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StartseiteBüchermarktNahe am Wahnsinn04.02.2004

Nahe am Wahnsinn

Herta Müller über einen König, der tötet

Ein Kind steht in der Landschaft, in einem riesengroßen Tal, und verschwindet in dessen Mitte. Es steht einsam und verloren da, ganz auf sich gestellt, und muss bis zum Abend dort bleiben, die Kühe hüten, bis der vierte Zug vorüber ist. Der "Talhimmel ein großer blauer und die Wiese ein großer grüner Dreck" und das Kind" ein kleiner Dreck dazwischen, der nicht zählt", "dem Fraß der Gegend ausgeliefert". Das Kind kneift sich rote Flecken in die Haut, um sich im langen Tag nicht abhanden zu kommen, es probiert der Milchdiestel neue Namen an, versucht es mit "Stachelrippe" oder "Nadelhals", um sie in ein Gespräch zu ziehen. Vielleicht kann sie ihm ja erklären, was sein Leben wert ist

Von Katharina Narbutovic

Hertha Müller, "Der König verneigt sich und tötet", Coverausschnitt (Hanser Verlag)
Hertha Müller, "Der König verneigt sich und tötet", Coverausschnitt (Hanser Verlag)

Ein typisches Bild, ist man versucht zu sagen, in dem der fremde Blick" von Herta Müller steckt mit seinem Zusammenspiel aus verstörender Welt ringsum und ganz eigener poetischer Sprache von großer Ausdruckskraft, wenn es nicht gerade hier so auf Genauigkeit ankäme. Ein "fremder Blick" wird Herta Müller oft bescheinigt, und in der Regel meint man damit, dass sie aus Rumänien nach Deutschland gekommen ist und das Leben hier mit "fremden Augen" sieht. Für Herta Müller aber ist der "fremde Blick" etwas völlig anders. Für sie ist er keine Eigenart ihres Schreibens, sondern aus dem Alltag in Rumänien mitgebracht, hat mit Einsamkeit und Angst, Verfolgung und Todesdrohungen zu tun, mit Beschädigungen, die sich tief eingegraben haben und einen an den Rand des Wahnsinns treiben. Der "fremde Blick", das ist, wenn einem Vertrautes wegrutscht und es für das, was im Kopf passiert, keine Worte mehr gibt. Und genau darum geht es in den neun Texten, die in Herta Müllers neuem Buch "Der König verneigt sich und tötet" versammelt sind: um die Umstände, die den "fremden Blick" hervorgerufen haben, den Irrlauf im Kopf, den er ausgelöst hat, und die Frage, wie das Erlebte sagbar gemacht werden kann. Entstanden ist im Zusammenspiel der Texte ein sehr persönliches, offenes Buch, das vom Herta Müllers Sprachmagie durchzogen ist und den Leser mitnimmt in die rumäniendeutsche Kindheit auf dem Lande, ins Dorf, in dem das Schweigen herrschte, auf den Asphalt der Stadt, wo die Verfolgung einsetzte und die Dinge Schatten bekamen, sowie vor allem in die Werkstatt des Schreibens, denn die zentrale Frage des Buches, die hinter allem steht, schwingt immer mit: Wie läßt sich das Unsagbare sagen, wenn die Worte dazu nicht ausreichen?

Das Unsagbare fängt bei Herta Müller schon in der Kindheit an mit einer Familie, in der keiner ohne Beschädigung aus dem Mühlrad der Geschichte herausgekommen ist, mit Eltern, die sich jeden Tag streiten und die keinen Platz haben für das Kind dazwischen, mit einer Umgebung, die den Tod atmet, die nichts anderes ist als ein "blühender Leichenschmaus", und mit Tagen, die aus Alleinsein, Arbeit und Überforderung bestehen.

Das ist die Situation, in der ich mich oft gefragt habe, was ist mein Leben wert, ne, also wo ich dachte, ja, ich bin der letzte Dreck, und das ist alles so schwer im Leben. Und ich war vielleicht sechs, sieben Jahre alt, und dich dachte, es ist alles so schwer, das Leben ist ja so schwer. Und ich dachte, Mensch, meine Mutter ist jetzt dreißig, die leben schon so lange, wie hält man das überhaupt aus? Ja, es gab selten was, was schön war, was, wo ich mich hätte freuen können. Und dadurch kam sehr oft diese Frage: Was ist mein Leben wert? Und ich war mir dessen bewußt, es zählt nicht, ich zähle nicht, die Umgebung ist auf Tod aus, die ganze Landschaft, die schuften und schuften, und dann fallen sie um und die Erde schluckt sie, und dann ist vorbei. Und das habe ich schon als Kind immer präsent gehabt. Und darum auch die Vorstellung, dass das Tal mich eines Tages frißt. Dieses große, grüne Tal, und als Winzige, die ich da rumstehe, das, irgendwie sieht mich das alles an, und der Himmel von oben, und die Erde von unten, und irgendwie sieht mich das alles immer so an, und eines Tages wird es mich dann verschlucken.

So ist die Angst von Anfang an gegeben als Konstante, die sich durch das Leben zieht. Erst die kopflose Kinderangst allein im Tal mit den Kühen und beim obligatorischen Besuch bei den aufgebahrten Toten im Dorf mit ihren bläulichen Fingernägeln und den schon grünen Ohren, und später dann die sehr begründete, sehr reale Stadtangst, die Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst, die Verhöre, Wohnungsdurchsuchungen, Bespitzelungen und Todesdrohungen, der ganze Mechanismus aus perfiden Schikanen und gezielten Versuchen, einen Menschen zu zerstören, wie wir ihn schon aus Herta Müllers Romanen "Herztier" oder "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet" kennen. In "Der König verneigt sich und tötet" geht es aber um mehr, nämlich um Herta Müllers Poetik, um den Weg vom Erlebten zum Satz. Und hierbei ist eine zentrale Figur der König.

Der König kommt aus der Kindheit von Herta Müller. Er steckt in den schiefen, buckligen Königen aus dem selbstgeschnitzten Schachspiel des Großvaters, in den mit Hobelspänen gefüllten Kissen für die Toten, von denen es immer hieß, sie sind weich wie für einen König, in den Wetterhähnen auf dem Dach und den Hühnern im Hof, mit Königskronen statt Kämmen, in dem Reim "alleenig-wenig-Kenig", den das Kind sich im weiten, grünen Tal aufgesagt hat. All diese Holz-, Blech- und Fleischkönige, sie zusammen sind der "Dorfkönig". Der "Stadtkönig" dagegen ist ein "Staatskönig", der "an der Schnittstelle von Leben und Sterben" agiert und dessen Werkzeug die Mechanismen der Repression sind. Oder wie Herta Müller es ausdrückt: "Der Dorfkönig ‚verneigte sich ein wenig‘, er torkelte, wie die Gegend torkelt. Man lebte in dieser Gegend, die sich selber fraß, bis sie einen mitfraß. Bis man an sich selber starb. Erst der Stadtkönig lieferte den zweiten Teil des Satzes: ‚der König verneigt sich und tötet‘. Das Werkzeug des Stadtkönigs ist die Angst. Nicht im Kopf gebaute Dorfangst, sondern geplante, kalt verabreichte Angst, die die Nerven durchbeißt." Und schließlich gibt es noch einen dritten König, es ist der "König der Lebensgier in der Todesangst", das "Herztier".

Ich habe, glaube ich, als Kind die Ängste in den König projiziert, und der König hat Ängste oder Situationen strukturiert. Durch das Wort hab ich mir eine Person gebaut. Eine künstliche Person, die natürlich ein Pendant hatte in dem Schachkönig, und diese Person, diese erfundene Person hat glaube ich damals vieles strukturiert, was ich nicht in den Griff bekommen habe und was mit Angst zu tun hatte. Und dann in der Stadt ging das natürlich weiter. Und ich hab mir natürlich auch einen König zugeschrieben, vielleicht auch, um dem anderen König zu zeigen, dass ich ihm gewachsen sein will. Also, dass du dir jeden Tag bewußt wirst, ich lebe gern. Ich will leben. Ich liebe mein Leben, ich liebe diesen Tag. Und das war für mich auch ein König. Also, diese Einsicht und dieses Sich-lieben-Müssen, weil man bedroht wird, das war für mich vielleicht der glaubhafteste Grund, der mir je bewusst wurde, weshalb ich leben möchte. Und das ist der andere König.

Doch damit ist der König erst im Kopf, er steht noch nicht im Text, und die Frage ist: was passiert auf dem Weg dazwischen? Wie läßt sich Gelebtes mit Worten fangen, wenn dem, was sich im Kopf abspielt, mit Worten eigentlich nicht beizukommen ist, weil die Welt der Gedanken und die Welt der Schrift gänzlich anderen Regeln folgen? Das Denken ist wie das Schweigen, in beidem existieren die verschiedensten Welten nebeneinander. Das Schreiben ist wie das Reden, hier lassen Welten sich nur stückweise bauen, ein Wort nach dem anderen. "Das Gelebte pfeift aufs Schreiben", sagt Herta Müller, es "ist mit Worten nicht kompatibel. Wirklich Geschehenes läßt sich niemals eins zu eins mit Worten fangen. Um es zu beschreiben, muß es auf Worte zugeschnitten und gänzlich neu erfunden werden." Was also geht ist, im Schreiben Punkte zu bauen, die Drehungen im Kopf auslösen und die Gedanken des Lesers dahin ziehen, wo sich keine Worte aufhalten.

Also, ich will was erzählen, ich will was sagen. Und um das zu machen, muß ich ja in die Sprache gehen in meinem Fall, und dann muß ich das suchen, ich muß so lange suchen, bis ich den Eindruck habe, es tangiert irgendwo, es kommt einigermaßen in die Nähe. Und dem kommt es nur in die Nähe, wenn ich es ganz anders mache, also, wenn ich es zertrümmere und wenn ich es durch Sprache noch einmal zusammensetze. Und wenn ich dann Glück habe, erwische ich wieder viele Kleinstdetails, die in der Zusammensetzung von sich aus vielleicht wieder etwas ergeben, was dem, was ich mitschleppe, in die Nähe kommt. Ich kann den Schock, den ich erzeugen will, nicht berechnen. Das ist für mich etwas Instinktives. Und wenn es diese Drehungen im Kopf auslöst, die das ganze viel weiter katapultieren, als der Satz in sich ist, das sind Sachen, die kann man, also ich kann sie für mich beim Schreiben nicht berechnen, nur freu ich mich natürlich immer sehr, wenn ich in Büchern so was finde. Es ist für mich die einzig feststellbare Qualität.

Und wo ist nun der König gelandet? Er steckt im Reim von Herta Müllers Collagen, weil der Reim den König in die "Herzklopftakte zurückzwingt, die er verursacht hat". "Der König verneigt sich und tötet" nimmt den Leser mit in das große Atelier der Sprache, in dem Herta Müller ihre Sätze schneidert, es führt ihm die Stoffe und ihre Beschaffenheit vor, zeigt die Fäden, Knöpfe und Pailletten, die so schön funkeln, doch was genau es nun ist, das ihren Worten die große Strahlkraft verleiht – das bleibt weiter das Geheimnis der Meisterin.

Herta Müller
Der König verneigt sich und tötet
Hanser, 205 S. EUR 17,90

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