• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 

Nach der Tat

Jochen Kalka: Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen. Deutsche Verlags-Anstalt

Im März 2009 versetzte der Amoklauf an der Albertville-Realschule die Kleinstadt Winnenden in Angst und Schrecken. Autor Jochen Kalka lebt mit seiner Familie in Winnenden. Zwei Jahre nach der Tat fragt er nach den Folgen des Traumas für die Stadt und ihre Bewohner.

Von Uschi Götz

Winnenden: Bis heute sei die Stadt durch und durch verstört, sagt Autor Jochen Kalka. (AP)
Winnenden: Bis heute sei die Stadt durch und durch verstört, sagt Autor Jochen Kalka. (AP)

Ein Amoklauf traumatisiert nicht nur die Angehörigen und Freunde der Opfer sowie die Familie des Täters: Er paralysiert auch auf lange Dauer das alltägliche Leben an jenem Ort, wo das Unfassbare geschah - gleich ob in Columbine, Erfurt oder in Winnenden, wo am 11. März 2009 der 17-Jährige Tim K. 15 Menschen und schließlich sich selbst erschoss. Viele Bücher sind seitdem über dieses Massaker und seine Hintergründe veröffentlicht worden.
Dem Autor Jochen Kalka hingegen geht es in seinem Buch weniger um die Schreckenstat selbst als um den Versuch, das Psychogramm einer bis heute durch und durch verstörten Stadt zu zeichnen, deren Bürger er selbst ist. Uschi Götz stellt Ihnen das Buch vor:

Eine Stadt versucht zurück zur Normalität zu finden. Und zu vergessen, ohne vergessen zu wollen. Eine unlösbare Aufgabe.,

schreibt Jochen Kalka. Über ein Jahr hat er seine Eindrücke gesammelt, die nun in Buchform erschienen sind. In "Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen" verarbeitet der PR-Fachmann und Chefredakteur des in München erscheinenden Wochenmagazins "Werben und Verkaufen" die Ereignisse, die das Leben seiner Familie und seiner Stadt veränderten.

Kalka lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Winnenden. Während er am 11. März 2009 in der Redaktionssitzung in München von dem Amoklauf erfährt, erleben seine Frau und die beiden Töchter aus nächster Nähe, wie ein 17-Jähriger Schüler in der Albertville-Realschule erst neun Schülerinnen, einen Schüler, zwei Referendarinnen und eine Lehrerin, dann auf der Flucht drei weitere Menschen tötet - und schließlich auch sich selbst. Seine Frau erfährt per SMS von ihrer damals elfjährigen Tochter von der dramatischen Lage im Schulzentrum.

Amoklauf an Schule. Mindestens ein Toter, Zwei verletzt. Pass auf!

Das Mädchen besucht das Gymnasium gleich neben der Albertville-Realschule. Weder sie noch ihre Schwester sind von der Tat direkt betroffen. Doch in Winnenden gibt es niemanden, den die Tat nicht tief verstört. Sie teilt ihr Leben in eines vor und in eines nach dem 11. März 2009.

Zwei Jahre danach erzählt Jochen Kalka nun in einer Mischung aus Reportage und Tagebuch auf 240 Seiten chronologisch, wie das Schulmassaker die Stadt und ihre Menschen veränderte. Die Tage nach der Tat, die Trauerfeier, die Zeit vor dem ersten Jahrestag, der Jahrestag, Amokläufe nach Winnenden – alles hat Kalka festgehalten und spiegelt Fakten mit den Emotionen einer betroffenen Stadt. Etwa dann, wenn er beschreibt, wie seine eigene Tochter ihm von ihrer Überlebensstrategie erzählt:

"Ketchup, wieso ist denn dieses Päckchen Ketchup in deinem Mäppchen?", frage ich meine Tochter. "Wenn wieder ein Amokläufer kommt, schmier ich mich mit Ketchup voll und stelle mich tot", sagt mein Kind und meint es ernst.

Sachlich und berührend schildert Kalka die Folgen: Lehrer werden krank, der Oberbürgermeister gibt sein Amt ab, die Schulleiterin der Albertville-Schule will nicht mehr länger Rektorin sein. Und die Schüler werden von einem Sicherheitsdienst überwacht. Psychologen leisten ihnen Beistand – im eigens eingerichteten Containerdorf. Denn die Schüler leiden nicht nur unter der Tat. Es ist die Sensationslust der Medienvertreter, die ihren Beitrag zum Trauma leistet, wie Kalka schreibt:

Im Fernsehen läuft n-tv. Im Wechsel mit N24. Manchmal ARD, RTL und ZDF. Stumm glotzen die Kinder auf den Bildschirm. Fassungslos. Und wir, die Eltern mit. Wieder und wieder die gleichen Bilder. Die Schule abgesperrt. Die Polizisten. Hubschrauber.

Reales stößt auf Irreales, schreibt Kalka. Etwa dann, wenn die Familie im Fernseher atemlos verfolgt, was direkt vor der eigenen Haustür geschieht:

Stunde um Stunde füllt sich der kleine Ort mit mehr und mehr Fernsehteams. Viele kommen direkt aus Köln, wo sie das Schlimmste des eingestürzten Kölner Stadtarchivs bereits im Kasten hatten. Wunderbare Bilder brachte das Einsturzdrama in den vergangenen Tagen, ja, das war echt telegen. Achtundzwanzig Wagen schaffen es mit ihren gigantischen Satellitenschüsseln in die unmittelbare Nähe der Albertville-Realschule. Sie drängeln sich so nah wie möglich an den Tatort ran, die Futterstelle für Journalisten.

Ungeniert hätten sich die Journalisten an Winnenden und seinen Einwohnern vergangen, so lautet eines von Kalkas Resümees. Doch in dieser Argumentation zeigt sich auch seine fehlende Distanz zum Geschehen. Der Beobachter – so wird in allen Phasen des Buchs deutlich – ist eben auch Betroffener. Das allzu pauschale Bild von der Futterstelle für Journalisten, das er zeichnet, ist zu einseitig, um die ganze Dimension der Geschehnisse zu beurteilen. Und hier liegt die Schwäche des Buches. Denn der Autor übersieht, dass es durchaus auch Journalisten gab, die sich ganz bewusst von den Familien der Opfer fernhielten, um deren Trauer nicht zu stören. Sein Vorwurf, die Medien hätten sich nur für den Täter – nicht aber für die Opfer interessiert, greift zu kurz ebenso wie seine Kritik an der Distanzlosigkeit vieler Kollegen. So wurden etwa die Plätze für die Übertragungswagen, die Lage des Pressezentrums in der Sporthalle neben der Realschule nicht von den Journalisten bestimmt, sondern ihnen von offizieller Seite eingerichtet.

Neben der Kritik an den Medien thematisiert Jochen Kalka auch das in Deutschland geltende Waffengesetz: Während einige Waffenbesitzer um Winnenden ihre Pistolen und Gewehre freiwillig abgeben, geht das Gros der Sportschützen unberührt zur Tagesordnung über. Denn das nach der Tat von Winnenden verschärfte Waffengesetz betrifft sie nicht, sie sind erwachsen. Vier Wochen vor dem ersten Jahrestag des Amoklaufs findet unweit von Winnenden ein Kreisschützentag statt. Kalka dokumentiert, wie Schützen und Politiker gleichermaßen so tun, als sei nie etwas passiert:

Gleich zwei Bundestagsabgeordnete zeigen sich ganz gezielt bei dem Treffen: Hartfried Wolff von der FDP und Joachim Pfeiffer von der CDU. Letzterer hatte sich ja schon vor der Bundestagswahl zu den Schützen bekannt und damit im Kreis Winnenden besser abgeschnitten als die meisten seiner Kollegen im Ländle. Macht durch Waffen.

Schonungslos urteilt Kalka über Journalisten, die sich nach der Tat hemmungslos über Menschen in der Stadt hermachten. Er zeigt auf, wie unbeeindruckt Politiker nach der Tat von Winnenden und Wendlingen zur Tagesordnung übergegangen sind und die Tat bis auf eine leichte Verschärfung des Waffenrechts, ohne Konsequenzen blieb. Leser, die eine objektive Analyse des Amoklaufs von Winnenden erwarten, werden diese in Jochen Kalkas Buch nicht finden. Dafür ist es wohl noch zu früh – wie Kalkas Beschreibungen beweisen. Dennoch gelingt es ihm, mit seinen authentischen Schilderungen der Ereignisse, den Leser aufzuwühlen und zum Nachdenken anzuregen.

Uschi Götz über: Jochen Kalka: "Winnenden. Ein Amoklauf und seine Folgen." Erschienen in der Deutschen Verlags-Anstalt, 240 Seiten zum Preis von 17,99 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk