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StartseiteDLF-MagazinImageschaden für Dresden05.02.2015

Nach Pegida-DemosImageschaden für Dresden

Die Demonstrationen der letzten Monate haben Dresdens Image schwer geschadet. Zwar sind die Teilnehmerzahlen der Proteste rückläufig, dennoch befürchten Beobachter schon jetzt, dass langfristig die internationale Wettbewerbsfähigkeit Dresdens leiden könnte.

Von Alexandra Gerlach

Teilnehmer einer Demonstration des Bündnisses Patriotischer Europaeer gegen Islamisierung des Abendlandes (Pegida) sind am Montagabend, den 22.12.2014 auf dem Theaterplatz in Dresden versammelt. (imago/Robert Michael)
Für viele kein schönes Dresdenbild: Pegida-Anhänger auf dem Theaterplatz (imago/Robert Michael)
Weiterführende Information

Pegida - Eine neue APO in Ostdeutschland?
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 04.02.2015)

Nach Pegida-Spaltung - "Wir sind uns viel zu sicher"
(Deutschlandfunk, Themen der Woche, 31.01.2015)

Debatte um zu große Pegida-Nähe - "Ran an das Objekt"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 31.01.2015)

Streit bei Pegida
(Nachrichtenleicht, Nachrichten, 30.01.2015)

"Hallo Dresden! "

Dresden am 26. Januar.

"Ich kam vor 15 Jahren nach Dresden als Gründungsdirektor des neuen Max-Planck-Instituts für Zellbiologie."

Der Verein Dresden Place to be e.V. hat zu einem großen Konzert auf den Dresdner Neumarkt geladen.

"Unser Führungsteam ist international, schon von Anfang an, kamen Wissenschaftler aus aller Welt. Heute aus 45 Nationen. Europa, Amerika, Afrika, Asien!"

Zu Füßen der mächtigen, steinernen Kuppel der Dresdner Frauenkirche steht eine große Bühne. Mehr als 22.000 Menschen haben sich davor versammelt, um an diesem Abend ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu setzen. Namhafte Künstler aus ganz Deutschland haben sich angesagt, um ihren guten Namen und ihre Musik in den Dienst der Weltoffenheit und Toleranz zu stellen.

In Videobotschaften und live vorgetragenen Statements richten kulturelle und wissenschaftliche Institutionen der Stadt ihre Botschaften an die Öffentlichkeit. So auch der Finne Kai Simons, der vor 15 Jahren als Gründungsdirektor des renommierten Max-Planck-Instituts an die Elbe kam, und hier zu Hause ist:

"Wir haben 2.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, in der Forschung und in der Wirtschaft. Unser Motto ist einfach: Wir Ausländer schaffen Arbeitsplätze!"

Dresden hat mit den über 70 hier ansässigen internationalen und nationalen Forschungseinrichtungen inzwischen sogar den Standort München überflügelt.

Rund 7.000 Ausländer arbeiten in Dresden. Viele hochkarätige Wissenschaftler kommen aus der ganzen Welt hierher, um zu forschen und neue Ideen zu entwickeln. Doch angesichts der seit Monaten andauernden Schlagzeilen über islamophobe und fremdenfeindliche Demonstrationen in der Stadt, die es sogar bis in die "New York Times" schafften, zögern mögliche Kandidaten immer häufiger.
Die Skepsis wächst

Die Rekrutierung namhafter Wissenschaftler für den Standort Dresden werde schwieriger, erklärt Dirk Gnewekow, Direktor beim Personaldienstleister Mercuri Urval. Die Akademiker seien sehr gut informiert und stellten kritische Fragen:

"Nach dem Motto, muss ich mir da Sorgen machen, ist das eine Randerscheinung, geht das wieder vorüber? Ich kann auch niemandem sagen, also du musst dir da überhaupt keine Gedanken machen, die Erfahrungen zeigen da durchaus etwas anderes."

Rassistische Äußerungen nehmen zu

Die Demonstrationen der letzten Monate haben das Klima in der Stadt negativ verändert, der Student Erik Hattke, der auch dem Bündnis "Dresden für alle" vorsteht bilanziert:

"Die Hemmschwelle, rassistische Äußerungen in der Öffentlichkeit zu tätigen, ist klar gesunken, und das ist absolut nicht hinnehmbar!"

Diesen Befund kann auch Carolin Fritsche bestätigen. Sie ist Leiterin des International Office des Max-Planck-Instituts, kurz Dresden Concept und ist sowohl mit der Anwerbung internationaler Arbeitskräfte befasst, als auch mit deren Betreuung vor Ort.

"Wir haben schon auch in er Vergangenheit ab und zu gehört von den Moslems oder auch von Türken oder auch von den Leuten, die klar als Ausländer zu erkennen sind, dass sie angepöbelt werden. Aber das liegt einfach in der Geschichte verwurzelt, weil Dresden und Osteuropa so wenige Ausländer hatten, und wir können das nur lösen, indem wir mehr Ausländer hierher bekommen."

"Wir merken den Imageverlust"

Aber gerade das wird zunehmend schwieriger, wie Carolin Fritsche berichtet. Pegida habe in nur drei Monaten vieles eingerissen, was zuvor in jahrelanger Arbeit aufgebaut wurde:

"Wir merken den Imageverlust, den Pegida gebracht hat, enorm. Wir haben teilweise Absagen, wir haben Wissenschaftler, die fragen, können wir jetzt überhaupt nach Dresden kommen, ist das sicher?"

Diese Unsicherheit und Vorbehalte bekommt auch der Unternehmer Heinz Martin Esser zu spüren, wenn er - wie so oft – im Ausland unterwegs ist. Seit gut sechs Jahren steht er als Präsident an der Spitze des Branchenverbandes Silicon Saxony, der die Interessen von rund 300 am Standort Dresden ansässigen Unternehmen in der Halbleiterindustrie bündelt und vertritt.

"Wir sind eine global agierende Industrie. Wir sind sehr offen, weltoffen. Für uns ist es sehr wichtig mit dieser Welt permanent im Austausch zu sein, mit der Technologiewelt, der Hightech-Welt und deshalb sind wir extrem bemüht, dass hier kein negativer Label auf Dresden geprägt wird."

Rund 40.000 Arbeitsplätze haben die in Silicon Saxony verbundenen Unternehmen in Dresden geschaffen, hinzu kommen rund 10.000 weitere Jobs in der Region, die dieser hoch sensiblen Branche zuzurechnen sind.

Größter Arbeitgeber in Dresden ist derzeit das in arabischem Besitz befindliche Halbleiterunternehmen GLOBALFOUNDRIES. 3700 Arbeitsplätze gibt es hier, gut acht Prozent der hoch qualifizierten Arbeitnehmer kommen aus der ganzen Welt, viele von ihnen sind Moslems.

Öffentlich möchte man sich hier nicht zur aktuellen Stimmung in der Stadt äußern. Der Investor setzt auf "Business as usual" und beobachtet aufmerksam die Lage am Standort.

Die Vorstandsriege der Unternehmen im Silicon Saxony macht sich derweil Gedanken, wie man mithilfe von Gesprächsangeboten an die ausländischen Arbeitnehmer und durch Aktionen, wie etwa Kulturfeste, Aufklärung und Werbung für die Ausländer in der Stadt fördern könnte.

"Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss Dresden attraktiv sein"

Man müsse dringend ins Gespräch kommen. Das fordert gleichfalls der Finne Kai Simons, der auch nach seiner Pensionierung hier an der Elbe geblieben ist und die Stadt liebt. Sein flammender Appell:

"Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss Dresden attraktiv sein! Attraktiv für alle, auch für Ausländer!!! (Jubel auf Neumarkt) Die Welt braucht uns, macht alle mit!"

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