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StartseiteKultur heuteBruce-Weber-Ausstellung "auf Eis gelegt"18.01.2018

Nach Vorwürfen der sexuellen BelästigungBruce-Weber-Ausstellung "auf Eis gelegt"

Nach Belästigungsvorwürfen gegen den US-amerikanischen Modefotografen Bruce Weber haben die Hamburger Deichtorhallen eine geplante Ausstellung vorläufig abgesagt. Mann wolle angesichts der Vorwürfe keine "Sensationslust" befriedigen, sagte der Kurator, Dirk Luckow, im Dlf.

Dirk Luckow im Gespräch mit Katja Lückert

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Der Fotograf Bruce Weber im Februar 2016 bei der Vanity Fair Oscar Party in Beverly Hills in Kalifornien (imago/Future Image)
Der Fotograf Bruce Weber im Februar 2016 bei der Vanity Fair Oscar Party in Beverly Hills in Kalifornien (imago/Future Image)
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Katja Lückert: In der Modebranche ist Weber ein Name. Er hat Anzeigen für Modefirmen wie Lagerfeld, Versace und andere gemacht. Legendär waren seine Anzeigen für Männerunterwäsche von Calvin Klein in den 80er-Jahren. Weber wurde nun am vergangenen Wochenende in der "New York Times" und später auch auf einer Branchen-Webseite vorgeworfen, er habe sich gegenüber verschiedenen männlichen Models während der Testaufnahmen sexuell übergriffig verhalten. Das ist der Anlass für das Museum, die seit drei Jahren geplante Fotoausstellung auf Eis zu legen. – Am Telefon erreichten wir heute Nachmittag den Intendanten des Hauses, Dirk Luckow. Ich habe ihn, bevor wir über die neuesten Auswirkungen von #Metoo redeten, auch gefragt: Was werden wir denn jetzt erst mal nicht sehen? Was hätte denn diese Ausstellung geboten?

Dirk Luckow: Wir wollten mal nicht das bekannte Bild von Bruce Weber, der eine Ikone der Modefotografie der 80er-Jahre geworden ist, zeigen, sondern den anderen Bruce Weber, der bei seinen Modeshootings weltweit gereist ist, und was ihn noch inspiriert hat zu seinem nuancenreichen fotografischen und auch filmischen Werk, was über die Modefotografie hinausreicht, durchaus, ja, fantastische künstlerische Seiten hat. Er hatte ja eine ganz eigene Ästhetik auch in den 80er-Jahren, die ich durchaus als minimalistisch bezeichnen würde, wo es natürlich auch um eine gewisse Freiheit mit dem Körperlichen geht, sich in Szene zu setzen und diesem Spannungsfeld. Aber über den thematischen Aspekt der Modefotografie hinaus, was er so für Entdeckungsreisen über Kultur und Menschen weltweit aufgenommen hat.

Lückert: In der "Süddeutschen Zeitung" war ja heute zu lesen, der Kurator der Ausstellung in Ihrem Haus, Ingo Taubhorn, sei sich nicht sicher, ob es richtig gewesen sei, nun auf die Ausstellung einstweilen zu verzichten. Warum? Lassen Sie uns doch bitte ein wenig an Ihren Überlegungen teilhaben.

"Es könnte es sein, dass die Werke unter zwielichtigen Bedingungen entstanden sind"

Luckow: Wir haben ja jetzt nicht die Ausstellung abgesagt. Das ist auch aus unserer Sicht extrem wichtig, dass wir das nicht getan haben. Wir haben sie auch nicht verschoben, sondern wir haben sie auf Eis gelegt. Das liegt natürlich daran, dass es nun mal diese Klage vor dem New Yorker Gericht wegen sexueller Belästigung Bruce Weber gegenüber gegeben hat. Er selber hat uns gegenüber seine Unschuld beteuert. Da wir aber ja nun nicht dabei gewesen sind und letztendlich nichts Sachdienliches zu den Vorwürfen beitragen können, wollen wir jetzt dann doch das Ergebnis dieser Gerichtsverhandlungen abwarten. Hätten wir es abgesagt, wäre es einer Verurteilung des Künstlers gleichgekommen. Gleichzeitig könnte es sein, dass die Werke unter zwielichtigen Bedingungen in der einen oder anderen Weise entstanden sind, und das wollen wir natürlich dann hier nicht in einer unterstützenden Weise zeigen.

Lückert: War es für Sie keine Option, die Bilder auszustellen und die Diskussion um sie gleich mit?

Luckow: So einfach ist es dann auch nicht, auch im Umgang mit dem Künstler. Man zeigt eine künstlerische Position, weil man komplett überzeugt von ihr ist. Man zeigt sie der Kunst wegen. Man möchte auch den Blick darauf natürlich frei gegenüber der Wahrnehmung dieser Bilder in einer künstlerischen Dimension erhalten. Wenn man das dann mit Diskussionen rechts und links, mit aktuellen Debatten tut, dann würde ja diese künstlerische Annäherung an das Werk total in den Hintergrund gedrängt werden, und letztendlich würde es dann mehr um die Sensationslust gehen als um die Kunst, und das wollten wir auf keinen Fall bedienen. Aber natürlich: Es ist eine schwierige Entscheidung. Wir haben es sehr intensiv diskutiert in unserem Team. Und letztendlich dadurch, dass es jetzt eine Anklage gegeben hat, sind uns da auch die Spielräume dann doch genommen worden, und jetzt müssen wir mal sehen, wie sich das entwickelt. Um eben, wie Sie das ja in Ihrer Frage auch andeuten, das Werk noch mal wieder getrennter vielleicht dann von der Person sehen zu können, muss da vielleicht dann auch ein bisschen Zeit verstreichen.

Lückert: Das kann aber dauern. Die Vorfälle, um die es hier geht, sind ja auch schon einige Jahre her, und solche Prozesse dauern dann auch.

"Wir haben es sehr intensiv diskutiert in unserem Team"

Luckow: Ja. Das kann lange dauern, wäre aber bei Kunst jetzt auch nicht total unüblich, dass Rezeptionen von Werken dann in Jahrzehnten sich entwickeln und nicht in Jahren.

Lückert: Auch gegen den Fotografen Mario Testino richten sich Vorwürfe. Wie betrachten Sie denn die Auswirkungen von #Metoo überhaupt auf die Kunst- und Ausstellungswelt? Wird es schwieriger, völlig unproblematische Ausstellungen zu konzipieren?

Luckow: Na ja, es wirft schon noch mal einen komplett neuen Blick auf die Kunstpraxis und auch auf die Modefotografie, auf den Umgang zwischen dem Fotografen und den Modellen, und sobald so eine Art Verdachtsmoment aufkommt, dass so ein Setting dafür da ist, um sich dem Modell sexuell anzunähern, hat das natürlich schon was ziemlich Zwielichtiges. Und ich glaube, so stand es auch in einer großen deutschen Tageszeitung heute, und das fand ich sehr interessant, dass die Verträge, die zwischen den Agenturen, den Fotografen und natürlich eingangs mit den Modellen ausgehandelt werden, solche Dinge, vorab vielleicht noch detaillierter klären können und sollten, wie es, glaube ich, schon geschieht, dass von vornherein die Bedingungen dann einfach noch klarer sind und dass dann am Ende für alle ein Stück weit deutlicher in den Voraussetzungen und in den Bedingungen geklärt ist, sich das zu vergegenwärtigen, so eine Art Reflektion, was passiert eigentlich im Studio, wie ist das Verhältnis von mir, dem Fotografen, dem Künstler zum Modell, wie bestimme ich, wie gehe ich damit um. Das sollte natürlich irgendwie eine freiheitliche Form untereinander sein.

Lückert: Dirk Luckow, Intendant des Hamburger Hauses der Photographie, über die Gründe, eine geplante Retrospektive des amerikanischen Fotografen Bruce Weber erst mal nicht zu zeigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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