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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus03.06.2010

Nachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus

Tagung an der TU Darmstadt zu Kultur und Ökonomie

Wenn in wirtschaftlich besseren Zeiten von "Kultur und Ökonomie" die Rede war, dann ging es um die Frage, wie die Wirtschaft die Kultur unterstützen könne. Heute kommt etwas ganz anderes dabei heraus - zum Beispiel die neue Kultur der Ökonomen.

Von Reinhard Lauterbach

Nur wenige Akteure sind bereit, eigene Fehler für das Desaster auf den Finanzmärkten einzugestehen. (AP)
Nur wenige Akteure sind bereit, eigene Fehler für das Desaster auf den Finanzmärkten einzugestehen. (AP)

Nachrichten aus der Innenwelt des Kapitalismus waren am Wochenende versprochen, als sich Soziologen von deutschen, österreichischen und norwegischen Hochschulen in Darmstadt versammelten. Das Thema ist natürlich ein weites Feld, und auch unter Innenwelt kann man ganz verschiedene Sachen verstehen. Sighard Neckel aus Wien etwa präsentierte die Ergebnisse von Tiefeninterviews mit Bankern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den ersten Monaten der Finanzkrise.

"In unseren Gesprächen, die wir geführt haben in Zürich, Wien und Frankfurt, hat sich herausgestellt, dass nur ganz wenige Akteure tatsächlich bereit sind, eigene Fehler, eine eigene Verantwortung für das Desaster auf den Finanzmärkten einzugestehen, dass vielfach die Schuld nach außen gegeben wird und erstaunlicherweise immer noch das Gefühl vorherrscht, dass man sich nichts vorzuwerfen hat und im Grunde alles richtig gemacht hat."

Entsprechend trägt das Buch, das Neckel und seine Kollegen über ihr Projekt geschrieben haben, auch den Titel "Strukturierte Verantwortungslosigkeit". Zu einem guten Teil macht der Wiener Forscher aber die Politik dafür verantwortlich, dass die Banker schon nach kurzem Erschrecken wieder Oberwasser bekommen hätten:

"Paradoxerweise hat die Politik dann eben dazu geführt, dass dieses Selbstbewusstsein sich in kürzester Zeit wieder aufbauen konnte. Indem nämlich die Politik nach der Losung 'too big to fail' die systemrelevanten Banken alle gerettet hat, haben die Politiker den Bankern ihre Unverzichtbarkeit signalisiert und haben genau das bestätigt in ihrem Handeln, was schon auch vor der Krise häufig in das Kalkül hochspekulativer Strategien einbezogen war."

Neckel brachte aber nicht nur Licht ins Denken der Banker über ihr eigenes Tun, sondern auch darüber, wie diese Schicht offenbar über den Rest der Welt denkt. Ihm sei verschiedentlich von Plänen berichtet worden, im Winter 2008 die Bevölkerung von der Bargeldversorgung abzuschneiden, um das Geld in den Banken zu halten:

"Ich habe es selbst gehört von österreichischen Bankern und von österreichischen Bankinstituten und dann aber auch nachlesen können, dass dies auch jetzt in der Gegenwart wieder Überlegungen deutscher Bankinstitute sind: weil man nicht genau weiß, was sich aus der Krise des Euro noch entwickeln wird."

Michael Hartmann von der TU Darmstadt demontierte in seinem Vortrag die gern vertretene These, die Spitzenmanager seien eine weitgehend internationale Schicht ohne nationale Bindungen. Im Gegenteil seien Ausländer in den Vorständen von Großunternehmen weltweit die Ausnahme: selbst im vergleichsweise stark internationalisierten Finanzsektor.

"Der Finanzbereich ist sicherlich der offenste, aber es gibt zum Beispiel Untersuchungen über deutsche Banker in der Londoner City, die feststellen, dass diejenigen, die da zehn, 20 Jahre tätig sind, fast alle in einem einzigen kleinen Wohnbezirk wohnen, weil man dort untereinander ist, weil man eine deutsche Schule hat. Insgesamt ist meine Feststellung, dass man von einer Transnationalisierung oder gar von der Herausbildung einer transnationalen Wirtschaftselite nicht sprechen kann."

Hartmanns Fazit: Der internationale Arbeitsmarkt für Spitzenkräfte werde von den Managern beschworen, um das eigene Gehalt in die Höhe zu treiben. Es gebe diesen Arbeitsmarkt aber in Wahrheit nicht; er sei ein Konstrukt der Selbstbegünstigung für das oberste Management, das sich gegenseitig Spitzengehälter genehmige.

Weiter unten sieht die Welt bekanntlich weniger gemütlich aus. Rudi Schmiede von der TU Darmstadt referierte über die zur Volkskrankheit gewordene Depression. Auf fünf bis sechs Millionen Menschen, also sieben bis acht Prozent der Bevölkerung, schätze die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Depressiven in der Bundesrepublik.

"Es wird aber geschätzt, dass von den Erwerbstätigen gut 25 Prozent, also ein gutes Viertel, schon einmal eine depressive Episode gehabt hat, und die Mehrheit dieser gut 25 Prozent werden der Prognose nach bzw. dem statistischen Durchschnitt nach auch Wiederholungsfälle erleiden."
Auswege aus dieser Situation zu benennen, tat sich Schmiede schwer; vielleicht könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen den Druck lindern, den der Zwang zur Selbstvermarktung auf viele Arbeitnehmer und Freiberufler ausübe.

Cornelia Koppetsch, ebenfalls aus Darmstadt, skizzierte die Veränderungen, die die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Reformen in der Kultur- und Hochschullandschaft verursacht habe. Sie diagnostizierte nicht weniger als einen Strukturwandel der geisteswissenschaftlichen Intelligenz. Neben die Fachleute alten Stils sei die neue Schicht der Kreativen getreten: geübt in der Kunst, sich zu vermarkten und bei der Selbstvermarktung den Glauben an sich selbst zu behalten:

"Die haben einen sogenannten Auftrag für sich selbst, sie wollen also gute Kultur vermitteln, sie betrachten sich als expressive Elite, die das, was sie vermittelt, nicht nur darreicht, sondern es selbst verkörpert. Das heißt, sie wollen selber schick sein oder hip sein und ästhetisieren auch ihre eigene Arbeitskultur. In den Werbeagenturen beispielsweise ist das zu beobachten. Und in dieser Weise kann man sagen, dass sie an das glauben, was sie tun."

Und diese Spezies, so Koppetsch, gewinne nicht nur in anwendungsorientierten Bereichen wie der Werbewirtschaft an Raum, sondern auch an den Hochschulen:

"Es gibt diesen alten Typus des Fachgelehrten, wenn man jetzt mal die Wissenschaft nimmt, sehr wohl noch, aber es gibt eben auch den neuen Typus des Popgelehrten, der sich präsentiert, der sich verkaufen kann, der über Ausstrahlung verfügt. Und dieser neue Typus ist meines Erachtens auf bestimmte Mechanismen, die jetzt in der Wissenschaft auch eine Rolle spielen wie die Frage: Wie mache ich die Öffentlichkeit auf mich aufmerksam, wie gewinne ich Gelder, die ich der Universität dann auch zuführen kann, besser vorbereitet als die alten Fachgelehrten, die diese Form des Sich-Verkaufens nicht beherrscht haben."

Ein Beispiel dieses Gelehrtentyps war auf der Tagung live zu erleben: Kornelia Hahn, lange Zeit Inhaberin einer nach einem Darmstädter Haarspraykonzern benannten Stiftungsprofessur für "Ästhetik", inzwischen nach Salzburg gewechselt. Sie stellte dar, wie sozialwissenschaftliches Gedankengut in die Hochglanzmagazine der Friseurbranche Eingang gefunden habe.

"Wenn ich mir vor allen Dingen die Friseurzeitschriften anschaue, die Fachzeitschriften, stoße ich immer wieder auf die Konzepte, die von der Soziologie, innerhalb der Soziologie entwickelt worden sind: neue Trends in der Gesellschaft, Individualisierung, es gibt Bastelidentitäten, es gibt Brüche in der Biografie – und die Friseure sind diejenigen, die den Leuten zu diesem neuen Image, ganz im wörtlichen Sinne als neues Bild von sich selbst, verhelfen."

Eine Bankrotterklärung der Sozialwissenschaft sieht Hahn in diesem Absinken soziologischen Bildungsguts nicht.

"Wir können ja als Soziologen eigentlich ganz froh sein: eine ganz unkritische Haltung aus Sicht der Friseure, die die Trends, die sozialen Wandlungsprozesse, die die Soziologie eben aufspürt, analysiert, beschreibt, die diese Trends eben sehr ernst nimmt in dem Sinne: wir müssen das aufgreifen, und unsere Aufgabe als Friseurunternehmen ist es, dass wir das in Konzepte umsetzen, die dann auch für uns sich marktwirtschaftlich rechnen."

In der Abschlussdiskussion kam auch die wachsende Prekarität akademischer Lebensläufe zur Sprache. Hätte die womöglich Widerstandspotenzial? Die Antwort: Dem müsse unbedingt in qualitativer Sozialforschung nachgegangen werden. Das war zweifellos zeitgemäß gedacht: Sichert doch jedes entsprechende Projekt wenigstens ein paar prekäre Lebensläufe für ein paar Jahre ab.

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