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StartseiteInterview"Wir wollen die höchstmögliche Sicherheit"27.03.2015

Nach Germanwings-Absturz"Wir wollen die höchstmögliche Sicherheit"

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Europaparlament, Michael Cramer, hat einheitliche und bessere europäische Regelungen im Flugverkehr gefordert. Im DLF sagte der Grünen-Politiker aber auch, dass es gegen die "absolute Absicht" eines Täters keinen Schutz gebe.

Michael Cramer im Gespräch mit Friedbert Meurer

Porträtbild von Michael Cramer, Studienrat und Abgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen im Europaparlament. (picture alliance / ZB / Nestor Bachmann)
Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Europaparlaments, Cramer, fordert bessere europäische Richtlinien zur Flugsicherheit. (picture alliance / ZB / Nestor Bachmann)
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Den Absturz des Germanwingsflugs U4 9525 bezeichnete Cramer als "unvorstellbar". Es gehe zunächst darum, den Angehörigen und Opfern zur Seite zu stehen und den Vorfall aufzuklären. Dann könnten die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

Mittelfristig ist seiner Meinung nach eine europäische Richtlinie für den Flugverkehr wünschenswert. Dabei gehe es etwa um die Frage, ob Piloten alleine im Cockpit sein dürften oder nicht. Aber auch das biete keinen hundertprozentigen Schutz: "Gegen totale Absicht kann man nichts machen", sagte Cramer.

Der Grünen-Politiker betonte, es gehe um die Verlässlichkeit eines Piloten. Kein Sparzwang von Billigfluglinien dürfe dazu führen, dass das Fliegen unsicherer wird. "Wir wollen die höchstmögliche Sicherheit", so Cramer.


Hier das Interview in voller Länge:

Friedbert Meurer: Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 sind in der Luftfahrt die Sicherheitsgesetze drastisch verschärft worden. Die Passagiere werden noch mehr unter die Lupe genommen und von oben bis unten gescannt, oder die Cockpit-Türen sind so schwer gepanzert, dass sie von außen nicht mehr geöffnet werden können. Das ist jetzt wahrscheinlich 150 Menschen zum Verhängnis geworden. In den USA hätte die Tat vielleicht verhindert werden können. Dort darf ein Pilot oder ein Co-Pilot nie alleine im Cockpit sein.

Heute Morgen sieht es ganz so aus, dass die europäischen Airlines, auch die deutschen Luftfahrtgesellschaften dieses Prinzip jetzt freiwillig einführen wollen. - Michael Cramer ist Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Europaparlaments von den Grünen. Ich habe ihn gerade eben zunächst gefragt, wie sehr ihn die Nachricht geschockt hat, dass der Co-Pilot den Absturz absichtlich herbeigeführt hat.

Michael Cramer: Das ist natürlich unvorstellbar. Das hätte sich keiner vorstellen können. Das ist natürlich ein sehr tragischer Einzelfall. Aber zunächst mal geht es darum, dass wir auch gestern im Ausschuss eine Schweigeminute eingeleitet haben und der Opfer natürlich und der Freunde, der Familien und der Geschwister gedenken. Unser Mitgefühl ist zunächst bei denen. Und dann wollen wir eine unabhängige Aufklärung und dann muss man die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Meurer: Wir hatten uns ja schon darauf eingestellt, dass die Auswertung des Flugschreibers oder Stimmenrecorders ziemlich lange dauern wird. So hieß es ja auch die ganze Zeit. Waren Sie davon überrascht, dass so schnell eine so schwerwiegende Schuldzuweisung erfolgt?

Cramer: Das hängt ja immer davon ab, wann der gefunden wird. Das ist wohl schnell gewesen. Und dann die Information? Es war natürlich eigenartig, dass keine Notsignale ausgestrahlt wurden. Man dachte am Anfang, die Kabinenluft, die sind besinnungslos geworden, konnten gar nicht reagieren. Aber dass jetzt absichtlich praktisch der Tiefgang eingeschaltet wurde und absichtlich keine Notsignale geschaltet wurden, das konnte sich keiner vorstellen.

"Niemand sollte alleine in der Kabine sein dürfen"

Meurer: Die Familie des Co-Piloten wird wahrscheinlich im Moment noch nach jedem Strohhalm greifen, dass es doch vielleicht anders gewesen ist, dass der Co-Pilot ohnmächtig wurde. Gibt es da eine Möglichkeit, dass es doch anders war?

Cramer: Ich habe heute die neueste Nachricht gelesen, dass der Co-Pilot auch ausgesetzt hatte seine Ausbildung, weil Depressionen festgestellt wurden, und wenn das der Fall ist, ist das natürlich schwerwiegend. Aber eine hundertprozentige Sicherheit, die gibt es auch nicht. Aber man sollte jetzt daraus Konsequenzen ziehen, dass niemand alleine in der Kabine sein darf. Wenn dann der Pilot oder der Co-Pilot zur Toilette muss, dann muss eben eine der Stewardessen in der Kabine sein, dass das nicht sein kann, dass jemand alleine diese Entscheidungsgewalt ausüben kann.

Meurer: In den USA wie gehört gibt es das schon eine ganze Zeit lang, dass immer zwei im Cockpit sein müssen. Wissen Sie, warum das in Europa anders ist?

Cramer: Nein, das weiß ich nicht. Das war natürlich eine Reaktion auch der terroristischen Attacken, dass niemand praktisch von den Passagieren, dass der in dieses Cockpit eindringen kann und die unter Druck setzen kann, entweder da hinzufliegen oder gar wie bei 9.11 in die Tower fliegen kann. Dass das unterbunden wurde, das ist natürlich richtig. Aber jetzt haben wir es gesehen: Das reicht allein nicht aus. Deshalb müssen immer zwei im Cockpit sein. Denn es hätte ja auch sein können, dass ein Co-Pilot plötzlich einen Herzinfarkt bekommt, oder besinnungslos wird, warum auch immer, und dass dann die Regelung so ist, dass dann auch selbst die Insider nicht von außen durch die Tür in das Cockpit reinkommen, das hätte ich mir auch nicht denken können. Da gibt es heute technische Möglichkeiten, dass die über Entscheidungen verfügen, über einen Code, dass sie auf jeden Fall in die Cockpit-Kabine kommen können.

Meurer: Jetzt sagen einige: Nehmen wir mal an, da nimmt eine Stewardess Platz neben dem Piloten oder dem Co-Piloten. Der kann natürlich auch diese Stewardess möglicherweise ziemlich einfach ausschalten. Was hilft diese Maßnahme, zwei Personen im Cockpit, wirklich?

Cramer: Er war ja jetzt alleine. Das war ja auch mehr Zufall, dass der Pilot, also der Chef, kurz mal rausgegangen ist. Er hatte ihm vertraut und es ist dann passiert. Gegen totale Absicht kann man nichts machen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Aber die Frage ist: Wäre ein Steward oder eine Stewardess dabei gewesen, ob er dann so reagiert hätte. Vor allem, als das Klopfen draußen war, ob er dann auch verhindern hätte können, dass die Tür geöffnet wird.

"Ich bin für ein europäisches Gesetz"

Meurer: Es sieht ja ganz so aus, als würden die Airlines jetzt freiwillig dieses Zwei-Personen- oder Vier-Augen-Prinzip im Cockpit umsetzen. Freitag soll es Gespräche mit dem Luftfahrtbundesamt geben. Ist da ein Gesetz eigentlich notwendig, oder sinnvoll, um das wirklich flächendeckend durchzusetzen?

Cramer: Wenn man die Konsequenzen sieht, bin ich für ein europäisches Gesetz, weil es natürlich auch in der Luftfahrt einen enormen Wettbewerb um die billigsten Preise gibt, und oft geht dann das billigste Angebot auch auf mangelnde Sicherheit zurück. Deshalb finde ich es gut, wenn es da eine europäische Regelung gibt, am besten natürlich weltweit.

Meurer: An welcher Stelle gibt es mangelnde Sicherheit durch den Wettbewerb?

Cramer: Das, was ich gehört habe, beispielsweise die Wartezeiten oder die Bereitschaftsdienste der Piloten, die werden jetzt kürzer angesetzt, als Mediziner vorgeschlagen haben. Das ist zum Beispiel eine Sache. Die Wartung der Flugzeuge, die ist nicht überall gleich. Sie müssen auch gewartet sein. Da habe ich Informationen gehört, dass das nicht überall gleich sei und manchmal leichtfertig. Aber da bin ich vorsichtig, ich bin kein Ingenieur. Wir wollen aber da eine europäische Regelung haben, die alle verpflichtet.

Meurer: Diese Dienstzeiten der Piloten, die Sie gerade angesprochen haben, war ja auch Thema, ich glaube, letztes Jahr bei Ihnen im Verkehrsausschuss. Wie stressig ist das für die Piloten geworden?

Cramer: Ja. Wir hatten auch die Piloten da und sie akzeptieren das nicht. Es gab eine Untersuchung darüber und Mediziner haben sich geäußert. Auch die Kommission hat da eine Untersuchung beantragt. Und die haben festgelegt: Eine bestimmte Zeit, Dienstzeit darf nicht überschritten werden. Dann wird die Sicherheit infrage gestellt. Darüber hat sich dann die europäische Politik hinweggesetzt. Die neue Regelung ist noch nicht in Kraft wegen der Gibraltar-Frage. Aber wir im Verkehrsausschuss wollten mehr.

"Sicherheit muss an erster Stelle stehen"

Meurer: Werden Sie sich jetzt durchsetzen können? Werden Sie das jetzt vielleicht ändern können nach diesen Ereignissen jetzt?

Cramer: Darüber will ich jetzt nicht spekulieren. Wir haben da eine klare Position. Das muss auch dann der Rat entscheiden. Das ist ja nicht eine alleinige Entscheidung des Parlaments, sondern ein europäisches Gesetz gibt es nur, wenn Rat, Kommission und Parlament sich einig sind. Und die Staats- und Regierungschefs sind jetzt gefragt und die sollten sagen, ja, wir wollen die höchstmögliche Sicherheit. Die hundertprozentige gibt es nicht, aber die Sicherheit muss an erster Stelle stehen. Und wenn man bedenkt, dass die europäischen Airlines, weil sie im Gegensatz zu den Bahnkunden keine Kerosin-Steuer und auf internationalen Relationen keine Mehrwertsteuer bezahlen müssen und deshalb 30 Milliarden Euro vom europäischen Steuerzahler bekommen, sollte Sicherheit die absolute Spitze sein.

Meurer: Was viele natürlich interessiert: Wie sicher sind Billigflieger im Vergleich zu etablierten Luftfahrtgesellschaften?

Cramer: Im Moment gibt es darüber keine Analyse. Die Lufthansa und dieses Flugzeug galten natürlich über die Jahrzehnte als vorbildlich. Es hatte auch deshalb großen Marktanteil und niemand konnte sich vorstellen, was da passiert ist. Aber jetzt haben wir eine andere Erfahrung. Es ging nicht um die materielle Sicherheit eines Flugzeugs, sondern es geht jetzt um die Verlässlichkeit eines Piloten und hier eines Co-Piloten. Was da möglich ist, das muss jetzt untersucht werden. Wie gesagt, da sollte das Geld keine Rolle spielen, denn ich will sicher fliegen. Ich will nicht von einem Piloten geflogen werden, der schon zehn oder zwölf Stunden Bereitschaftsdienst hat, der übermüdet ist. Mir kommt es nicht auf die 10 oder 15 Euro an, ich möchte sicher ans Ziel kommen, und ich glaube, da spreche ich nicht nur für mich, sondern für alle.

Meurer: Michael Cramer, der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Europaparlaments von den Grünen. Herr Cramer, vielen Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Auf Wiederhören!

Cramer: Vielen Dank auch Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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