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StartseiteBüchermarktNachdenken über Geist und Hirn04.08.2006

Nachdenken über Geist und Hirn

Psychoanalyse und Hirnforschung sind wie Feuer und Wasser. Nicht nur einfache Gegensätze, sondern Gegensätze, die einander ausschließen und bekämpfen. Die Analytiker beanspruchen für sich, die Kenner des Seelenlebens zu sein und werfen den Hirnforschern vor, mit der Suche nach den materiellen Grundlagen psychischer Zustände einen Irrweg beschritten zu haben. Die Neurowissenschaftler nun lehnen die psychoanalytischen Annäherungen an die Seele als unwissenschaftlich ab und werfen den Seelenärzten vor, dass man ihre Begrifflichkeiten, wie etwa das Unbewusste, nicht bestimmten Hirnarealen zuweisen kann.

Was man im Leben erfährt, hinterlässt eine Spur im Hirn.  (AP)
Was man im Leben erfährt, hinterlässt eine Spur im Hirn. (AP)

Und der Streit geht noch weiter: Neurobiologen sind der Ansicht, dass alles, was aus einem Menschen wird, bereits in den Genen eingeschrieben ist. Psychoanalytiker nehmen dagegen an, dass prägende Kindheitserlebnisse wesentlich für das Schicksal des Menschen verantwortlich sind.

Umso erstaunlicher ist es nun, dass sich mit Francois Ansermet und Pierre Magistretti ein Psychoanalytiker und ein Neurowissenschaftler zusammengetan haben, um gemeinsam der "Individualität des Gehirns" - so der Titel ihres Buches - nachzuforschen. Das Resultat ist ein knapp dreihundertseitiges, gut lesbares Werk. Dabei ist die Vereinigung auch auf stilistischer Ebene gelungen. Denn es liegt weder ein Dialogbuch vor, das die Gegensätze zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft weiter vertieft, noch eine jener oftmals ermüdenden Sammlungen, die bereits mehrmals veröffentlichte Aufsätze zu einem neuen Buch sampelt. Nein, hier haben sich ausgewiesene Kenner ihres jeweiligen Faches zusammengesetzt und gemeinsam über ein Thema meditiert. Angeregt wurde ihr Nachdenken durch die Entdeckung, dass die Nervenzellen im Gehirn nicht nur bestimmte Signale verarbeiten, sondern dass sich ihre Struktur durch die eingehenden Signale verändert. Diese Eigenschaft wird von den Hirnforschern Plastizität genannt:

" Diese Plastizität, von der man heute annimmt, dass die den Mechanismen des Gedächtnisses und des Lernens zugrunde liegt, ist für die Neurobiologie von grundlegender Bedeutung. Sie ermöglicht es, von einer starren Sicht des Nervensystems wegzukommen."

Ansermet, Professor für Psychiatrie und Magistretti, Professor für Neurowissenschaften - beide von der Universität Lausanne - nähern sich dem Phänomen der Plastizität zuerst aus Sicht der Hirnforschung und steigen beim Aufbau des Neurons ein. Diese sehr lesenswerten Passagen geben einen Überblick über den gegenwärtigen Kenntnisstand. Schematische Abbildungen machen die bis auf die Molekülebene herunterdeklinierte Struktur der Nervenzellen anschaulich und helfen dem Leser, die notwendige Vielzahl der Fachbegriffe zu verdauen. So wird man rasch vertraut mit den Dendriten, die Informationen von anderen Neuronen empfangen, dem Axon, das die Information weiterleitet und natürlich mit den Synapsen, den Kontaktzonen zwischen den Neuronen. Diesen Synapsen widmet sich das Buch besonders, denn hier hat das Phänomen der Plastizität seine neurobiologische Grundlage. Die mehr als hundert Milliarden Neuronen in unserem Kopf tauschen Informationen über ihre Synapsen aus. Jedes Neuron bildet etwa 10.000 solcher Synapsen aus, womit sich die unglaubliche Zahl von einer Billiarde Kontaktstellen ergibt, an denen lebhaft kommuniziert wird. Das Überraschende ist nun, dass sich die Erfahrungen des Individuums als elektrische und chemische Veränderungen im Kommunikationsprozess äußern. Die Art und Weise der Informationsverarbeitung im Gehirn ist also tatsächlich von den Wahrnehmungen und Erfahrungen des Individuums abhängig. Was man im Leben erfährt, hinterlässt eine Spur im Hirn.

" Die Regulationsmechanismen stellen Bedingungen für die Plastizität durch dauerhafte Modifikation der synaptischen Wirksamkeit her, die mit Lern- und Gedächtnisprozessen verknüpft sind, also mit der Bildung einer Spur im Nervensystem. Das Gehirn verfügt über Mechanismen, die die Wahrnehmung der Außenwelt ermöglichen, und über andere, die es gestatten, die Wahrnehmung in das Nervensystem einzugravieren und Erinnerungen zu bilden."

Wer nun etwa einwenden möchte, dass diese Erkenntnis trivial ist, da man ständig am eigenen Leibe erfährt, dass die gegenwärtige Wahrnehmung immer ein wenig im Schatten der vergangenen steht und man deswegen nicht tausenden und abertausenden Versuchstieren hätte Elektroden ins Hirn schieben müssen, der verkennt womöglich die Bedeutung der neuronalen Plastizität. Denn mit diesem Stichwort ist die Neurobiologie erstmals in der Lage, das Hirn nicht nur als eine Informationsverarbeitungsmaschine mit starren Strukturen zu beschreiben, sondern ein dynamisches Verständnis der Prozesse unter der Schädeldecke zu gewinnen. Die Wirklichkeiten fallen nun auch für die Neurobiologen auseinander: In eine äußere Wirklichkeit, die für alle gleich ist und in eine innere Wirklichkeit, deren Entstehung bis in die neuronalen Prozesse hinein verfolgt werden kann. So wird es nun möglich, die psychoanalytischen Begrifflichkeiten des Unbewussten auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Im Unterschied zwischen der äußeren und der inneren Wirklichkeit ist dann die Individualität eines jeden Gehirns zu erkennen. Damit öffnet sich prinzipiell auch der Weg hin zu einer neuronalen Analytik von Zwangshandlungen, Angststörung und anderen Neurosen. Wie das allerdings praktisch aussehen könnte und welche Erfolge eine solche Neuro-Psychoanalyse haben könnte - darüber ist bei Ansermet und Magistretti nichts zu lesen.

Überhaupt wird der Leser ein wenig ratlos aus dem Buch entlassen. Angekündigt war immerhin die Entfaltung eines neuen Paradigmas für die Hirnforschung. Da, so muss man resümieren, haben sich die Autoren die Latte dann doch ein wenig zu hoch gelegt. "Die Individualität des Gehirns" ist sicher kein Epoche machendes Buch, aber ganz sicher eine kenntnisreiche, fachübergreifende Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Plastizität, verbunden mit einer Aufforderung an Neurowissenschaften und Psychoanalyse, sich wieder die Frage nach dem biologischen Status des Unbewussten zu stellen. Für den interessierten Laien fällt dabei reichlich Material ab, mit dem er die Individualität seines eigenen Gehirns weiter steigern kann.

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