Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteInterview"Das Schlimmste steht den Texanern noch bevor"01.09.2017

Nach Hurrikan Harvey"Das Schlimmste steht den Texanern noch bevor"

Der Journalist Jim Amoss hat 2005 über die Folgen des Hurrikans "Katrina" berichtet. Er glaubt, dass die Verantwortlichen beim Hurrikan "Harvey" in Texas aus den Fehlern von damals gelernt haben. "Die Hilfe ist viel schneller gekommen", sagte er im Dlf. Er bezweifelt allerdings, dass die zugesagten Gelder der Regierung ausreichen werden.

Jim Amoss im Gespräch mit Silvia Engels

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Überschwemmte Straßen in der texanischen Stadt Port Arthur (AP Photo/Gerald Herbert)
Überschwemmte Straßen in der texanischen Stadt Port Arthur (AP Photo/Gerald Herbert)
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Silvia Engels: Am Telefon ist Jim Amoss. Er war bis Ende 2015 Chefredakteur der US-Lokalzeitung "New Orleans Times Picayune". Die Zeitung wurde 2005 nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina in New Orleans mit über 1500 Toten weltweit bekannt, denn damals haben ihre Reporter intensiv über Stand und Pannen bei Rettung und Wiederaufbau in New Orleans recherchiert und berichtet. Dafür erhielt die Zeitung später den Pulitzerpreis. Jim Amoss ist seit diesen Jahren Hochwasser- und Wiederaufbauexperte. Wir erreichen ihn heute Morgen in New Orleans. Guten Morgen!

Jim Amoss: Guten Morgen!

Engels: Ist das Schlimmste in Texas und Louisiana Ihrer Einschätzung nach überstanden?

Amoss: Louisiana ist zum größten Teil verschont geblieben, jedenfalls meine Heimatstadt New Orleans. Aber ich glaube, das Schlimmste steht den Texanern noch bevor, denn der Wiederaufbau wird noch viele Monate dauern, und ob sie das nötige Geld von der Bundesregierung bekommen, steht trotz der vielen Versprechungen noch infrage.

Engels: Die Kosten sind das eine, aber auch alle Gefahren sind ja noch nicht überstanden. Bis jetzt sind 38 Tote bestätigt. Auch nach dem Hurrikan Katrina war erst nach dem Abflauen des Sturms das wahre Ausmaß der hohen Opferzahlen und die Schäden deutlich geworden. Ist so etwas nun wieder zu befürchten?

Amoss: Ja, ich glaube, Sie haben recht. Die Zahlen der Toten – es sind jetzt 39, wie Sie sagten – werden bestimmt noch steigen und die Zahl der Menschen in den Notunterkünften vielleicht auch. Was wirklich in Houston und in Südtexas passiert ist, das wird wahrscheinlich noch Tage und vielleicht Wochen dauern, bis wir das Ausmaß dieses Hurrikans wirklich kennen.

"Der Präsident war schnell vor Ort"

Engels: In New Orleans kämpften die Menschen nach Ablaufen der Fluten nach wie vor mit Umweltbelastungen, Schwierigkeiten bei der Trinkwasserversorgung, der Unterbringung der Menschen. Gibt es denn Ihrer Ansicht nach Anzeichen, dass man gelernt hat, dass das nun besser läuft als damals bei Hurrikan Katrina?

Amoss: Ich glaube, man hat. Sowohl die Einwohner von Houston als auch die Regierung selbst von Katrina gelernt. Und obwohl die Bilder und die Videos aus Texas denen von 2005 sehr ähnlich aussehen, Menschen, die durch überflutete Straßen waten, und kleine Kinder, die aus Wohnungen getragen werden, ist die Hilfe doch viel schneller angekommen als damals in New Orleans. Und ich muss sagen, der Präsident selbst war schnell vor Ort, während sein Vorgänger George Bush vier Tage, fünf Tage gewartet hat, bis er nach New Orleans kam. Ob das bedeutet, dass für die Region die Hilfe auch schnell ankommt, das kann ich noch nicht sagen.

Engels: Sie haben US-Präsident Trump angesprochen. Er will dem Kongress Hilfen für die Region von 5,9 Milliarden Dollar vorschlagen und hat auch Spenden aus seinem Privatvermögen angekündigt. Kann das mehr sein als der Tropfen auf dem heißen Stein?

Amoss: 5,9 Milliarden Dollar in einem Hilfspaket ist bei einem derartigen Desaster eine Kleinigkeit. New Orleans hat über 100 Milliarden Dollar gebraucht und der Gouverneur von Texas sagt, dass Texas wahrscheinlich noch mehr als Louisiana an Hilfe von der Bundesregierung brauchen wird. Ob Texas das bekommt, ist natürlich ein großes Dilemma für den republikanischen Kongress, der eher das Geld im Haushalt der USA kürzen will, als viel Geld auszugeben.

"Man kann schneller den Wiederaufbau anfangen"

Engels: Die Verantwortlichen haben ja angekündigt, dass das Wirtschaftsleben in Houston so schnell wie möglich wieder in Gang gebracht werden soll. Der Hafen soll rasch wieder funktionsfähig gemacht werden, die Öl-Raffinerien sollen rasch in Gang gebracht werden. Ist so etwas nach Ihren Erfahrungen damals in New Orleans nach einer so schweren Flut überhaupt realistisch?

Amoss: Dass man überhaupt davon reden kann, dass die Wirtschaft innerhalb von Tagen oder Wochen auf die Beine gebracht werden kann, ist, finde ich, erstaunlich. Vielleicht ist das in Texas eher möglich. Davon konnte in New Orleans in den ersten Monaten und sogar im ersten Jahr nach Katrina nicht die Rede sein und man fragte sich damals, ob die Stadt überhaupt weiterhin existieren könnte. Ich erinnere mich noch, wie es in der Stadt und wie es in meinem Stadtviertel aussah, dass man überhaupt in den ersten drei Monaten nicht mal Strom hatte und gar nicht von Wiederaufbau reden konnte.

Engels: Weshalb hat Houston möglicherweise bessere Voraussetzungen für einen schnelleren Wiederaufbau als New Orleans?

Amoss: Weil es ein ganz anderes Desaster und eine viel größere Stadt ist. New Orleans war zu fast 80 Prozent überschwemmt und zerstört, und das ist natürlich eine Tragik und ein Riesendesaster. Aber wenn 70 Prozent der Stadt nicht überschwemmt ist, dann kann man viel schneller, glaube ich, den Wiederaufbau anfangen und eine Wirtschaft wieder neu beleben.

Engels: Wenn wir von Houston einmal weggehen und auf die anderen Überschwemmungsgebiete schauen, die es ja in Texas, aber auch in Teilen von Louisiana gibt, ist der Hochwasserschutz denn insgesamt etwas besser geworden beziehungsweise jetzt die Möglichkeiten für die Behörden, schnell zu helfen, um auch hier die Dämme wieder rasch in Form zu bringen, etwas besser geworden?

Amoss: Ja, im Fall von New Orleans auf jeden Fall besser geworden, und das hat der Regierung 14 Milliarden Dollar gekostet. Aber ob sich die USA, ob mein Land sich mit dem Klimawandel abfindet und damit, die ganze Küste der USA, wo etwa 123 Millionen Menschen leben, dieses Küstengebiet vor Hochwasser zu schützen, und was auch heißt, vor den Folgen des Klimawandels zu schützen, da sehe ich weniger Fortschritte als in meiner Stadt.

"Es wird schneller gehen als 2005"

Engels: Welche Verantwortung kommt da Donald Trump zu? Wird er jetzt stärker unter Druck geraten, entgegen seiner Meinung doch etwas gegen den Klimawandel zu tun, hier zu investieren?

Amoss: Eine derartige Investition kann nur der Präsident und der Kongress herbeibringen. Das kann keine Lokalbehörde und das heißt, dass der republikanische Kongress und das republikanische Weiße Haus das schaffen müssen.

Engels: Wagen wir einen Blick nach vorne. Was denken Sie, wie lange wird es dauern, bis sich die betroffenen Regionen Texas und Louisiana von diesem Sturm erholt haben?

Amoss: In New Orleans hat die Erholung mindestens fünf bis sieben Jahre gedauert. Ich glaube, dass es etwas schneller in Houston vorangehen wird und innerhalb von zwei Jahren vielleicht nicht diese ganzen Stadtviertel sich erholt haben, aber jedenfalls wird es meines Erachtens bestimmt schneller gehen als hier in Louisiana in 2005.

Engels: Jim Amoss war das. Bis 2015 war er Chefredakteur der US-Lokalzeitung "New Orleans Times Picayune". Die Zeitung wurde damals nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina 2005 bekannt. Danke für Ihre Zeit heute Morgen.

Amoss: Gern geschehen. Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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