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Nahöstliche Machtspiele

Das Tauziehen um Syrien

Von Michael Thumann, "Die Zeit"

Panzer in Syrien.
Panzer in Syrien. (picture alliance / dpa/Syrian News Agency Sana / Handou)

Wer Syrien dauerhaft befrieden will, muss Saudi-Arabien und Iran an einen Tisch zu bringen. Denn die beiden Energiegroßmächte am Golf ringen seit langer Zeit um die Vormacht im Mittleren Osten - auch in Syrien, kommentiert Michael Thumann, "Die Zeit".

Was in Syrien passiert, kann nicht in einer Sommeroffensive mit etwas Luftunterstützung der NATO und der arabischen Freunde beendet werden. Hier ist ein Bürgerkrieg in vollem Ausmaß entbrannt. Er wird möglicherweise noch länger, blutiger und verheerender als der im Irak seit 2003. Der Leiter der letzten UN-Mission in Syrien, General Robert Mood, hat Recht. Selbst mit dem Fall von Assad könnte dieser Krieg nicht vorbei sein. Vielleicht geht er dann auch erst richtig los.

Und das liegt daran, dass sich in Syrien drei große Konflikte überlagern. Ein nationaler, der am Anfang war, dann ein regionaler und ein weltpolitischer Konflikt.

In Syrien kämpfen die Truppen des Herrschers Baschar al-Assad und die mit ihm verbündeten Syrer gegen die syrischen Rebellen und weite Teile der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit. Auf der Weltbühne im Sicherheitsrat der UN ringt der Westen unter Führung der Vereinigten Staaten mit den Chinesen und Russen, die jede Verurteilung und Bestrafung ihres Verbündeten Assad blockieren. Diese Gegensätze müssen sich nicht Jahre hinziehen. Doch der dritte Konflikt – der regionale – ist der folgenschwerste: Er kann noch lange dauern.

Syrien ist zum Schlachtfeld der beiden großen Antipoden der Region geworden: Die beiden islamistischen Staaten Saudi-Arabien und Iran befehden sich seit Jahrzehnten. Hier in Riad die Schutzmacht der Sunniten und der heiligen Stätten des Islam. Dort in Teheran die Vormacht der Schiiten. Hier das konservative Königshaus al Saud, dort die revolutionär-islamische Diktatur der Mullahs. Die beiden Energiegroßmächte am Golf ringen seit langer Zeit um die Vormacht im Mittleren Osten. Schauplätze sind die Golfregion, der Libanon, Palästina, Jemen, seit 2003 der Irak und nun Syrien.

Für Iran ist Assads Syrien der neben Irak einzige freundschaftlich gesonnene arabische Staat, Bindeglied zwischen Irak und Libanon und Anlegesteg am Mittelmeer. Für Saudi-Arabien ist Assads Sturz die große Chance, Iran entscheidend zu schwächen. Man möchte selbst in Syrien Schutzmacht der Sunniten werden, die fast drei Viertel der Bevölkerung stellen.

Längst sind beide Staaten militärisch engagiert. Iran beliefert Assad mit Waffen aller Art, Raketen sind auch darunter. In Syrien kämpfen iranische Milizen seit an seit mit Regierungstruppen, iranische Militärberater sind seit Langem im Land. Seitdem Assad ganze Städte bombardiert, reagiert Saudi-Arabien mit der Aufrüstung der Opposition. Es ist nicht bewiesen, dass Riad Waffen schickt, aber gesichert, dass viel Geld für Waffen fließt.

Neben den Saudis unterstützt die Gasgroßmacht Qatar die Rebellen in Syrien mit Geld und Ausrüstung. Die Türkei kommt hinzu. Premier Tayyip Erdogan wirft Assad vor, Syrien systematisch zu zerstören und radikalen Kurdengruppen freie Hand an der türkischen Grenze zu geben. Erdogan fordert Assads Sturz, bietet syrischen Flüchtlingen Zuflucht und lässt die Freie Syrische Armee von türkischem Boden aus operieren. Die große Befürchtung der Türkei ist ein militanter kurdischer Protostaat auf syrischem Boden. Deshalb ist sie an einer zügigen Machtübernahme durch eine arabisch-sunnitische Regierung interessiert.

Doch sollte Assad fallen, dürfte der Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und Iran in die nächste Runde gehen. Iran wird es nicht zulassen, dass ein sunnitisches, pro-saudisches Regime die Macht ergreift. Iranische Soldaten dürften die Assad-Nachfolger stützen und den Kampf solange fortführen, bis Syrien endgültig unregierbar wird. Saudi-Arabien wird dagegen die Freie Syrische Armee hochrüsten.

Das Problem an diesem Gegensatz ist: Sobald eine Seite die Überhand gewinnt und in der Lage wäre, eine Regierung zu bilden, wird die Gegenseite alles tun, um Chaos und Zerstörung zu säen. In den Verwerfungen des Konflikts nisten sich längst Milizen ein, die keiner Seite mehr gehorchen. Säkulare Freischärler, islamische Dschihadis, El-Kaida-Terroristen.

Wer Syrien dauerhaft befrieden will, kommt nicht drumherum, Saudi-Arabien und Iran an einen Tisch zu bringen. Und das könnte die schwerste Übung von allen sein.

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