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StartseiteCorso"Designer beschäftigen sich mit der Materialität"29.01.2018

Nachhaltiges Design"Designer beschäftigen sich mit der Materialität"

Wie aus vermeintlich Nutzlosem wieder Nützliches werden kann, zeigen Designer im Museum Marta in Herford. Die besten Ideen wurden dort mit dem Recycling Designpreis ausgezeichnet. "Kreislaufdenken ist kulturell ganz tief verwurzelt", sagte Marta-Direktor Roland Nachtigäller im Dlf.

Roland Nachtigäller im Corsogespräch mit Sören Brinkmann

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Der Teppich von Sep Verboom besteht aus Plastikseilen aus dem Meer - hier hängt er an einem Pfahl am Strand  (Sep Verboom, ROPE rug / Foto: Aaron Lapeirre)
Ein Teppich aus Plastikmüll - das Werk von Designer Sep Verboom könnte in mehrerlei Hinsicht wegweisend sein (Sep Verboom, ROPE rug / Foto: Aaron Lapeirre)
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Sören Brinkmann: Wenn aus alten Plastikplanen Regenjacken werden oder wenn drei Surfbretter so zusammengebaut werden, dass es einen Picknick-Tisch ergibt oder wenn ein alter Fußball jetzt als Obstschale dient – dann sind da weggeworfene Dinge so gut nutzbar gemacht worden, dass sie preiswürdig sind. Findet jedenfalls die Jury des Recycling-Designpreises. Der wurde gestern Abend zum achten Mal vergeben, im Museum Marta in Herford. Die Preisverleihung war gestern gleichzeitig auch Ausstellungseröffnung – bis Ende April sind nämlich im Marta ein paar Dutzend Entwürfe zu sehen. Und mit dem künstlerischen Direktor des Marta habe ich aus Termingründen vor der Preisverleihung gesprochen und gefragt: Wenn aus so viel vermeintlich Nutzlosem so viel Nützliches wieder werden kann, gibt es dann überhaupt nutzlose Dinge?

Roland Nachtigäller: Das ist eine gute Frage und die führt eigentlich auch schon mitten in die Thematik hinein, weil natürlich auch im Rahmen der Entwicklung historischer Art sich diese Perspektive verändert hat. Wenn man in den ersten Jahren auch des Recycling-Design-Preises von Recycling gesprochen hat, dann ging es eher so darum: Wie kann man etwas, was man jetzt wahrscheinlich in die Mülltonne werfen würde, noch mal anders verwenden? Und mittlerweile hat sich der Blick doch auf das, wie man recycelt und ob das dann vielleicht sogar Upcycling ist, sehr, sehr ausdifferenziert. Man guckt viel stärker darauf: Welche Kreisläufe gibt es eigentlich? Stört man die möglicherweise auch? Was passiert mit einem Recyclingprodukt, wenn man das dann wieder wegwirft? Wie sind bestimmte Materialien eigentlich im Einsatz, wo kommen die her? Und so weiter. Also, das ist eine relativ ausdifferenzierte Diskussion mittlerweile geworden.

"Der verborgene Sinn"

Brinkmann: Das heißt, ausdifferenziert in der Fachwelt oder in der Kulturwelt?

Nachtigäller: Ich würde sogar sagen, eher kommend von der Wissenschaft, oder dann eben auch speziell von den Designern. Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass es viel mehr Einreichungen gibt, die eigentlich eher eine Materialforschung sind als dass sie jetzt so einfach irgendein Objekt präsentieren. Das heißt, junge Designerinnen und Designer beschäftigen sich tatsächlich mit der Materialität von entweder Weggeworfenem oder aber von Überresten und schauen sich an: Was ist das und wie kann man daraus noch neue Perspektiven und Produkte machen, sodass das alles eher in Kreisläufen gedacht wird? Und nicht einfach nur so: Wir haben da jetzt einen Kronkorken, der ist übrig geblieben und da kann man jetzt noch was mit machen.

Brinkmann: Und insofern den verborgenen Sinn in weggeworfenen Dingen suchen, das schreiben Sie auch. Was ist denn dieser "verborgene Sinn"?

Nachtigäller: Der verborgene Sinn ist natürlich etwas sehr Vielfältiges und kann sich auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise manifestieren. Wir können da von Materialien reden, die man irgendwo findet und dann tatsächlich einfach weiterverwenden kann. Man kann aber auch sehen, dass es bestimmte Produkte gibt, die in sehr großer Menge weggeworfen werden, zum Beispiel Plastikflaschen. Und dann schauen: Haben die nicht eine eigene Ästhetik, aus der man etwas machen kann? Das ist im Grunde das klassische Recycling-Design, so wie wir auch angefangen haben. Der Klassiker ist immer irgendeine Art Lampenkonstruktion aus einem durchsichtigen Material, gerne eben auch aus Plastik, was dann plötzlich sehr viel wertiger aussieht als das Wegwerfprodukt.

Künstlerische Fragestellungen

Brinkmann: Wenn man auf die Beispiele aus den zurückliegenden Jahren guckt, die Preisträger: Da gab es zum Beispiel eine Lampe aus recyceltem Holz und Metall oder Sitzmöbel aus alten Tennisbällen, die in einem Netz zusammen verwoben waren. Das heißt, es zeigt sich eine ganz große Bandbreite auch.

Nachtigäller: Richtig. Und es ist auch ein Teil unserer Jurytätigkeit, uns damit auseinanderzusetzen und teilweise brauchen wir eben auch die Unterstützung von Experten von außen, ob die Materialien, die dort verwendet werden für so einen Entwurf tatsächlich zur Verfügung stehen. Also, gibt es Tennisbälle in so großer Menge, dass man jetzt wirklich zum Beispiel auch an eine Serienproduktion denken kann, und so weiter.

Wir haben noch länger mit Roland Nachtigäller gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Brinkmann: Das sind nun so wirtschaftliche Überlegungen – Sie haben eben gesagt, dass es viel Einfluss auch von der Materialwissenschaft her gibt. Was hat das Ganze dann in einem Museum zu suchen?

Nachtigäller: Unsere Designausstellungen sind immer mit der Frage verbunden, was sind das für Objekte? Warum sind sie so gestaltet, wie sie sind? Und was sagt das auch über unsere Alltagsrealität aus? Und das ist eine sehr künstlerische Fragestellung ans Design und das zeichnet das Marta Herford auch aus.

Ein Teppich aus Müll

Brinkmann: Wer sind die Preisträger in diesem Jahr?

Nachtigäller: In diesem Jahr haben wir als ersten Preis einen Teppich, der, wenn man ihn erst mal so in der Ausstellung sieht, relativ unspektakulär daherkommt. Und man fragt sich so ein bisschen: Was war jetzt da das wahnsinnig Aufregende dran? Tatsächlich ist es aber so, dass es da um Wirtschaftskreisläufe geht und vor allen Dingen auch um Meeresverschmutzung. Es ist ein Teppich, der aus Seilen, die aus dem Schiffszusammenhang stammen, gefertigt worden ist – und zwar nicht Seilen, die irgendwo gekauft worden sind, sondern die tatsächlich im Meer schwimmen, Plastikseile, die ein Teil dieses großen Plastikproblems sind, das wir in den Weltmeeren haben. Und sie werden gezielt in den Philippinen gesammelt, wie sie dort angeschwemmt werden, und eben dann zu Teppichen verwebt, die sehr robust sind, die so eine ganz eigene Farbigkeit mitbringen und die tatsächlich auch für die Menschen dort vor Ort eine neue Perspektive eigentlich einer Wirtschaftlichkeit eröffnen können. Das Ganze wird angeleitet von einem belgischen Designer, der das Ganze entwickelt hat und der sich aber eben viel weniger damit beschäftigt hat, jetzt einen besonders raffinierten und originellen Teppich herzustellen, sondern eher zu schauen, wie kann man tatsächlich ein Müllproblem, was uns sehr stark belastet, mit einer Wirtschaftsfrage für eine arme Bevölkerung so kombinieren, dass ein Produkt rauskommt, was tatsächlich auch verkäuflich ist.

Das Werk "Shards" von Lea Schücking, Fliesen aus Ziegel und Altglas  (Lea Schücking / Shards )Aus alten Ziegeln und Altglas entstehen bei Lea Schücking neue Fliesen (Lea Schücking / Shards )

Brinkmann: Das ist ein Beispiel – haben Sie noch andere Beispiele? 

Nachtigäller: Es gibt eine junge Designerin – die hat zwar jetzt noch keinen Preis gewonnen, aber die hat sich damit beschäftigt, was eigentlich passiert mit der ungeheuer großen Menge an Knochen, die in der industriellen Fleischproduktion anfallen. Und tatsächlich ist das einer dieser klassischen Materialforschungsansätze, wo man mal schaut: Was wurde zum Beispiel auch kulturhistorisch, schon vor vielen Hundert Jahren, aus Knochen gefertigt? Und kann man aus diesen Produktionsprozessen lernen? Kann man da auch neue Produkte für uns entwickeln und insofern dann eben auch einen ganz eigenen Umgang mit Materialitäten oder so schaffen?

Recycling als historisch-menschliche Grundkonstante

Brinkmann: Wenn Sie das so sagen, ist dann Recycling eine zutiefst menschliche kulturelle Tätigkeit? Wenn man eben an die Neandertaler denkt, die schon Tierknochen zu Waffen umfunktioniert haben oder auch dieser ganze Zyklus als religiöses Motiv – oder ganz natürlich, in Folge von Tag und Nacht. Ist dann Recycling etwas, was zutiefst zu unserem Alltag, zu unserem menschlichen Sein dazugehört?

Nachtigäller: Also, ich würde sagen, man kann da jetzt sehr politisch werden und einfach sagen, dass im Grunde Recycling erst in dem Moment so ernst notwendig wurde, als wir in kapitalistischen Zusammenhängen angefangen haben zu denken. Denn Kreislaufdenken ist eigentlich kulturell ganz tief verwurzelt – und ganz viele Produktionszusammenhänge, die noch vor 200 Jahren stattgefunden haben, haben immer damit gearbeitet: Was ist eigentlich noch vorhanden? Wie kann ich aus einem Objekt, was so nicht mehr funktionsfähig ist, etwas Neues fertigen? Und erst im 20. Jahrhundert, als wir in eine Wegwerfgesellschaft gekommen sind, die darauf aufbaut, dass wir möglichst mehr und mehr Neuprodukte kaufen, sind wir ja überhaupt erst auf dieses Thema neu gestoßen worden. Und wenn wir jetzt uns anschauen, zum Beispiel der zweite Platz, der aus alten Ziegelsteinen, die zum Beispiel auf Abbruchbaustellen in großen Massen anfallen, zusammen mit Glas ganz wunderschöne neue Kacheln fertigt, dann würde ich vermuten, dass man da vor 100-150 Jahren gesagt hätte: Wieso? Das haben wir immer schon so gemacht? Man schmeißt keine Steine weg, sondern die kann man auf jeden Fall noch mal wiederverwenden.

Brinkmann: Ein ganz altes Vorgehen, sozusagen?

Nachtigäller: Ja.

Brinkmann: Im Museum Marta in Herford sind die Entwürfe des 8. Recycling-Designpreises zu sehen. Und darüber habe ich gesprochen mit dem künstlerischen Direktor des Marta, Roland Nachtigäller. Vielen Dank für das Gespräch!

Nachtigäller: Ihnen auch vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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