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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Wettbewerb als eines der genialsten Entmachtungs-Instrumente"11.01.2016

Nachlass von Walter Eucken"Wettbewerb als eines der genialsten Entmachtungs-Instrumente"

Walter Eucken gilt als ein Vordenker der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Nun wird sein Nachlass veröffentlicht. Lars Feld, Leiter des Walter Eucken Instituts, hofft auf viel Unbekanntes - und beschreibt den Einfluss seiner Theorien bis in die heutige Zeit.

Lars Feld im Gespräch mit Birgid Becker

Lars Feld, Wirtschaftsweiser und Leiter des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Lars Feld, Wirtschaftsweiser und Leiter des Walter-Eucken-Instituts in Freiburg. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)

Birgid Becker: Wissenschaftler aus Freiburg und Jena - so gab heute das Walter Eucken Institut bekannt - werden den Nachlass des Wirtschaftsprofessors unter die Lupe nehmen und im Laufe der nächsten Jahre veröffentlichen. Walter Eucken, Vordenker der sozialen Marktwirtschaft wird er genannt, Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus war er - eine ganz gut erschlossene Person der Zeitgeschichte, möchte man meinen. Damit einen guten Tag an den Leiter des Walter Eucken Instituts. Guten Tag an Lars Feld.

Lars Feld: Guten Tag!

Becker: Walter Euckens Nachlass - was ist da an Neuem zu erwarten? Was gibt es, was man noch nicht über ihn weiß?

Feld: Eine so gut erschlossene Person der Geschichte ist Walter Eucken leider noch nicht. Der Nachlass wurde ja erst vor wenigen Jahren überhaupt an die Universität Jena übergeben. Und nach den ersten Sichtungen ist uns klar, dass sehr viel Unbekanntes und Unveröffentlichtes noch in diesem Nachlass schlummert. Walter Eucken war ja bekannt dafür, dass er mit Widerstandskreisen während der Zeit des nationalsozialistischen Regimes in Verbindung stand. Und diese Kontakte, sein Wirken dahin gehend ist relativ wenig beleuchtet.

Becker: Noch einmal zur Person Walter Eucken. Anfang der 1930er-Jahre gründete er als einer von dreien die Freiburger Schule. 1933 dann wurde Martin Heidegger Rektor an der Freiburger Universität. Es wurde eine nationalsozialistische Universitätsverfassung eingeführt. Zugleich begann die Juden-Verfolgung im Wissenschaftsbetrieb. Eucken wurde mehrfach von der Gestapo verhört, aber nicht verhaftet. Ihnen ist es nun wichtig, zu betonen, dass er ein erklärter Gegner des NS-Regimes war, was durch den Nachlass noch untermauert werden soll. War das denn bislang so strittig?

Feld: Seine Opposition gegenüber den Nationalsozialismus beleuchten

Feld: Nein, strittig war es bisher nicht. Aber die Facetten seines Denkens, seiner Opposition gegenüber dem Nationalsozialismus, die sind uns weitgehend unbekannt geblieben. Es ist wenig bekannt geworden, wie es Walter Eucken in die sogenannten Freiburger Kreise zog, wie seine Verbindungen zur bekennenden Kirche waren. Und wie es ihm gelang, bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, obwohl er in gewisser Weise ja schon im Heideggerschen Rektorat exponiert war, trotzdem unversehrt zu bleiben.

Becker: Oder schürt gerade das Vorbehalte, wenn man sich vor Augen führt, dass ihm nahestehende Ökonomen das Exil gewählt hatten, Wilhelm Röpke etwa, und Eucken ja auch publizieren konnte in diesen Jahren? Auch das Buch "Nationalökonomie wozu?", das wurde erst 1938 in der zweiten Auflage verboten.

Feld: Ja. Bei Röpke und Rüstow haben wir ja ganz unterschiedliche Biografien, die zunächst mit Eucken selber nichts zu tun haben. Walter Eucken war wohl eine sehr resolute Persönlichkeit, hoch angesehen in seiner Zeit. Und hatte eine ganze Reihe von Eigenschaften, die es ihm vermocht haben, in gewisser Weise sich aus dieser schwierigen Lage im Nationalsozialismus herauszuhalten. Er wurde nicht verfolgt bis in die 40er-Jahre hinein. Ab 1944 nach dem 20. Juli, nach dem Attentat gehörte er zu denen, die auch von der Gestapo verhört wurden. Und war dann einer derjenigen, die frei kamen nach diesem Verhör. Offensichtlich hat er sich darin relativ gut geschlagen.

Becker: Wenn wir Walter Eucken und sein Konzept vielleicht auf eine Formel bringen wollen, dann ist das das Konzept einer ökonomischen Machtminimierung vor allem durch Wettbewerb. Wäre das die richtige Formel?

Feld: Wirtschaftspolitik lag ihm am Herzen

Feld: Vor allen Dingen die Wettbewerbspolitik lag ihm ja am Herzen. Er wollte Macht in der Wirtschaft und dann noch im Weiteren die Freiburger Schule mit Franz Böhm und anderen Macht in der Politik begrenzen. Der Missbrauch von Macht sollte eingedämmt werden. Dazu schlug er im Unterschied zum klassischen Liberalismus vor, dass der Staat über die Wettbewerbspolitik in den Markt eingreifen solle, auf diese Art und Weise also Rahmenbedingungen für die Märkte bereitstellen solle, damit der Wettbewerb tatsächlich spielen kann. Böhm und Eucken hatten die Vorstellung, dass der Wettbewerb eines der genialsten Entmachtungsinstrumente überhaupt sei.

Becker: Das zentrale Missverständnis ist dann doch wohl, dass man aus Euckens Werk ein Plädoyer herausliest für eine Politik des Laufenlassens ökonomischer Prozesse, also für eine Politik des Laissez-Faire. Das ist es aber nicht?

Feld: Das ist es nicht. Das hat sehr viel mit der Begriffsverwirrung zu tun, die es um den Begriff des Neoliberalismus gibt. Der Neoliberalismus geht von seiner Wortschöpfung her zurück auf die Ordoliberalen, die damit in den 30er-Jahren die Abgrenzung vom klassischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts vornehmen wollten. Das Konzept ist aber in den 70er-Jahren, Ende der 70er-, Anfang der 80er spätestens in der aktuellen Diskussion, die es damals gab, als reine Marktwirtschaft missverstanden worden.

Becker: Auf der anderen Seite diese segensreiche Wirkung des Wettbewerbs, das hat sich doch in der Tat entzaubert.

Feld: Ich sehe nicht, wieso Sie von Entzauberung in der Hinsicht sprechen. Wir haben ja, was die Wettbewerbspolitik anbetrifft, in den Jahrzehnten, die es seit dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen in Deutschland gegeben hat, auch in der Wettbewerbspolitik auf der europäischen Ebene relativ viel erreicht, um den Wettbewerb in den Märkten sicherzustellen. Ob das nun die Sanktionierung von Kartellabsprachen sind, die Untersagung von Fusionen, die zu marktbeherrschenden Stellungen führen würden. Oder sogar Zerschlagungen, wenn marktbeherrschende Stellungen entstanden waren, ist relativ viel passiert. Man muss allerdings auch sagen, dass sich das Wettbewerbskonzept im Zeitablauf gewandelt hat. Diese 60, 70 Jahre Wirtschaftstheorie sind ja nicht spurlos an der Realität vorbeigegangen. Die Vorstellung von Eucken und seinen Mitstreitern, dass man einen perfekten Wettbewerb brauche, die teilt heute keiner mehr. Man kann sehr wohl auch in oligopolistischen Märkten Wettbewerb haben, wenn wenige Unternehmen miteinander konkurrieren. Es muss nicht unbedingt eine große Zahl von atomistischen Strukturen sein. Und was ebenfalls eine Rolle spielt, das ist die Bestreitbarkeit von Märkten, welche Markteintrittsbarrieren gibt es.

Becker: Eins zum Schluss. Ich habe das Schlagwort erwähnt vom Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, dieses Etikett für Walter Eucken mit diesem ganz großen Griff über die Jahrzehnte hinweg. Was lässt sich an der Marktwirtschaft dieser Tage noch von Eucken wiederfinden, oder wieviel Eucken steckt noch in der Marktwirtschaft nach der Jahrtausendwende?

Feld: Viel Einfluss auf die Preisfreigabe durch Ludwig Erhard

Feld: Der entscheidende Schritt damals, der die Verbindung mit Walter Eucken herstellte, war die Stärkung des marktwirtschaftlichen Elements in dieser Formel soziale Marktwirtschaft. Er hatte über einen Schüler, Leonhard Miksch, relativ viel Einfluss auf die Preisfreigabe, die Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg vornahm, die eine wesentliche Voraussetzung für das Wirtschaftswunder war, einfach durch die Stärkung des marktwirtschaftlichen Elements. Wenn man allerdings aus der heutigen Sicht auf das Euckensche Werk schaut, dann sticht vor allen Dingen hervor, was er in seinen Grundsätzen der Wirtschaftspolitik aufgeschrieben hat, die sogenannten konstituierenden Prinzipien der Wirtschaftspolitik. Dazu gehört beispielsweise das Haftungsprinzip, ein Thema, das uns seit der Finanzkrise massiv umtreibt. Dazu gehört das Primat der Währungspolitik. Darunter verstand er die Sicherung der Geldwertstabilität. Auch das diskutieren wir permanent im Zuge der heutigen Geldpolitik. Und was ebenfalls sehr wichtig ist, das ist die Konstanz der Wirtschaftspolitik, die in Deutschland eine wichtige Rolle spielt. Wir haben ja in diesem Lande das Glück, doch relativ konstante Rahmenbedingungen immer wieder über die verschiedenen Regierungswechsel hinweg zu haben. Wir haben also nicht wie in Italien alle paar Jahre einen Regierungswechsel gehabt in den vergangenen 60 Jahren und das ist sehr wichtig, um zu einem gedeihlichen Wirtschaften in diesem Land zu kommen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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