Campus & Karriere / Archiv /

 

Nach der Party: der große Kater

Deutsche Architekten kehren aus London zurück

Von Ruth Rach

Jetzt herrscht in Deutschland wieder Baukonjunktur.
Jetzt herrscht in Deutschland wieder Baukonjunktur. (AP)

Im Januar 2008 hatte Campus & Karriere drei junge deutsche Architekten in London besucht. Sie waren nach Großbritannien gegangen, weil dort im Gegensatz zu Deutschland ein regelrechter Bauboom herrschte. Doch mit der Wirtschaftskrise kam auch der Baustopp - und die Arbeitslosigkeit.

"Bei uns ist der ganze Downturn ein bisschen verzögert angekommen, eben weil wir viele große Projekte hatten, die dann auch noch liefen. Aber innerhalb des letzten halben Jahres gab es erhebliche Rückschläge, weil mit einem Schlag Projekte angehalten wurden, an denen 20 Leute saßen, und es mussten Leute entlassen werden."

Achim Jedelski, Mitte 30, seit zweieinhalb Jahren Projektmanager einer großen Baufirma in London. Er hatte Glück. Sein Job ist nicht gefährdet: Achim hat viel zu tun, um neue Aufträge an Land zu ziehen. Weniger Glück hatte sein 31-jähriger Kollege Heiko Mathias.

"Ich habe im Juni 2006 bei BDP angefangen. Ich bin im August letzten Jahres entlassen worden, habe dann kurz überlegt was machst du, bleibst du hier oder gehst du nach Deutschland zurück. Habe mich dann entschieden hier zu bleiben, einen neuen Job zu suchen, habe dann in einem neuen kleinen Büro angefangen. Also wir haben im Prinzip Ausstellungen für Museen entworfen, das war ein total guter Job und ein total gutes Büro."

Und dennoch geht Heiko jetzt nach Deutschland zurück. Drei Jahre in London, das reicht. Die Zeit habe ihm viel gebracht, aber jetzt will er zu seinen Freunden und seiner Familie. Und zu seinem neuen Job. Den hatte er schon nach 20 Bewerbungen und zwei Bewerbungsgesprächen in der Tasche. Dass es so schnell gehen würde, darüber war Heiko Mathias selbst überrascht.

"Als ich mich in Deutschland beworben habe, war es ein schwieriges Gefühl, weil ich nicht genau wusste, wo ich stehe, weil ich ja von den deutschen Auflagen und Regularien nicht die Ahnung habe, die ein deutscher Architekt hat, der in Deutschland Berufserfahrung hat. Diese Angst ist mir aber genommen worden, ich habe meine Situation offen dargelegt, und mein künftiger Chef meinte, Heiko, das hast du innerhalb von drei bis sechs Monaten locker drauf und dann bist du voll dabei."

Heiko freut sich auf Deutschland. Nun sitzt er mit seinen Freunden in einem Londoner Pub und feiert Abschied. Fast ein bisschen wehmütig blickt Achim Jedelski auf den jüngeren Kollegen. Manche Architekten bleiben ihr ganzes Leben lang Nomaden: Sie ziehen dahin, wo Arbeit ist.

"Irgendwann ist man 40 und dann wird es nicht mehr so leicht, Jobs zu finden. Man hat keine Rücklagen, man hat immer von der Hand in den Mund gelebt. Man kennt die ganze Welt und hat keinen Ort, wo man sich zurückziehen kann. Und da werden sicherlich auf die Kollegen und auch auf mich einige Probleme zukommen."

Chris Fellner, 33, nickt. Er arbeitet in einem kleinen Londoner Architektenbüro. Kurz vor Weihnachten wurde ein Viertel seiner Kollegen auf einen Schlag entlassen. Das ging ruckzuck, erzählt Chris. Allein in London haben Tausende von Architekten den Job verloren.

"Generell, die Migrantenfreunde, also generell aus Frankreich, Italien, Spanien, die meisten sind zurückgegangen. Von daher ärgert es mich, wenn ich die Arbeitslosenstatistiken sehen, wenn sie sagen, wir haben 1000 arbeitslose Architekten in London, nein wir haben 4000, es sind nur 3000 nach Hause gegangen. Und ich hab dann auch gemerkt bei uns im Büro, dass eher ein Ausländer entlassen wurde als ein Engländer."

Chris Fellner liebt seine Arbeit. Dennoch will auch er nicht längerfristig in London bleiben. Eigentlich war er nur für ein Jahr gekommen. Jetzt sind es schon viereinhalb.

"So aufregend spannend und schön London ist, es ist nicht da, wo ich Kinder groß ziehen möchte. London ist toll, so lang man jung ist, Arbeit hat, gesund ist, und relativ wenig Verpflichtungen hat, von daher sage ich jetzt fünf Jahre noch. Und dann werden wir sehen."

Heiko, Chris und Achim sind sich einig, sie haben in Großbritannien viel gelernt. Nicht nur Fachwissen. Auch ihre Einstellung zum Leben und zur Arbeit hat sich verändert.

"Es ist nicht ein soziales Stigma, hier entweder mit dem eigenen Geschäft pleitezugehen oder den Job zu verlieren. Man wird nicht vom Nachbarn schief angeschaut, es geht weiter. In Deutschland ist das viel stärker mit einem Makel behaftet, du bist Arbeitsloser, Pleitier. Da ist hier viel mehr 'Schwamm drüber, nächster Versuch'."

Heiko nickt.

"Ich kenne einen Statiker, der mit uns zusammengearbeitet hat, der ist arbeitslos gemacht worden, und ich hab ihm geschrieben, was machst du jetzt? Der meinte, ich such mir einen Job, ich war beim Karriereberater, ich mache jetzt irgendwie Tontechnik. Das ist halt auch die Mentalität, die hier vorherrscht. Dass du dich nicht auf das eine festlegst, wie es die Deutschen tun: Ich bin das, ich bleibe das. Sondern du sagst: Okay, es gibt was anderes, ich mache etwas anderes, das ist auch die Erfahrung, die wir mitnehmen."



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Bauen in Britain

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Campus & Karriere

Hochschulen im digitalen WandelAuf dem Weg zum gläsernen Studierenden?

Eine Menschenmenge wird verzerrt und verschwommen dargestellt.

Amerikaner und Briten sind uns beim Thema Digitalisierung des Hochschulwesens weit voraus. In Hamburg ging nun die Konferenz "Campus-Innovation" der Frage nach, was in Sachen E-Learning auf hiesige Studierende zukommen könnte.

Realschulreform Auf dem Weg zum Schulfrieden im Ländle

Hochschulen in Sachsen-Anhalt Streit um Millionen und Doppelstrukturen