Montag, 11.12.2017
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Nachgelassene Schriften

Verlag ZuKlampen, 2 Bd., 176 u. 166 S., je DM 38,-

Nach der Selbstverständlichkeit der Kritik hat sich die Kritik der Selbstverständlichkeiten längst gegen ihre Protagonisten gewendet. Die Sprecherposition des kritischen Gesellschaftstheoretikers ist nicht länger der archimedische Punkt der philosophischen Auseinandersetzung. Die Kritische Theorie der "Frankfurter Schule" ist aus den akademischen Diskursen ebenso verschwunden wie aus den politischen. Auf den ersten Blick scheint heute nichts so unzeitgemäß zu sein wie eine Kritik des Kapitalismus im Medium ästhetischer Erfahrung und ästhetisch erfahrener Leiblichkeit. Insbesondere das Denken Herbert Marcuses läßt sich mit diesen Stichworten charakterisieren. Maulwurfsartig scheint seine Theorie dennoch fortzuleben. Gerade werden die auf fünf Bände angelegten Nachgelassenen Schriften Herbert Marcuses ediert - eine Sysiphosarbeit gegen den Zeitgeist, wie man meinen könnte. Der Lüneburger ZuKlampen Verlag, in dem die Ausgabe erscheint, ist solche Arbeit gegen den Zeitgeist gewöhnt. Gegenüber dem akademischen Mainstream nimmt er sich mit seinen Bemühungen um die Kritische Theorie der Frankfurter Schule aus wie das kleine gallische Dorf im römischen Imperium.

Johan Hartle

Allerdings scheint es auf den zweiten Blick, als wurde der gesellschaftskritische Impetus der Kritischen Theorie, im neuen Licht einer Kritik der Globalisierung, eine Wiederbelebung erfahren. Blickt man über die Grenzen der deutschen Rezeption hinaus, so meint immerhin der Herausgeber der Nachgelassenen Schriften Marcuses, Peter-Erwin Jansen, so lasse sich ein merkliches Interesse an Kritischer Theorie beobachten:

"Eine Renaissance von Marcuse, ja vielleicht gibt es eine Renaissance von Marcuse, vielleicht von den alten kritischen Theoretikern überhaupt, wenn man die als Gruppe bezeichnen will, als solche, wozu ich auch Ernst Bloch und nicht nur die Frankfurter Schule rechnen würde - vielleicht sogar ein bißchen Hannah Arendt - die Renaissance ist durchaus angelegt. Sie findet vielleicht eher statt in den sagen wir lateinamerikanischen Ländern. Dort wird Marcuse gelesen als Kritiker des globalen Kapitalismus, eine sehr spannende These, wie ich meine, denn es ist nicht mehr nur die spätkapitalistische Gesellschaft, wie sie Marcuse in der Entwicklung der amerikanischen oder der westlichen Demokratien gesehen hat; vielmehr hat sich mittlerweile der Kapitalismus globalisiert"

Als politischer Intellektueller hat Marcuse vor allem zur Zeit der Studentenbewegung eine entscheidende Rolle gespielt. In den "Nachgelassenen Schriften" steht der Gesellschaftskritiker Marcuse auch am Anfang. Band 1, "Das Schicksal der bürgerlichen Demokratie", gehört dem politischen Philosophen und Intellektuellen. Nun liegt Band 2 der "Nachgelassenen Schriften" vor. Er ist den ästhetischen Schriften des Nachlasses gewidmet. "Kunst und Befreiung" ist der programmatische Titel. Die Verbindung von Kunst und Politik, Ästhetik und Sozialphilosophie, rückt beide Bände in einen engen Zusammenhang, rückt sie zumal ins Zentrum der theoretischen Bemühungen Marcuses überhaupt. Insbesondere der zweite Band ist auch für Überraschungen gut. Er zeigt neben den Grundlagen auch verborgene Nebengleise der theoretischen Arbeit Marcuses an. Der Herausgeber Peter-Erwin Jansen hebt hervor:

" An dem Material, was jetzt zur Veröffentlichung gelangt ist, lässt sich gut nachvollziehen, wie Herbert Marcuse seine Kategorien in den Hauptwerken entwickelt hat. Das zu zeigen war zumindest meine Absicht. Nehmen wir z.B.den Band, "Kunst und Befreiung", der gerade erschienen ist. Dort wird zum ersten mal klar, daß Marcuse sich sehr stark auch mit der Popmusik, der amerikanischen Popmusik auseinandergesetzt hat."

Marcuses Äußerungen zur "black music" dürften auch den eingeweihten Leser überraschen. Da spricht ein Siebzigjähriger über "Klangbewegungen", die sich direkt in "Körperbewegungen" übertragen, lobt die "freudige Rebellion" und "Ausgelassenheit", die sich in der halbsubversiven Popkultur der späten sechziger und siebziger Jahre ihren Ausdruck geschaffen haben. In dieser Deutlichkeit waren solche Äußerungen von Marcuse nicht zu erwarten gewesen. Sie bleiben auch in dem neuen Band nicht widerspruchsfrei. Der Nachlaßband über "Kunst und Befreiung" eröffnet die Widersprüche der ästhetischen Schriften Herbert Marcuses und wird so zu einer interessanten Fundgrube. Einerseits von den Rhythmen der "black music" buchstäblich bewegt, zeigt sich Marcuse in den versammelten Aufsätzen andererseits als der väterliche Mahner, ohne jedes Verständnis für die ready-mades Marcel Duchamps, als Anwalt einer traditionellen Kunst sinnlichen Scheins. Traditionelle ästhetische Kategorien treffen auf eine politisch motivierte Affinität zur jugendlichen Revolte. Peter-Erwin Jansen kennzeichnet Marcuses Ästhetik entsprechend als eine Ästhetik des Spannungsverhältnisses:

"Ich glaube, Marcuse ist ein Ästhet des Spannungsverhältnisses und zwar der Spannungsverhältnisse in zwei Richtungen. Auf der einen Seite sieht er die Dynamik der Massenkultur, daß Kultur auch Massen erfassen kann. Er steht dem kritisch gegenüber. Auf der anderen Seite schätzt er sehr stark die Hochkultur, die Ästhetik, wie sie in der klassischen Musik, in der bürgerlichen Literatur angelegt ist. Aber er versucht, in dieser Spannung zu philosophieren, in dieser Spannung ästhetische Kategorien zu finden. Ganz anders als Adorno z.B., der sehr stark geneigt war, die klassische Kunst zu favorisieren gegenüber einer Massenkultur."

Neben den in dieser Deutlichkeit ungeahnten Äußerungen Marcuses zu Massenkultur und Popmusik hält "Kunst und Befreiung" noch einige weitere Überraschungen parat. Die Aufsätze des Bandes erscheinen zum ersten Mal, einige zumindest zum ersten Mal in deutscher Sprache. Der Band präsentiert ein entlegenes Gedicht Samuel Becketts, das dem 80. Geburtstag Herbert Marcuses gewidmet war und enthält als Faksimile den kleinen Briefwechsel zwischen Marcuse und Beckett, der sich dem Gedicht angeschlossen hatte.

Durch die gründliche Einleitung kann der Band auch als Hinführung zu Herbert Marcuse gelesen werden. In der Einleitung werden sowohl wichtige Hinweise zur Rezeptionsgeschichte gegeben, als auch der politische Hintergrund der Philosophie Marcuses reflektiert.

Dass Marcuses Ästhetik immer von der Bemühung getragen ist, Orte der politischen Revolte aufzuspüren, kann dem Leser nicht verborgen bleiben. Als Sprachrohr politischer Interessen will Marcuse die ästhetische Praxis jedoch nicht verstanden wissen. Der vielleicht schönste der versammelten Aufsätze, Marcuses Bemerkungen zu Louis Aragon, verdeutlicht diese Beziehung von Ästhetik und Politik. Die sensible These Marcuses, Kunst bleibe "politisch wahr" allein als das widerborstige Andere der Politik, beschreibt Kunst als Verkünderin der gesellschaftlichen Utopie. Das Glücksversprechen der Kunst motiviert den politischen Philosophen Marcuse zu einer zarten Kritik der Politik.

Die erschienenen Bände der "Nachgelassenen Schriften" Marcuses sind sowohl für den politisch als auch für den ästhetisch Motivierten eine Einladung zur Gratwanderung. Mit etwas Bereitschaft zur Nostalgie wird keiner von beiden es bereuen, sie angenommen zu haben.

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