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StartseiteKultur heuteAlles andere als konventionell07.08.2017

Nachruf auf Martin RothAlles andere als konventionell

Er galt als politisch nicht steuerbar: der Kulturwissenschaftler und Museumsmann Martin Roth. Regelmäßig krempelte er die von ihm geleiteten Häuser um, machte aus dem verschnarchten V&A Museum in London das "Museum of the Year". Kultur galt ihm als globale Kraft. Roth blieb emsig, bis wenige Tage vor seinem Tod.

Von Stefan Koldehoff

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Der damalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, steht am 18.06.2010 in Dresden (Sachsen) im Albertinum vor Gemälden von Georg Baselitz. (dpa-Bildfunk / Matthias Hiekel)
Ob in Dresden, Berlin oder London: für den Kulturmanager und Museumleiter Martin Roth ging es nicht nur um die Werke, sondern um die Institution als Ganzes. (dpa-Bildfunk / Matthias Hiekel)
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"Ich bin schon ein großer Freund – aber ich weiß, dass ich nicht all zu viele Menschen hab’, die mir da folgen werden – dass Kunst einfach politisch sein muss: Zumindest dann, wenn die Zeiten so sind, dass wir auf eine klare Aussage warten. Und die haben wir zurzeit, eindeutig."

Kultur als globale Kraft

Natürlich war er noch auf der documenta in Kassel, und vorher auch in Venedig auf der Biennale – trotz schwerer Krankheit: Um zu sehen, welche Stellung die aktuelle Kunst zu den drängenden Fragen der Gegenwart nimmt. Zur wachsenden Zahl der autoritären Regime. Zur Abschaffung von immer mehr Freiheiten. Zur Niederlage von Wissen, Aufklärung und Vernunft: Werte, für die Martin Roth gestanden hat wie vielleicht kein Zweiter in der Welt der Kultur.

Sie, die Kultur, hat er als globale Kraft gesehen – als Möglichkeit, durch einen anderen Blick auf gesellschaftliche Prozesse die Welt eben doch vielleicht wenigstens ein klein wenig friedlicher und besser zu machen. Wenn man darüber mit ihm sprach, war er begeistert wie ein kleiner Junge. Wenn er mit Sponsoren, Leihgebern, Ausstellungspartnern über die entsprechenden Projekte verhandelte, entwickelte er dagegen eine professionelle Leidenschaft und Überzeugungskraft, die manche als Eitelkeit missverstanden: Dabei war Martin Roth nicht von sich selbst begeistert, sondern von den Ideen.

Forscher über die Möglichkeiten der eigenen Institution

Ob am Deutschen Historischen Museum, dem Hygiene-Museum in Dresden oder ab 2001 an den dortigen Staatsgemäldesammlungen: Überall interessierten den gebürtigen Stuttgarter und promovierten Kulturwissenschaftler nie nur die Werke selbst, sondern – vielleicht vor allem – das, was sie in und mit den Menschen anzustellen vermochten. Um das zu zeigen, krempelte er die von ihm geleiteten Häuser regelmäßig um – wurde zum ständigen Forscher über die Möglichkeiten der eigenen Institution.

In Dresden stand er beim katastrophalen Elbhochwasser 2002 mit Gummistiefeln in den Fluten – und telefonierte dabei immer wieder mit den zuständigen Ministerien, um aus der akuten Situation heraus sofort neue Strukturen, Gebäude, Finanzierungen zu sichern. Häuser wie das Grüne Gewölbe oder das Albertinum wurden komplett saniert und neu eingerichtet.

Der Generaldirektor baute internationale Kontakte in alle Welt auf, wie sie nur wenige Häuser haben. Er holte Gerhard Richter und Georg Baselitz nach Dresden zurück und stellte ein Programm für moderne und zeitgenössische Kunst auf die Beine, wie es die Stadt bis dahin nicht kannte. Für die Kooperation mit China, für eine Ausstellung zum Thema Aufklärung in Peking, wurde er heftig kritisiert; auch sie war für ihn eine Form des Dialogs.

In Berlin bewusst übergangen

Der Wechsel 2011 ans Victoria & Albert Museum nach London hatte auch politische Gründe: Als drei Jahre zuvor in der Berliner Museumslandschaft die Posten neu verteilt wurden, hatte man Martin Roth bewusst übergangen – trotz anderer Zusagen. Er galt als politisch nicht steuerbar – wenn er zum Beispiel immer wieder darauf hinwies, dass viele Museen inzwischen weder über einen Ankaufs- noch über einen gesicherten Ausstellungsetat verfügen.

Auch als Direktor in London erfand er das Museum neu: Organisierte um, plante eine Filiale auf dem ehemaligen Olympiagelände im Londoner Osten. Die begehrte Auszeichnung "Museum of the Year" für das vorher verschnarchte V&A war nicht das Ergebnis konventioneller Kulturpolitik. Sie wurde verliehen für Ausstellungen über David Bowie und die Protestbewegung der späten 60er-Jahre. Die Unterstellungen, er habe London nur verlassen, um in Berlin Kulturstaatsminister zu werden, haben Roth entsprechend getroffen. Von seinem Entschluss, das V&A nach fünf Jahren zu verlassen, erzählte er unter dem Siegel der Verschwiegenheit schon im Sommer 2016:

"Ich glaube nicht, dass ich das V&A noch besser hinbekomme, das ist wirklich eine Glückssituation. Ich kann höchstens versuchen, den Status quo so zu halten, wie er ist."

"Ich hab die ersten zwei Jahre gelitten, wie ein Hund, es war wahnsinnig schwierig, es war alptraumartig schwierig."

"Und ich weiß ganz ehrlich nicht, was ich noch besser machen könnte."

Dazu kam ein ganz privater Wunsch: Mehr Zeit für die Familie.

Und er wolle sich politisch stärker engagieren, sagte Martin Roth, ohne eine große Institution leiten zu müssen. Der wachsende Nationalismus in Europa bereitete ihm große Sorge.

"Freiheitsmethodik weiter vermitteln"

"Wir haben gelernt, uns in Debatten auseinanderzusetzen. Wir haben gewusst, was Dialektik heißt. Wir haben gewusst, was Diskurs bedeutet. Wir haben das nicht mehr weiter gegeben an ein größeres Europa. Und Demokratie lebt von Freiheitsregeln und von der Freiheitsmethodik: Wenn Sie das nicht vermitteln, brauchen Sie nicht damit zu rechnen, dass andere Wege zu den selben demokratischen Zielen führen, und das haben wir jetzt momentan. Also: Es gibt bestimmte Werte und Wertigkeiten, die einfach nicht mehr für alle verbindlich sind – und das ist natürlich besorgniserregend."

Die Diagnose, die bedeutete, dass er für sein Lebensprojekt nicht mehr viel Zeit haben würde, kam am Tag, nachdem sein Vertrag in London beendet war. Gearbeitet hat Martin Roth an diesem Projekt trotzdem noch bis wenige Tage vor seinem Tod.

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