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StartseiteSport am WochenendeNacktkontrollen bei Fußballfans13.01.2013

Nacktkontrollen bei Fußballfans

Polizei und Fans arbeiten gemeinsam Nacktkontrollen auf

Beim Pokal-Achtelfinale zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Köln kam es zu unangekündigten Nacktkontrollen durch die Polizei bei Kölner Fans. Die aus polizeilicher Sicht notwendige Maßnahme wurde jetzt mit den Betroffenen aufgearbeitet, damit in Zukunft darauf verzichtet werden kann.

Von Thorsten Poppe

Polizei im Fußballstadion. (picture alliance / dpa / Arne dedert)
Polizei im Fußballstadion. (picture alliance / dpa / Arne dedert)

Mittwoch, 19. Dezember 2012: Pokalspiel zwischen dem VfB Stuttgart und dem 1. FC Köln. Für mehr als 30 Kölner Fans bleibt diese Auswärtsfahrt noch lange in Erinnerung. Denn als sie nach mehrstündiger Fahrt mit ihrem Bus direkt von der Polizei in die Stadionwache geleitet wurden, folgte eine bisher im deutschen Fußball beispiellose Untersuchung. Jeder Insasse wurde mit einem Schild fotografiert, auf dem seine Busreihe und seine Platznummer vermerkt waren. Danach, so erzählt uns ein 32-jähriger betroffener FC-Fan, ging es erst richtig los. Jeweils zwei Polizeibeamte in voller Kampfmontur nahmen danach jeden einzeln mit zu weiteren Kontrollen:

"Und dort ging es dann weiter. Dort musste man sich dann entkleiden. Da ging es dann schon, darum: T-Shirt aus, Jacke aus, im Grunde alles aus. Also bei mir persönlich war es zum Beispiel Unterhose auch aus. Bei anderen Kollegen haben sie hinten reingeguckt, komplettes Programm eigentlich. So wie man das im Grunde in den Wochen zuvor lesen konnte, also diese vielbeschworene Ganzkörperkontrolle war das Schlagwort, fand dann dort tatsächlich statt. Und irgendwann relativ spät, hat mir dann einer mal auf mehrfaches Nachfragen offenbart, worum es bei dieser ganzen Aktion überhaupt ging."

Die Polizei hatte durchaus einen strafrechtlichen Ansatz, den sie dabei verfolgte. Auf der Fahrt hatte wohl einer der Businsassen unbemerkt von allen anderen auf einem Tankstellen-Rastplatz einen Böller gezündet. Da der FC-Fanbus leicht zu identifizieren war, kam die entsprechende Anzeige schnell zu den Einsatzkräften ins Stuttgarter Stadion. Und die nahmen die so genannte Beweissicherung auf.

Dennoch wird am Vorgehen der Polizei Kritik laut, denn nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte handelt es sich bei dem Böllerwurf und deren Besitz nur um eine Ordnungswidrigkeit. Und eben um keine Straftat, die einen solchen massiven Einsatz rechtfertige, wie Frank Hatlé von der AG Fananwälte erklärt:

"Im Konkreten hatte das Oberverwaltungsgericht Saarlouis im Jahr 2007 über einen ähnlichen Fall zu entscheiden. Dort ist eine Businsassin, auch einer Nacktkontrolle unterzogen worden, weil gemutmaßt wurde, dass sie etwa pyrotechnische Gegenstände für Störer in das Stadion schmuggeln würde. Dort hat das Oberverwaltungsgericht festgestellt, dass eine Nacktkontrolle in dieser Weise hier nicht rechtmäßig gewesen ist als Gefahrermittlungsmaßnahme sozusagen."

Für die Polizei war das Vorgehen dagegen nicht unverhältnismäßig, und letztendlich berechtigt. Denn sie fand mehrere in Deutschland nicht zugelassene Feuerwerkskörper, so genannte "Polen-Böller", die laut den bisherigen Ermittlungen fünf Personen zugeordnet werden konnten, die dafür wegen Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz, Widerstand gegen die Staatsgewalt, und Beamtenbeleidung mehrere Anzeigen kassierten. Alle anderen aus dem Bus hatten eben das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, wie der in Stuttgart anwesende, szenekundige Polizeioberkommissar Matthias Ballentin aus Köln erklärt:

"Die Maßnahme hat in ihrer Ausführung gezeigt , dass wir Täter identifiziert haben, und nicht gesagt, im Bus wurde allgemein Pyrotechnik gefunden. Sondern im Bus wurde Pyrotechnik gefunden, und dieses wurde Tätern zugewiesen. Pyrotechnische Gegenstände aufzufinden, das besagt, dass man schnellstmöglich in diesen Bus reinkommen muss, um auch wirklich Pyrotechnik an den Leuten zu finden. Es kann passieren, wenn ich dann langsam, reingehe und man sieht, dass die Polizei kommt, dann werden die Leute, die Pyrotechnik dabei haben, sich dieser entledigen. Und dann wird man hier keinem Täter habhaft."

Im Zuge der hitzig geführten Diskussionen um das DFL-Sicherheitspapier, und dem mehr als zerrütteten Verhältnis zwischen Fußballfans und der Polizei, ist dieser Fall ein Musterbeispiel für die Sicherheitsdebatte im deutschen Fußball, der Fragen aufwirft, wie das Verhältnis zwischen den gewählten polizeilichen Mitteln und den damit verbundenen Konsequenzen bei den Fußballfans sein darf. Denn dass die Polizei in dem geschilderten Fall aktiv werden musste, steht außer Frage. Nur die Art und Weise ist diskutabel. Und die wurde jetzt mit allen Beteiligten aufgearbeitet, als man sich diese Woche an einen Tisch setzte. Für den Polizeioberkommissar Matthias Ballentin ein echter Erfolg, der zum Vorbild für zukünftige Konflikte zwischen Polizei und Fans werden könnte:

"Es ist ein schockierendes Erlebnis, wenn man selber erst einmal für sich weiß, ich bin unschuldig, ja. Zu diesem Zeitpunkt konnte das aber keiner von der polizeilichen Seite zu 100 Prozent ausschließen. Aber nach der Aufbereitung haben mir drei Beteiligte gesagt: Okay, sie verstehen das. Sie sind trotzdem schockiert, und das ist auch ihr gutes Recht."

Auch Frank vom Fanklub Rut-Wiess Colonia, der die Fahrt veranstaltet hat, kann nach dem Gespräch das Verhalten der Polizei gut nachvollziehen. Er hätte nur gerne viel früher den Sinn der Untersuchungen erfahren. Für die Zukunft will er jedenfalls vermeiden, dass wegen ein paar Idioten der ganze Fußball leidet:

"Was wir aus Stuttgart gelernt haben, ist für uns, dass wir den Dialog weiterhin forcieren werden, dass wir einfach Verständnis für die Gegenseite haben müssen. Und die Polizei ist in Deutschland für die Strafverfolgung zuständig, und nicht für die pädagogische Arbeit. Auch wenn wir uns natürlich den Dialog einfach vorher gewünscht hätten, um vielleicht auch die viel gewollte Selbstreinigung einfach auch durchführen zu können."

Diese gemeinsame Aufarbeitung macht Mut, dass die bestehenden Gräben zwischen der Polizei und den Fußballfans in der aufgeheizten Sicherheitsdebatte ein wenig kleiner werden und den Sport wieder in den Vordergrund rücken lassen.

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