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StartseiteTag für TagMit den Augen der Opfer23.11.2016

Naher OstenMit den Augen der Opfer

Andreas Knapp, ein Ordensmann aus Leipzig, engagiert sich für Flüchtlinge. Und er interessiert sich für ihre Geschichte. Zum Beispiel für das Schicksal des Irakers Yousif. Als dessen Vater stirbt, begleitet Andreas Knapp den aramäischen Christen zur Beerdigung in den Nordirak. In dem Buch "Die letzten Christen" fasst er seine Eindrücke zusammen.

Von Marie Wildermann

Christinnen in Ankawa, die für die Befreiuung ihrer Heimatstadt Mossul beten (picture alliance / EPA / AHMED JALIL )
Christinnen in Ankawa, die für die Befreiuung ihrer Heimatstadt Mossul beten (picture alliance / EPA / AHMED JALIL )
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Mit drei Ordensbrüdern lebt Andreas Knapp in einer Art Männer-WG in einer bescheidenen Wohnung inmitten einer Hochhaussiedlung im Südwesten von Leipzig. Andreas Knapp:

"Wir wohnen hier in Leipzig-Grünau in einer Plattenbausiedlung, wo sehr viel Leerraum ist, Wohnungen, die leer stehen, und seit gut zwei Jahren sind immer mehr Geflüchtete hier eingezogen, in unmittelbarer Nachbarschaft. Ich kam mit einigen ins Gespräch, man hilft beim Möbeltransport, freundet sich ein bisschen an, lädt sich ein, und da bin ich eben auf Christen gestoßen, die aus Syrien oder dem Irak sind. Und sie haben mir ihre Geschichten erzählt."  

Selbstverständlich kümmere er sich auch um muslimische Flüchtlinge, sagt Andreas Knapp, aber da sein Buch von christlichen Flüchtlingen handelt, geht es hier ausschließlich um sie. 

Der deutsche Priester und Dichter Andreas Knapp. (Foto: privat)Der deutsche Priester und Dichter Andreas Knapp. (Foto: privat)

Als der aramäische Christ Yousif ihm berichtet, dass sein im Nordirak verbliebener Vater verstorben sei und er zur Totenfeier in den Irak reisen wolle, sagt Andreas Knapp spontan zu, ihn zu begleiten. Sie fliegen nach Erbil, in die "Autonome Region Kurdistan", unweit der Frontlinie des IS, wo Zigtausende christliche Flüchtlinge in Flüchtlingslagern leben. Die Reise zur Totenfeier wird eine Reise in die untergehende Welt der Christen des Nahen Ostens. "Selbst mir als Priester und Theologen", schreibt Knapp in seinem Buch, "war die bewegende Geschichte der Christen in Syrien und im Irak lange Zeit unbekannt".

Leben in Containersiedlungen

Ankawa. Die kleine Stadt zwischen Erbil und Mossul im Nordirak gehört mit ihrer fast 2000-jährigen Geschichte zu den ältesten christlichen Stätten. Hier wird bis heute Aramäisch gesprochen, die Sprache Jesu. Viele, die vor dem IS aus Mossul geflohen sind, der Zwei-Millionen-Metropole am Tigris, haben sich hierher gerettet, leben in endlosen Containersiedlungen.

Lange galt Mossul als Zentrum des östlichen Christentums, es gab viele Kirchen und Klöster. Fast eine Viertelmillion Christen lebte 1990 noch in Mossul. Mit zunehmender Islamisierung begann ein schleichender Exodus, der sich ab 2003, nach der US-Invasion, noch verstärkte. Nach dem Überfall des IS im Sommer 2014 gibt es keine einzige christliche Familie mehr in Mossul.

Die Lebensgeschichten, die Andreas Knapp auf der Reise im Nordirak hört, sind genau wie die der Flüchtlinge in Deutschland durchtränkt von Diskriminierung, Bedrohung und Gewalt. Wer es sich leisten konnte, ist geflohen, nach Europa, in die USA, nach Australien. Andreas Knapp sagt:

"Es gab schon vorher immer islamistische Bewegungen, die die Christen unter Druck gesetzt haben, Al Kaida steht als Name dafür, und der IS ist sozusagen nur eine Weiterentwicklung in einer besonders radikalen Form. Daher hatten die Christen auch schon vorher sehr stark unter diesen Bedrängungen zu leiden, Attentate, Entführungen, Erpressungen, Brandstiftungen, Zerstörungen von Kirchen, das ist schon seit vielen Jahren so, hat sich dann immer mehr zugespitzt und der IS hat dann nur diese schreckliche Arbeit vollendet, indem er die letzten Christen noch vertrieben hat."

Eine schwere Entscheidung

Auch Yousif, mit dem Andreas Knapp unterwegs ist, bekam, als er noch in Mossul lebte, mehrfach Morddrohungen, die ihn vor eine furchtbare Wahl stellten: Entweder bei seinem kranken Vater bleiben und damit seine Frau, die Kinder und sich selbst gefährden. Oder zu fliehen und den kranken Vater allein zurücklassen. Der Vater drängte ihn zu gehen.

Yousif floh mit seiner Familie nach Deutschland, bekam in Leipzig Asyl. Lange hatte er auf ein Wiedersehen mit seinem Vater gehofft. Doch dann wurde es ein Besuch am Grab und eine tränenreiche Begegnung mit Verwandten, Freunden, Bekannten. Alle, die Yousif und Andreas Knapp treffen bei dieser Totenfeier, sind Binnenflüchtlinge, alle haben sie furchtbare Geschichten zu erzählen.

Der syrisch-orthodoxe Priester, der für die Gemeinde von Yousifs Familie zuständig war, wurde von muslimischen Extremisten entführt und enthauptet, seine Leiche in Stücke geschnitten. Ausgehend von den aramäischen Christen im Nordirak, begibt Knapp sich im zweiten Teil seines Buches auf historische Spurensuche der Christenheit im Nahen Osten:

"Genau vor 100 Jahren gab es große, brutale Massaker an den Christen, im osmanischen Reich damals noch, an den Armeniern, aber auch an den Griechen und den Aramäern, wobei die letzteren eben ganz vergessen worden sind."

Geschichte aus der Opferperspektive

Die Aramäer, die manchmal auch assyrische oder syrische Christen genannt werden, gehören zu den ursprünglichen Bewohnern der Region, die sich von der heutigen Ost-Türkei über den Norden des Irak und Nord-Syrien erstreckt. Knapp kehrt zurück zu den Anfängen des Christentums, den Missionsreisen der Apostel, den ersten Jahrhunderten, in denen sich vor allem in den Klöstern eine reiche Tradition in Wissenschaft, Kultur und Liturgie entwickelte, bis zu den Christen als unterdrückter Minderheit und bis zum Genozid an den Armeniern und den derzeitigen Verfolgungen durch radikale Muslime und durch den IS.

Knapp erzählt die Geschichte des Nahen Ostens aus der Perspektive der Christen, die zunächst, in vielen Regionen, lange Zeit die Bevölkerungsmehrheit stellten, doch unter muslimischer Herrschaft ins Abseits gedrängt, zwangskonvertiert oder vertrieben wurden. Die europäischen Kirchen haben sich für das Schicksal der orientalischen Christen lange gar nicht interessiert, meint Andreas Knapp:  

"Insgesamt, glaube ich, haben wir unsere Glaubensgeschwister im Orient oft vergessen. Auch das ist mir ein Anliegen, ihre Geschichte wieder mehr in den Blickpunkt zu rücken, damit sie gewürdigt werden, damit wir auch hier in Europa solidarisch sind mit denen, die für ihren christlichen Glauben im Orient verfolgt werden."

Knapps Buch "Die letzten Christen" ist eine Geschichtsschreibung aus der Perspektive der Opfer. Es versucht zu erklären, warum das einst so reiche Christentum des Nahen Ostens im Laufe der Jahrhunderte immer weiter dezimiert wurde. Und dass angesichts der Islamisierung der gesamten Region in den letzten Jahren die Hoffnung vieler christlicher Flüchtlinge auf Rückkehr in die alte Heimat geschwunden ist.

Das Buch "Die letzten Christen - Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten" von Andreas Knapp ist im Adeo Verlag erschienen und für 17,99€ erhältlich.

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