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StartseiteKultur heute15 Minuten Literatur09.11.2015

Nachwuchswettbewerb "Open Mike"15 Minuten Literatur

Sechs Lektoren aus renommierten Verlagen wählen 20 Texte aus anonymisierten Einreichungen aus. Die bisher unveröffentlichten Autoren bis 35 Jahre tragen bei einer öffentlichen Lesung in 15 Minuten ihre Texte vor, dann klingelt der Wecker. Ein interessantes Konzept, das schon bekannte Autoren hervorgebracht hat - in diesem Jahr ging es allerdings nicht auf.

Von Cornelius Wüllenkemper

Die open mike-Gewinner 2015: Jessica Lind (v.l.), Theresia Töglhofer, Andra Schwarz und Philip Krömer (Tobias Wenzel)
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Der "Open-Mike" Wettbewerb für junge deutschsprachige Lyrik und Prosa versteht sich selbst als "Türöffner" für junge Autoren in den literarischen Betrieb. Wer hier gewinnt, dem ist der Autorenvertrag mit einem der renommierten Verlagshäuser sicher, so heißt es. Ein Blick auf die Liste der Preisträger der vergangenen Jahre scheint das zu bestätigen: Tillmann Rammstedt, Karen Duve, Julia Franck, Kathrin Röggla oder Jochen Schmidt, ihre Karrieren als Autor begann mit dem Sieg beim Open Mike. Auch in diesem Jahr haben wieder rund 600 junge Schriftsteller bis 35 Jahren ihre Manuskripte eingesandt, aus denen sechs Lektoren bekannter Verlage 20 Texte auswählten. Die Endrunde des Open Mike fand am Wochenende in Berlin statt, wo die Autoren je 15 Minuten aus ihren Texten lasen. Wie es um den deutschsprachigen literarischen Nachwuchs steht und was von den Entscheidungen der Open-Mike Jury zu halten ist, darüber berichtet Cornelius Wüllenkemper.

"Wenn wir am Ziel sind, ist alles falsch."

Bei der Preisverleihung fasste der Lyriklektor des "Open Mike 2015", Reto Ziegler, mit diesem Zitat von Thomas Bernhard ungewollt die Ergebnisse des Wettbewerbs zusammen. Eine vergebliche Suche nach Themen, über die es sich zu schreiben lohnt, allzu gewollte Versuche, neue literarische Formen für das Zeitalter der sogenannten sozialen Medien zu finden, ebenso hilflose wie beliebige Entscheidungen der Jury. Dabei hatte alles so gut angefangen am Samstag Mittag mit der Österreicherin Hilde Drexler und ihrem Text über den Versuch, einen literarischen Text zu verfassen.

Wenn das mal nicht komisch wirkt. Ach, viel zu schwülstig, viel zu schwülstig. Wortbombast, so wird man nicht Literatur, viel zu pathetisch, das ist nicht in. Kitsch wird es heißen. Und: Stabreimobsession. Besser wäre so vergeistigtes Gefasel: In ihrem Kopf mäandern die Gedanken oder so was. Viel zu harmlos alles. Ach, schlecht, alles schlecht! Ort unbestimmt und Zeit unbestimmt und ganz auf Märchen, keine politische Aktualität, kein moralischer Zeigefinger, keine Körperflüssigkeiten, also keine Literatur, keine Literatur, Fantasy. Etikett: Fantasy ... keine Literatur, ganz ohne Drachen. Oder noch schlimmer: gar keine Schublade und nicht zu veröffentlichen, ach, verdammt!"

Mit dieser ironischen Innenschau einer jungen Autorin hatte Hilde Drexler, die übrigens als Judo-Kämpferin in der österreichischen Nationalmannschaft 2012 an den Olympischen Spielen teilnahm, eigentlich schon alles gesagt.

Viel vergeistigtes Gefasel

Beim "Open Mike 2015" gab es an den kommenden zwei Tagen wirklich viel "vergeistigtes Gefasel" und malade Befindlichkeitsliteratur, daneben ein wenig Fantasy mit Zeitmaschinen und Märchenwesen, langweilige Familienfeiern ohne einen Funken an Geheimnis, Klassenfahrten mit Alkoholikerlehrern. Und auch nicht wenige Texte, bei denen man bis zum Ende nicht verstand, worum es überhaupt geht.

"Ganz weit hinten in ihrem Kopf hört sie dieses Wort, Mama. Es wiederholt sich, wird lauter. Ada wird aus der Lethargie gerissen. Sie wendet sich zum Fenster, das zum Garten hinausgeht. Mama! Luise ist aufgestanden, hilfesuchend sieht sie sich um und schreit nach ihrer Mama. Ein paar Meter weiter steht der Hund. Der große, graue Hund. Die Ohren nach hinten gelegt, die Zähne gefletscht. Der Hund steht da und Luise steht da und Ada bleibt auch stehen, ohne sich zu rühren. Und sie sieht hinunter auf das Bild und fragt sich, warum da nichts ist in ihr, außer dieser tiefen Dunkelheit."

Eben, da ist nichts. Im Text "Mama" der 27-jährigen Wienerin Jessica Lind über das Erleben einer Mutter von Schwangerschaft und Geburt ist vor allem kitschige Pose und der missglückte Versuch, mit lakonischen, weitgehend bedeutungslosen Sätzen Mitgefühl für das beschwerliche Muttersein zu erzeugen. Am Ende gewann dieser Text einen der zwei Prosa-Preise des "Open Mike". Jurymitglied Jan Brandt schwärmte:

"In ganz feinen Nuancen bricht das Unheimliche in diese vermeintlich geordnete Welt hinein."

Beliebige Begründungen

Und lieferte damit eine reichlich beliebige Begründung, die so in etwa auf jeden guten oder schlechten literarischen Text passt. In Theresia Togelhöfers Beitrag "Das pure Leben", der den zweiten Prosa-Preis des "Open Mike" erhielt, ging es um ein junges Paar mit Hang zu starkem Alkohol und Zigaretten, das in drei Jahren 18 Fernreisen unternimmt und doch nirgends ankommt. Hier war immerhin ein Stück möglicher Wirklichkeit zu spüren. In Togelhöfers Text schien ein Grundmotiv der Wettbewerbsbeiträge durch, in denen die Protagonisten ihr Leben eher über sich ergehen lassen wie unbeteiligte Zuschauer, ohne es ändern zu wollen.

Der Lyrikpreis ging an Andra Schwarz aus Leipzig für ihre kontemplativen Naturgedichte über ihre Heimatregion an der sorbisch-polnischen Grenze – auch dies eine mutlose Entscheidung der Jury, mit dem der "Open Mike" weder sich selbst noch den Nachwuchsautoren einen Gefallen tut.

Unverständlich bleibt, wieso weder Lena Rubeys literarische Annäherung an die Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer, noch Eckhard Waldsteins gegen die Gegenwart aufbegehrende Gedichte beachtet wurden. Der "Open Mike" 2015 prämierte Literatur, die sich ausdrücklich nicht an der Wirklichkeit reibt. Wenn dies der Versuch war, nach langem wieder Preisträger zu küren, die auch nach dem Wettbewerb auf dem Markt bestehen, dann hat der "Open Mike" der Literatur einen Bärendienst erwiesen.

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