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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs darf keine grundlos befristeten Verträge geben07.05.2018

Nach der Kritik an der PostEs darf keine grundlos befristeten Verträge geben

Die Kritik an der Deutschen Post wegen ihrer Regelungen zur Entfristung von Verträgen sei teilweise scheinheilig, meint Birgid Becker. Die Post gehöre damit nicht mal zu den ganz Bösen. So lange das Arbeitsrecht grundlos befristete Verträge zulasse, dürfe man sich darüber nicht aufregen.

Von Birgid Becker

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Ein DHL-Paketzusteller liefert Sendungen aus.  (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Von den Regelungen zur Entfristung von Verträgen sind die Paketboten der Deutschen Post betroffen (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
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Jetzt ist die Post aber aufgefallen, blöd aufgefallen. Nicht weil, weil deren Personalmanager so sehr viel unangenehmere Menschen mit unangenehmeren Strategien sind als anderswo. Nein, aufgefallen ist die Post, weil sie ihre Bedingungen fürs Entfristen so sehr plump und pauschal niedergelegt hat und dann nicht ordentlich aufgepasst hat, dass das Ganze so intern blieb, wie es gedacht war.

Wenn aber die Angabe von Verdi – und die Gewerkschafter haben ja keinen Grund, die Sache schön zu reden - stimmt, dass zwischen vier und 14 Prozent der Beschäftigten in den Poststellen nur einen befristeten Arbeitsvertrag haben, dann gehört die Post nicht einmal zu den ganz Bösen. Es gibt, gerne auch in der hippen IT-Wirtschaft, Teams, bei denen sich nur noch der Teamleiter über einen Vertrag ohne Fristsetzung freuen kann – der Rest muss sehen, wo er bleibt.

Ja, was glaubt man denn, wie sonst entschieden wird?

Und so schwingt  in der Empörung über die böse Post sehr, sehr viel Scheinheiligkeit mit. Aha, entfristet wird nur, wer kaum krank ist, sehr flott ist und keine Schäden anrichtet? Ja, was glaubt man denn, wie sonst entschieden wird? Wo kaputt gefahrene Postautos kein Entscheidungskriterium sind, da ist es dann die Verfügbarkeit außerhalb der Dienstzeiten oder am Wochenende, ist es der Grad an Duldsamkeit gegenüber dem Vorgesetzten, da ist die Fähigkeit, auch noch in den unpassendsten Teams den Harmoniekünstler, Leisetreter, Ausputzer zu machen. 

Ja, kriegt denn anderswo derjenige oder diejenige einen begehrten, entfristeten Vertrag, wenn er oder sie schwächelt, kleine Kinder hat, alleinerziehend ist oder sonst einen Makel aufweist, der in den Augen einer  Personalabteilung irgendwann mal zu einem Problem führen könnte – und wenn es nur ein Problemchen ist? Doch sicher nicht, die Post und weitaus übelmeinendere Personalentscheider findet man überall.

Scholz muss mehr tun, als Druck auf die Post ausüben

So lange das Arbeitsrecht ist, wie es ist, so lange es weiter möglich ist, Mitarbeiter über grundlos befristete Arbeitsverträge im aufreibenden, krankmachenden Schwebezustand zu halten, so lange befristete Verträge genutzt werden können als ausgedehnte, überdehnte Probezeit für Vorgesetzte und Personalabteilungen, die zu wenig Mut zur Festlegung haben – so lange darf man sich nicht aufregen über die böse Post.

Und so lange darf man sich als Olaf Scholz, als Bundesfinanzminister, auch nicht damit begnügen, politischen Druck auf die teils-staatseigene Post aus zu üben. Nein, was passieren muss, liegt auf der Hand und ist überfällig: Grundlos befristete Arbeitsverträge darf es nicht geben. Und Missbrauch durch fadenscheinig begründete oder dubios aneinandergereihte Ketten-Befristungen auch nicht.

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