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Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKommentare und Themen der WocheGeduld und Entschlossenheit sind gefragt29.07.2017

Nach Messerattacke in HamburgGeduld und Entschlossenheit sind gefragt

Deutschland sei ein Rechtsstaat, kein Terrorist und kein Anschlag dürfe daran etwas ändern, kommentiert Gerwald Herter. Deshalb sei es wichtig, dass es in diesem Land weder kurze Prozesse, noch Vorverurteilungen gebe. Die Hamburger Polizei habe nach der Messerattacke mit einem Toten richtig gehandelt.

Von Gerwald Herter, Dlf

Blumen und Kerzen liegen am 29.07.2017 in Hamburg-Barmbek vor dem Supermarkt, in dem am 28.07.2017 ein Mann einen Menschen mit einem Messer getötet und sechs weitere verletzt hat. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
Blumen und Kerzen liegen in Hamburg-Barmbek vor dem Supermarkt, in dem ein Mann einen Menschen mit einem Messer getötet und sechs weitere verletzt hat. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)
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Die wohl wichtigste Frage ist immer noch offen, die nach dem Motiv des mutmaßlichen Täters. Tötete er aus religiös-ideologischen Gründen oder handelte er im Affekt? So drängend diese Frage auch ist, jetzt keine vorschnelle Antwort zu geben, ist richtig. Polizei und Staatsanwaltschaft in Hamburg tun gut daran, ihre Ermittlungen nicht schon jetzt zu sehr zu verengen. Damit hat man doch gerade in Deutschland äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Man muss sich nur an die NSU-Ermittlungen erinnern. Viele Spuren wurden da verfolgt, aber lange keine, die zum Ziel führte. Man sprach von "Döner-Morden", aber viel zu lange nicht von Rechtsterrorismus.

In Hamburg ist das also anders, auch wenn der mutmaßliche Täter aus Sicht der Behörden ein Islamist war, er vor seiner Tat "Allah Akbar" gerufen haben soll und obwohl viele längst wissen wollen, warum er einen Menschen erstach und sechs weitere verletzte. Von einem "Messer-Djihad" ist auf Twitter und in den sogenannten sozialen Netzwerken die Rede und auch davon, dass die Sache doch längst klar sei, dass man hier doch wieder sehe, wie schlecht es sei, dass Deutschland Flüchtlingen seine Grenzen geöffnet hat.

Keine vorschnellen Schlüsse ziehen

Deutschland ist ein Rechtsstaat, kein Terrorist und kein Anschlag darf daran etwas ändern. Deshalb ist es wichtig, dass es in diesem Land weder "kurze Prozesse", noch Vorverurteilungen gibt, dass sich Polizei, Justiz und andere Behörden an Verfahrensregeln halten. Die Hamburger Behörden haben sich Zeit gelassen und die Öffentlichkeit erst heute Mittag ausführlich über den Tathergang und die Hintergründe informiert. Der zuständige Senator, Vertreter von Staatsanwaltschaft, Polizei und auch der Landesbehörde für Verfassungsschutz erteilten umfangreich Auskunft. Das hat seine Gründe, die mit der Geschichte des mutmaßlichen Täters zusammenhängen. Auch dabei stellen sich nämlich wichtige Fragen: Hätte seine Gefährlichkeit erkannt werden können, wem ist hier ein Irrtum unterlaufen?

Offenbar schnelle Radikalisierung

Einem seiner Freunde, so schilderte es heute der Vertreter des Verfassungsschutzes, sei aufgefallen, dass der 26-jährige Mann sich offenbar schnell radikalisierte. Habe er früher viel getrunken und gefeiert, so trug er plötzlich traditionelle Kleidung und zitierte Koran-Suren. Dieser Freund wendete sich an die Polizei, die nahm die Hinweise ernst. Verfassungsschützer befragten ihn, auch andere Behörden nahmen Kontakt auf. Doch die Schlussfolgerung war falsch. Bis gestern glaubte man, dass vom mutmaßlichen Täter keine unmittelbare Gefahr ausging. Er war nicht vorbestraft, ein Verfahren wegen Ladendiebstahls wurde im Frühjahr wegen Geringfügigkeit eingestellt, er wurde als "Islamist" eingestuft, aber nicht als "Djihadist". Die Behörden betrachteten ihn auch nicht als "Gefährder".

Behörden hätten genauer hinsehen sollen

Im Zusammenhang mit seinem Ausweisungsverfahren, handelte er kooperativ, auch als es darum ging Ersatzpapiere zu besorgen. Aus der Politik kommen jetzt wieder Forderungen, abgelehnte Asylbewerber schneller abzuschieben. Statt auch hier schnelle Antworten zu haben, wäre es besser eine weitere Frage zu stellen: Hat etwa die absehbare Abschiebung des mutmaßlichen Täters dazu geführt, dass sich die Behörden mit ihm nicht mehr allzu ausführlich beschäftigen wollten? Es wäre sehr wichtig, auch darauf eine Antwort zu geben.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Gerwald Herter (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Ab 2011 Leiter der Dlf-Redaktion Europa und Außenpolitik in der Abteilung Hintergrund. Seit Juli 2017 Dlf-Sicherheitsexperte.

 

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