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StartseiteForschung aktuellNach der Hitze kommt der Durchfall14.08.2013

Nach der Hitze kommt der Durchfall

Züricher Fallstudie: Hitzewellen fördern Magen-Darm-Entzündungen

Extreme Temperaturen wie in diesem Sommer können im Körper direkte Hitzeschäden verursachen - vom Sonnenstich bis zum Hitzetod. Doch eine neue Studie aus der Schweiz lässt vermuten: Hitzewellen belasten das Gesundheitssystem zusätzlich, denn durch sie steigt auch die Zahl sonstiger Erkrankungen stark an.

Von Volker Mrasek

Besonders für Senioren war die Hitzewelle 2003 in Europa lebensgefährlich (AP)
Besonders für Senioren war die Hitzewelle 2003 in Europa lebensgefährlich (AP)

Starker Durchfall und Bauchschmerzen - das sind typische Symptome von Morbus Crohn. Dahinter steckt eine Entzündung des Darms, die chronisch und in Schüben verläuft. Bei einer Magen-Darm-Grippe kommt oft noch Erbrechen hinzu. Hier tritt die Entzündung nur vorübergehend auf, Auslöser ist meistens eine Infektion mit Viren oder Bakterien.

Wie viele Patienten mit diesen beiden Erkrankungen die Züricher Uniklinik aufsuchten - das haben Wissenschaftler jetzt rückblickend für den Superhitzesommer 2003 ermittelt. Unter ihnen Thomas Frei. Das Spezialgebiet des Schweizer Biochemikers und Beraters der EU-Kommission sind die Klimaerwärmung und ihre gesundheitlichen Auswirkungen:

"Die Studie zeigt, dass die Hitzewelle von 2003 einen direkten, nachweisbaren Effekt auf Magen-Darm-Entzündungen hatte. Die Zahl der Erkrankungen und Aufnahmen in die Klinik stieg deutlich. Und zwar mit jedem Tag, den die Hitzeperiode andauerte."

Bei Morbus-Crohn-Patienten machten sich die extremen Temperaturen sofort bemerkbar und lösten gehäuft neue Krankheitsschübe aus. Fälle von Magen-Darm-Grippe nahmen dagegen erst eine Woche nach Beginn der Hitzewelle erkennbar zu. Die Zahl der Behandlungen in der Zürcher Uniklinik war dabei an jedem der übermäßig heißen Tage rund 4,5 Prozent höher als normal - bei Morbus Crohn sofort nach Einsetzen der Hitze und bei Magen-Darm-Grippe mit der erwähnten zeitlichen Verzögerung. Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Erkrankungsfälle durch die Hitzewelle am Ende um 35 Prozent.

Das sei eine ziemlich starke Zunahme, wie Biochemiker Frei und seine Kollegen betonen:

"Prinzipiell, glauben wir, gibt es zwei mögliche Erklärungen für dieses Phänomen. Das eine ist der thermische Stress, unter dem der Körper bei starker Hitze leidet. Offenbar kann es zu einem neuen Schub bei Morbus-Crohn-Patienten kommen, wenn eine kritische Temperaturschwelle überschritten wird. Die andere mögliche Erklärung ist, dass hohe Temperaturen bestimmte pathogene Darmkeime in ihrer Entwicklung begünstigen. Dadurch geben sie dann mehr schädliche Stoffwechselprodukte ab, was zu einer akuten Darmentzündung führen kann."

Bei Hitzewellen liegt das Augenmerk von Medizinern und Öffentlichkeit bisher auf der Zahl von Toten unter älteren Menschen. Für sie ist thermischer Stress besonders gefährlich.

Diese Todesfälle seien aber womöglich nur die Spitze des Eisbergs, fürchtet Thomas Frei. Die neue Studie aus Zürich lege nahe, dass Hitzeperioden auch jüngere Menschen krankmachten. So ist Morbus Crohn vor allem unter 20- bis 40jährigen verbreitet; selbst Jugendliche können schon an dieser chronischen Darmentzündung erkranken.

Thomas Frei: "Unsere Studie zeigt zum ersten Mal, dass Hitzewellen vermutlich viel umfassendere gesundheitliche Folgen für die Bevölkerung haben und das Gesundheitssystem stärker belasten als bisher gedacht. Viel häufiger als Todesfälle dürften Erkrankungen wie Magen-Darm-Entzündungen sein oder auch Herz-Kreislauf-Komplikationen. Das ist ein Grund mehr, um unsere Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel zu erhöhen."

Noch sprechen die Forscher aber nur von einer Arbeitshypothese. Die Daten stammten lediglich aus einer einzigen Klinik - nämlich der in Zürich - und müssten auf jeden Fall noch durch Untersuchungen an anderen Standorten abgesichert werden. Genau das haben die Autoren der neuen Studie jetzt auch vor. Die Superhitze im Sommer 2003 lastete nicht nur auf der Schweiz, sondern - und vor allem - auch auf Frankreich und Deutschland, erklärt Frei:

"Das ist unser nächstes Ziel. Wir wollen diesen Fragen europaweit nachgehen. Und schauen, wie viele Magen-Darm-Patienten damals zum Beispiel in Krankenhäusern in Paris und Berlin behandelt wurden. Dann können wir sagen, ob wir mit unserer Vermutung richtig liegen - dass Hitzewellen diese Effekte in ganz Europa haben."

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