichen Protesten herumschlagen müssen?... Die Demokratie der Ersten Welt funktioniert heute zunehmend durch das ‚Outsourcing ihrer Schattenseiten in andere Länder.

In Anlehnung an den Satz von Rosa Luxemburg, Freiheit sei immer die Freiheit des Andersdenkenden, meint Žižek, es sei dringend an der Zeit, die Betonung von ANDERS auf DENKEN zu verlagern. Der Kreis zu Heiner Müller schließt sich hier lautlos.

Christian Schulte / Brigitte Maria Mayer (Hrg.):
Der Text ist der Coyote: Heiner Müller Bestandsaufnahme
Edition suhrkamp 2004, 308 S., EUR 12,-

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